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Gasprom vs. Minsk: Jeder dreht am Gashahn

Wie schon Anfang dieses Jahres, steht dem Gasmarkt ein Preisstreit bevor, unter dem auch Westeuropa leiden könnte. Diesmal drohen der Energieriese Gasprom und Weißrussland beide mit dem Aus für Gaslieferungen.

Der Erdgas-Streit zwischen dem russischen Gasprom-Konzern und Weißrussland eskaliert: Weißrussland drohte indirekt damit, Gaslieferungen nach Westeuropa zu unterbrechen. Gasprom-Chef Alexej Miller kündigte im Gegenzug an, der Konzern werde Weißrussland am 1. Januar den Gashahn abdrehen, sollte bis dahin kein neuer Vertrag mit höheren Preisen abgeschlossen sein.

Lieferschwierigkeiten für Europa

Gasprom-Chef Miller sagte, der Konflikt mit Weißrussland könne auch in Europa zu Lieferschwierigkeiten führen. Der Gasriese habe seine Kunden bereits informiert. Sein Sprecher Sergej Kuprijanow warnte im Interview mit dem russischen Radiosender "Majak", Minsk könnte für den Eigenbedarf einen Teil des für Westeuropa bestimmten Gases aus den Transitpipelines abzweigen.

Man werde keine weiteren Zugeständnisse an Weißrussland machen, so Kuprijanow. Der Konzern wollte ursprünglich den Preis für Weißrussland von 46 auf 200 Dollar pro 1000 Kubikmeter Gas mehr als vervierfachen. Zuletzt hatte der Gasriese seine Forderung für 2007 auf 105 bis 110 Dollar gesenkt für den Fall, dass er die Kontrolle über das strategisch wichtige Transitpipelinenetz Weißrusslands erhalte. Das Preisniveau von 200 Dollar sollte demnach erst 2011 erreicht werden.

Mit Aktien bezahlen

Nach Medienberichten sollte Minsk einen Teil des Gaspreises mit Aktien seiner Transitfirma Beltransgas bezahlen. Die weißrussische Führung will die Anteile bislang nur gegen Geld verkaufen.

Der weißrussische Vize-Energieminister Eduard Towpenez sagte, russische Transitlieferungen durch Pipelines in Weißrussland seien ohne einen entsprechenden Vertrag rechtswidrig. Das Transitabkommen zwischen Minsk und Gasprom läuft zum Jahresende ebenso aus wie der Vertrag, der den Gaspreis für Weißrussland festlegt. Gasprom forderte zuletzt eine Preiserhöhung auf mehr als das Doppelte.

Der weißrussische Vize-Regierungschef Wladimir Semaschko antwortete auf die Frage nach den Folgen eines Lieferstopps durch Gasprom: "Gasprom kann die Pipeline schließen, aber dann reicht das Gas für Deutschland und Litauen zwölf bis 13 Tage." Er glaube aber nicht, dass Gasprom seine Lieferungen an Weißrussland einstelle. Man befinde sich in wechselseitiger Abhängigkeit, sagte der Minsker Chefunterhändler.

Deutsche sollen sich nicht sorgen

Deutsche Kunden müssen sich nach Darstellung des Kassler Versorgers Wingas, an dem auch Gasprom beteiligt ist, keine Sorgen machen. Ein Wingas-Sprecher sagte: "Wir gehen nicht davon aus, dass wir irgendwie von dem Konflikt betroffen sind. Zudem sind unsere Lager gut gefüllt, um auch längere Zeit die Versorgung sicher zu können." Wingas halte einen Viertel seines Jahresabsatzes in Speichern vor, um so die Versorgung garantieren zu können.

"Der Erdgasspeicher in Rehden ist wegen des bislang milden Winters nicht gänzlich gefüllt. Das dort vorhandene Gas würde aber dennoch über viele Monate reichen", sagte der Sprecher. Das Lager in Niedersachsen in 2000 Metern Tiefe ist mit einer Kapazität von mehr als vier Milliarden Kubikmeter der größte Erdgasspeicher Westeuropas. Mit dieser Menge könnten zwei Millionen Einfamilienhäuser ein Jahr lang mit Erdgas versorgt werden.

Regierung glaubt an Liefertreue

Bei der Bundesregierung hieß es, sie habe keine Zweifel an der grundsätzlichen Liefertreue Russlands. Zugleich rief sie Gasprom zur Mäßigung auf. Die von Gasprom geforderte Anpassung der Preise an das Weltmarktniveau sei nachvollziehbar, sollte aber mit planbaren Übergangsfristen erfolgen, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg in Berlin.

Gasprom-Sprecher Kuprijanow versicherte, sein Konzern werde weiterhin für Westeuropa bestimmtes Gas durch die Transitpipelines des Nachbarlandes pumpen. Gleichzeitig warnte er davor, das Minsk einen Teil davon für den Eigenbedarf abzweigen könnte. Mögliche Verluste für Westeuropa könne sein Konzern nicht vollständig kompensieren, sagte der Chef von Gasprom Export, Alexander Medwedew, in einer Telefonkonferenz mit Investoren.

Reuters / Reuters