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Großhandel: Geschäftsbereich Gammelfleisch

Der Deutsche Bauernverband hat sich im Fleischskandal zu Wort gemeldet: Einige Großhändler, so der Vorwurf, hätten sich auf den Aufkauf von Gammelfleisch spezialisiert. Die staatlichen Kontrolleure seien lange Zeit nicht eingeschritten.

Der Deutsche Bauernverband hat im Rahmen des Fleischskandals die Behörden kritisiert. In Deutschland hätten sich Händler darauf spezialisiert, Fleisch kurz vor Ablauf des Haltbarkeitsdatums aufzukaufen, sagte Richard Bröcker, Referatsleiter für Vieh und Fleisch beim Deutschen Bauernverband, dem Bielefelder "Westfalenblatt". Diese Fleischgroßhändler seien von den Behörden bislang kaum kontrolliert worden. Vor allem in Nordrhein-Westfalen werde dies nun nachgeholt.

Gammelfleisch landet in Würsten

Der Zeitung zufolge wird ein Metzger in Gelsenkirchen verdächtigt, verdorbenes Fleisch von einem Gelsenkirchener Großhändler zu Bratwürsten verarbeitet zu haben. Insgesamt seien zehn Tonnen Gammelfleisch verarbeitet worden - es konnten aber nur 5600 Bratwürste, 20 Prozent der Produktion, sichergestellt worden.

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Dabei weitet sich der zweite Skandal um ungenießbares Fleisch innerhalb weniger Wochen aus. In Nordrhein- Westfalen haben die Behörden mit Kontrollen in hunderten Kühlhäusern begonnen. "Dazu gehören gut 40 große Lagerhäuser mit EU-Zulassung sowie alle Kühlhäuser von Fleischereien und weiterverarbeitenden Betrieben", berichtete der Sprecher des NRW-Verbraucherministeriums, Markus Fliege. So würden immer mehr Skandale aufgedeckt. Die Untersuchungen werden voraussichtlich mehrere Wochen in Anspruch nehmen.

"Eindeutig genussuntauglich"

Unterdessen wurden in Niedersachsen erste verdorbene Fleisch-Lieferungen nachgewiesen. Nach Angaben des Agrarministeriums in Hannover handelt es sich um 90 Tonnen Geflügel-, Schweine-, Rind- und Pferdefleisch. Es hatte im Kühlhaus zweier Firmen aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg gelagert. Die Ware war durch unklare Auszeichnungen sowie wegen fehlender Haltbarkeitsdaten aufgefallen. Tests des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg hatten ergeben, dass 11 von 16 Proben ranzig, überlagert oder verdorben und damit "eindeutig genussuntauglich" waren. Das Fleisch stammt nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Brasilien, Dänemark, Spanien und Italien.

Ende vergangener Woche hatten die Behörden in einem Großbetrieb in Gelsenkirchen 60 Tonnen möglicherweise verdorbenes Fleisch sichergestellt. Die Untersuchung des beschlagnahmten Fleisches dauere an, teilte die Essener Staatsanwaltschaft am Dienstag mit. Auch in Hamburg, wo elf Tonnen möglicherweise verdorbenes Fleisch sichergestellt worden waren, wird die Ware auf Bakterien und Keime untersucht. Der erste Augenschein habe jedoch keine Anhaltspunkte erbracht, dass das Fleisch verdorben sei, sagte ein Hamburger Behörden-Sprecher am Dienstag.

Nur die Spitze des Eisberges

Nach Ansicht der Verbraucherorganisation "Foodwatch" sind die jüngsten Funde nur die Spitze des Eisberges. "Betrügereien im Fleischgeschäft sind an der Tagesordnung", sagte "Foodwatch"-Sprecher Matthias Wolfschmidt in einem Interview der Zeitschrift "Guter Rat". In der Regel würden die Schwindeleien mit verdorbenem Fleisch von den Behörden allerdings geheim gehalten. "Der Bürger erfährt so gut wie nichts davon", betont Wolfschmidt.

Die jetzt bekannt gewordenen Skandale in Cloppenburg und Bayern seien durch Mitarbeiter der betroffenen Betriebe an die Öffentlichkeit gelangt. "Hätten Lebensmittelkontrolleure die Fälle aufgedeckt, hätten wir wahrscheinlich nichts davon erfahren", sagte der Sprecher.

Großhändler auf freiem Fuß

Der Gelsenkirchener Großhändler ist weiter auf freiem Fuß. Der 39-Jährige steht im Verdacht, in großem Stil zu lange gelagertes Fleisch als Frischfleisch umetikettiert und weiterverkauft zu haben. Die Ware war durch Farb- und Geruchsveränderungen sowie Gefrierbrand aufgefallen. Seit wann der Händler diese Art von Geschäften betrieb und wie viel Fleisch er verkauft hat, konnten die Ermittler noch nicht sagen. Das nordrhein-westfälische Verbraucherschutzministerium und die Stadt Gelsenkirchen betonten, das seit dem 27. Oktober keine Ware des Fleischhändlers an die Verbraucher gelangt sei.

DPA, AP / AP / DPA