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Geplantes Gesetz Wie gefährlich ist Fracking fürs Trinkwasser?


Die Bundesregierung will ein Gesetz zur umstrittenen Fracking-Technologie beschließen. Die Gegner wollen verhindern, dass Chemikalien in die Erde gepumpt werden. Wie gefährlich ist die Gasförderung?
Von Daniel Bakir

Um ein überzeugter Fracking-Gegner zu werden, muss man den US-Dokumentarfilm "Gasland" gar nicht komplett gesehen haben. Es reicht eine einzige Szene: Ein Mann dreht den Wasserhahn in seiner Küche auf und setzt das herausströmende Leitungswasser mit einem Streichholz in Brand. Brennbares Gas im Trinkwasser - was für ein Horror!

Es gibt bei Youtube Dutzende solcher Heim-Videos aus dem Osten der USA, wo die Amerikaner seit einigen Jahren in großem Stil Gas durch Fracking gewinnen, und nicht bei allen ist klar, ob Fracking die Ursache ist. Klar ist nur: Niemand in Deutschland will brennende Wasserhähne und giftige Chemikalien im Trinkwasser. Und deshalb stehen die schärfsten Kritiker dieser Gasfördermethode schon auf den Barrikaden, bevor Energieminister Sigmar Gabriel überhaupt einen ersten Gesetzesvorschlag eingereicht hat.

Gabriel hätte seinen Vorschlag gerne vor der Sommerpause ins Kabinett eingereicht, vielleicht wäre er im WM-Trubel dann etwas untergegangen. Wie es aussieht, wird sich das Ganze etwas verzögern, doch noch in diesem Jahr soll der rechtliche Rahmen für Fracking stehen. Ob das Gesetz strenge Vorgaben machen oder Fracking in größerem Rahmen zulassen wird - das weiß man noch nicht. Die Gegner befürchten jedenfalls das Schlimmste.

Mehr als 300.000 Menschen haben den Aufruf "Fracking stoppen" auf der Kampagnenplattform Campact unterschrieben. Der Appell an die Bundesregierung setzt sich dafür ein, dass "jegliche Form des Fracking in Deutschland gesetzlich verboten wird". Außerdem gibt es jede Menge lokale Bürgerinitiativen und eine weitere Petition, die noch einmal über 65.000 Unterzeichner gefunden hat.

Aber wie gefährlich ist Fracking wirklich?

Wie hoch die Risiken sind, weiß eigentlich niemand so genau. Schließlich ist der große Fracking-Boom erst wenige Jahre alt, Langzeitwirkungen sind weitgehend unerforscht. Bei dem Verfahren werden Chemikalien zusammen mit großen Mengen Wasser unter hohem Druck tief unter die Erde gepumpt. Dort brechen sie die Gesteinsschichten auf, die das Schiefergas enthalten. Anschließend wird das Gas ebenso wie der Chemiecocktail wieder an die Oberfläche gepumpt. Das Trinkwasser soll von der gewaltsamen Aktion eigentlich unberührt bleiben.

In den USA kam eine Studie der Duke University allerdings zu anderen Ergebnissen. Die Forscher untersuchten 141 Brunnen in der Nähe von Schiefergasvorkommen in Pennsylvania. Von dort stammen auch die meisten Fälle mit entflammbarem Leitungswasser. Die Ergebnisse legen nahe, dass Fracking an den Verunreinigungen schuld ist. Denn die Brunnen, die einen Kilometer oder weniger von einer Frackinganlage entfernt lagen, waren im Schnitt sechsmal höher mit Methan belastet und sogar 23-mal höher mit Ethan als die übrigen Brunnen. Einige enthielten darüber hinaus auch noch Propan. Solche Chemikalien werden ebenso wie andere giftige Stoffe beim Fracking eingesetzt.

So rücksichtslos, wie die Amerikaner das Gas aus dem Boden holen, wollen es daher selbst die Energieriesen in Europa lieber nicht treiben. So forderte etwa BP-Chefvolkswirt Christof Rühl Anfang der Woche, Europa solle sich dem Fracking öffnen, "aber mit einer vernünftigen Regulierung". Aber wer kann das schon garantieren, dass keine giftigen Stoffe ins Trinkwasser gelangen?

Experten warnen vor Risiken

In Deutschland gibt es bisher nur wenige Probebohrungen, die meisten davon in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Das Umweltbundesamt steht der Technologie kritisch gegenüber. Fracking dürfe nur unter strengen Auflagen zugelassen werden, so die Linie des UBA.

Der von der Bundesregierung eingesetzte Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) betonte im vergangenen Jahr in einer umfangreichen Studie, es gebe "wesentliche offene Fragen hinsichtlich der mit Fracking verbundenen Risiken". Dazu zählten:

- die Verunreinigung des Grundwassers durch die Frack-Flüssigkeiten

- Risiken bei der Entsorgung des Chemiecocktails, der ja wieder aus der Erde geholt werden muss

- undichte Bohrlöcher

- weitere Unfallrisiken wie kleine Erdbeben

Das Fazit der Studie: Fracking in kommerziellem Umfang ist nicht verantwortbar, bevor nicht in Pilotprojekten weitere Erkenntnisse über die Gefahren gesammelt werden. Die Autoren der SRU-Studie sind überzeugt: "Fracking ist energiepolitisch nicht notwendig und kann keinen maßgeblichen Beitrag zur Energiewende leisten."

Wie groß das Potenzial an abbaubarem Schiefergas in Deutschland ist, ist umstritten. Nicht nur Konzerne wie ExxonMobil, die ein großes Geschäft wittern, sondern auch Institutionen wie die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) betonen die Chancen der Technologie. Deren Präsident Hans-Joachim Kümpel sieht aus geowissenschaftlicher Sicht keinen Grund, Fracking zu verbieten. Die Darstellung der Risiken hält er für überzogen.

Die Debatte um Fracking steht in Deutschland erst am Anfang. Es dürfte ein heißer Sommer werden.

Ein gut gemachtes Video, wie Fracking funktioniert, finden Sie hier:

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