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Gesundheitswesen: Zur Kasse, bitte!

Prima Tarife, tolle Behandlung: So locken Private Krankenversicherungen. Doch viele haben sich verspekuliert. Die Zeche zahlen die Kunden - mit explodierenden Beiträgen.

Der Brief, den Josef Birk von seiner privaten Krankenversicherung erhielt, begann tröstlich: "Sie können sich auf uns als Ihren Gesundheitsdienstleister verlassen", las der 55-jährige EDV-Fachmann in dem Schreiben der Berlin-Kölnischen Krankenversicherung. Damit er aber auch in Zukunft von der sich "stetig verbessernden medizinischen Versorgung" profitieren könne, sei eine "Beitragsanpassung" nötig. Sein Basistarif für ambulante Arztkosten müsse deshalb leider steigen: von 187,75 auf 374,57 Euro - ein Plus von 99,5 Prozent.

Auch die Zusatzversicherungen für Krankentagegeld, Chefarztbetreuung und Einbettzimmer verteuerten sich drastisch. Dazu stieg seine Selbstbeteiligung an den Arztkosten auf 880 Euro im Jahr. Nur wegen seiner in jahrzehntelanger Mitgliedschaft angesparten Altersrücklagen gewährte ihm die Versicherung einen "zeitlich befristeten Tarifbonus" von 130 Euro. Unterm Strich kam heraus: Birk musste in diesem Jahr statt zuvor 497,56 Euro nun 633,58 Euro Monatsbeitrag zahlen - ein Plus von 27 Prozent. Birk findet den kräftigen Zuschlag schlicht "unsittlich".

Hubert Becker Sprecher der Gothaer Versicherung, in der die Berlin-Kölnische inzwischen aufgegangen ist, findet das dagegen ganz normal: Die Kunden leben länger und kosten mehr, deshalb brauche die Versicherung mehr Geld und müsse anders kalkulieren. Andere private Krankenversicherungen (PKV) hätten ihre Preissteigerungen über mehrere Jahre gestreckt, die Gothaer habe lediglich auf einmal einen "starken Schluck aus der Pulle" genommen, so Becker. Viele PKVs schlucken derzeit so kräftig, dass sich verärgerte Kunden regelrecht ausgesaugt fühlen. Und hilflos: Denn für die allermeisten Privatversicherten ist ein Rückweg in die gesetzliche Krankenkasse ausgeschlossen.

Frank Braun, Geschäftsführer

beim Bund der Versicherten, wühlt in einem ganzen Stapel von Beschwerdebriefen empörter Kunden. In einem Fall setzte die Berlin-Kölnische Versicherung den Beitrag um 81 Prozent herauf; die Central schlug 20,9 Prozent drauf; die DKV glatte 25 Prozent. Der Industriekaufmann Uwe Bergner, 47, muss seit Anfang des Jahres beim Münchner Verein statt 299,95 nun 400,89 Euro hinblättern - rund ein Drittel mehr. Wenn die Politik nicht bald gegensteuere, "zahle ich mich im Alter dumm und dämlich", fürchtet Bergner. Versicherten-Vertreter Braun warnt denn auch: "Die PKV ist kein billiger Jakob, wie deren Werbung weismachen will." Und wie auch die CDU glauben machen will, die nach den Plänen der Herzog-Kommission künftig sehr viel stärker auf eine private Finanzierung des Gesundheitssystems setzen will.

Die Preisspirale für die acht Millionen privat krankenversicherten Bundesbürger dreht sich auch im kommenden Jahr weiter. So will die DBV-Winterthur rund neun, die Debeka sieben Prozent mehr verlangen, die DKV und die Allianz rund drei Prozent. Wobei das nur Durchschnittswerte sind. "Einige Beiträge haben wir gesenkt, andere steigen auch zweistellig", gibt eine Firmensprecherin zu. Den Kunden erklärt die Allianz die Preissteigerungen per Brief raffiniert damit, bei einigen Tarifgruppen sei "das Verhältnis zwischen Beitragseinnahmen und Ausgaben nicht mehr in der Balance".

Manfred Poweleit, Chef der unabhängigen Analysefirma map-report, kritisiert die Versicherer etwas weniger fein: "Die Privaten geben ein Schweinegeld für Werbevertreter aus, die neue Kunden mit unseriös kalkulierten Billigtarifen anlocken. Später wird die Preisschraube angezogen und abgezockt." Nur wenige Unternehmen wie die Süddeutsche Krankenversicherung SDK, die LVM, HUK-Coburg oder Debeka bieten über Jahrzehnte ein generationsübergreifendes Tarifwerk für Neu- und Bestandskunden an. Nicht supergünstig, aber solide kalkuliert.

Doch es ist nicht nur die immer teurer werdende Gesundheit, die die Kosten treibt. Manche PKVs haben sich in den vergangenen Jahren auch schlicht an der Börse verspekuliert. Zwar sind die PKVs nicht so waghalsig in den Renditewettlauf eingestiegen wie manche Lebensversicherer, weil ein Großteil ihrer Einnahmen für die laufenden Arzthonorare gleich wieder auszuzahlen ist. Aber ein Teil der Beiträge wird am Finanzmarkt als Altersrückstellung angelegt: maximal ein Drittel in Aktien, der Rest in Zinspapieren und Immobilien. Damit sollen 3,5 Prozent Rendite erzielt werden. Mit dieser Quote wird das Versicherungsgeschäft kalkuliert. In guten Börsenjahren erzielten clevere Unternehmen sogar das Doppelte.

Doch im Krisenjahr 2002 hat ein Drittel der PKVs deutlich weniger erwirtschaftet, wie die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) feststellte. Analysten unabhängiger Rating-Agenturen wie Morgen & Morgen sprechen schon von stark geschrumpften Finanzpuffern. Bei neun Krankenversicherern rutschten demnach die stillen Reserven ins Negative. Zu den Problemkandidaten gehören die Inter, Hallesche, Victoria, die Mannheimer Krankenversicherung und die Freie Arzt- und Medizinkasse.

Einige Versicherer kamen allein bereits nicht mehr zurecht. So wurde etwa die Mannheimer im Sommer von der Continentalen übernommen. Um spektakuläre Pleiten zu vermeiden, gründeten die privaten Krankenversicherungen hektisch die Auffangfirma Medicator. "Bevor es zum Schlimmsten kommt, werden Krisenkandidaten versuchen, Verluste durch Sparsamkeit, weniger Kulanz und höhere Beiträge auszugleichen", prophezeit Peter Abrahams von der BaFin.

Während gesetzlich Krankenversicherte bei einer Beitragserhöhung einfach zu einer anderen Kasse wechseln können, ist das für die meisten älteren Kunden der PKV praktisch unmöglich. Sie haben zwar auch ein Sonderkündigungsrecht - doch die angesparten Rücklagen sind nach geltendem Gesetz Eigentum der Versichertengemeinschaft und folglich beim Wechsel verloren. Zudem sind die Einstiegstarife bei einer anderen Versicherung für Ältere gewaltig, Schwerkranke werden kaum noch akzeptiert.

"Alte und chronisch Kranke können nicht mehr raus und müssen jede Prämienerhöhung schlucken", klagt Hans-Eugen Greiner, 58. Dem Architekten, wegen einer schweren Krankheit berufsunfähig, laufen die Prämien in der DKV davon. Im Jahr 2002 betrug sein Basisbeitrag 252,14 Euro monatlich, dieses Jahr waren es schon 311,80 Euro. Im kommenden Jahr muss er weitere zwölf Prozent mehr zahlen, also 349,11 Euro. Ein Wechsel zu einer anderen Versicherung ist nicht möglich. "Ich bin total verzweifelt", klagt Greiner.

Er hofft, dass die Regierung eingreift und der Weg zurück in die gesetzlichen Kassen erleichtert wird. Finanzminister Hans Eichel hat zwar beim Münchner Ifo-Institut eine Studie zur "Übertragung individueller Altersrückstellungen" in Auftrag gegeben. Doch das Ergebnis hält er seit Monaten unter Verschluss. Unter dem politischen Druck basteln auch die Branchenführer DKV und Allianz an Reformen der Wechselblockaden.

Bis das Problem gelöst ist, bleibt älteren Versicherten, denen die Beiträge über den Kopf wachsen, nur der versicherungsinterne Wechsel in einen billigeren Tarif - mit weniger Leistungen - oder gar in den ganz stark abgespeckten Standardtarif, den jede private Krankenversicherung anbieten muss und der nicht mehr kosten darf als der Höchstbeitrag in der gesetzlichen Kasse, also maximal 483 Euro. Diese Herabstufung hat Tücken: Man verliert seine über Jahre oder Jahrzehnte bezahlten Ansprüche aus Zusatzversicherungen etwa für Chefarztbehandlung oder Einzelzimmer. Finanzaufseher Abrahams von der BaFin: "Da landet dann einer, der Jahrzehnte in die private Versicherung gezahlt hat, im Alter wie ein AOK-Patient im Sechsbettzimmer."

von Frank Donovitz und Brigitte Zander / print