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Gerüchte um Tagebau Garzweiler: Anwohner sind verunsichert

Dem umstrittenen Braunkohle-Tagebau Garzweiler droht laut einem Zeitungsbericht das Aus. Anwohner, die zum Teil Jahrzehnte gegen den Abbau gekämpft haben, sind verunsichert.

Der Braunkohleabbau in Garzweiler und dem Rheinischen Revier zählt zu den heißesten politischen Eisen in NRW. Eine rot-grüne Landesregierung wäre schon fast daran zerbrochen, immer wieder gibt es wütende Bürgerproteste mit Polizeieinsätzen, beim Bundesverfassungsgericht liegt eine Klage gegen Zwangsumsiedlungen für die Kohlebagger. Jetzt könnte eine überraschende Wende den Stromkonzern RWE stoppen, der genehmigte Abbaukapazität für viele Jahre hat: Wegen der Energiewende lohnt sich die Braunkohleverstromung immer weniger.

Zumindest der zum Symbol gewordene Abbau rund um Garzweiler könnte viel eher als erwartet spätestens 2018 wegen mangelnder Rentabilität beendet werden, hieß es am Dienstag in einem Zeitungsbericht, der sich auf Angaben aus der Konzernspitze beruft. RWE dementierte sofort, betonte aber zugleich, wie sehr sich die wirtschaftliche Situation der Braunkohleverstromung verschlechtert habe.

55 bis 60 Euro pro Megawattstunde Strom gab es in guten Zeiten für die Erzeuger. Jetzt sind die Börsenstrompreise unter anderem wegen des großen Angebots an Wind- und Sonnenstrom auf 37 bis 38 Euro für die Einheit abgesackt. Damit erwirtschaften Gaskraftwerke vielfach rote Zahlen, Steinkohlekraftwerke krebsen an der Nulllinie herum und auch die RWE-Braunkohlekraftwerke verdienen nach Einschätzung eines Energie-Analysten nur noch wenige Euro pro Megawattstunde.

Kritiker vermuten politisches Manöver

Groß ist aber das Risiko des Geschäfts: Denn wenn die Preise für Verschmutzungsrechte, die bisher bei wenigen Euro pro CO2-Zertifikat dümpeln, nachdrücklich angehoben würden, könnte der CO2-intensiven Braunkohle bei den jetzigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auf einen Schlag der Boden weggerissen werden. Immerhin hatte Anfang Juli das Europaparlament schon einmal einer vorsichtigen Verknappung der Zertifikate zugestimmt. Viel kommt darauf an, wie nachdrücklich die neue Bundesregierung das Thema verfolgt.

Wenn jetzt mitten in die politischen Weichenstellungen in Berlin hinein ein Medienbericht mit einem Ausstiegsszenario aus der Braunkohle platzt, vermuten einige Kritiker ein politisches Manöver. Angesichts der 35.000 Jobs in Tagebau und Kraftwerken allein in NRW könne RWE so prima Druck auf eine industriefreundliche Gesetzgebung bei der Energiereform machen, vermuten sie.

Jedenfalls spricht aus Sicht von Analysten außer dem CO2-Risiko wenig für einen Ausstieg. Schließlich laufen die Braunkohleanlagen mit hoher Auslastung. 2012 war eines der besten Braunkohlejahre überhaupt mit fast sechs Prozent Zuwachs. Die 2012 ans Netz genommenen RWE-Braunkohlenkraftwerke im nahen Grevenbroich-Neurath für 2,6 Milliarden Euro sprechen für den Erhalt des Standortes.

"Total unverantwortlich"

Die Anwohner des Tagebaus, die oft viele Jahre das Vorrücken der Bagger verfolgen, reagieren verunsichert. Sie verlangen vor allem Klarheit. Das gilt auch für Hans Josef Dederichs. Für den 49-jährigen Hauptkommissar wäre ein vorzeitiges Aus für den Tagebau Garzweiler vor ein paar Jahren wohl noch ein Anlass zum Jubeln gewesen. Der 49 Jahre alte Kommunalpolitiker der Grünen gehörte von Anfang an zu den Gegnern des gigantischen Projekts. Doch heute fällt seine Reaktion auf die jüngsten Spekulationen alles andere als euphorisch aus. Es sei "total unverantwortlich", was da mit den Menschen in der Region gemacht werde, schimpft Dederichs.

Dederichs wohnt mit seinen vier Kindern in Erkelenz-Kuckum. Das ist ein Dorf, das schon bald dem Tagebau weichen soll. Er kennt deshalb die Stimmung vor Ort ganz genau. "Wir haben uns jahrelang gewehrt", sagt er. Doch inzwischen hätten sich bestimmt die Hälfte der Leute mit dem Umzug arrangiert und warteten darauf.

Auf Skepsis stießen die Meldungen über ein mögliches vorzeitiges Förderende in Garzweiler II auch bei Dirk Jansen vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Zwar waberten schon seit Längerem Gerüchte über ein Ende der Förderung durch die Dörfer im Braunkohlerevier, erzählt er. Doch was nun wirklich daran sei, sei ungewiss: "Es kann sein, dass RWE nur zockt um die Koalitionsverhandlungen in Berlin in seinem Sinne zu beeinflussen."

Erich Reimann und Rolf Schraa, DPA / DPA