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Angst vor Ehec-Keimen: Der Albtraum eines Vegetariers

Der Ehec-Erreger verdirbt den Appetit auf frisches Gemüse. Was für den normalen Allesfresser schlimmstenfalls unangenehm ist, stellt mich als Vegetarierin vor ein Dilemma: Was soll ich essen?

Von Mareike Rehberg

Ob Dioxin, BSE oder Gammelfleisch – die Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre waren mir immer herzlich egal. Fleisch habe ich vor 13 Jahren von meinem Speiseplan gestrichen, und auch auf Eier und Milchprodukte kann ich zur Not eine Weile verzichten. Doch die Angst vor den Ehec-Keimen schlägt bei mir nun in Verzweiflung um: Was kann ich noch essen?

Ich übertreibe nicht, wenn ich behaupte, dass ich Gurken, Tomaten und Salat bisher jeden Tag verzehrt habe. Eine Mahlzeit ohne frisches Gemüse - sei es im Gartensalat, auf dem Brot oder als Beilage - konnte ich mir bisher schlicht nicht vorstellen. So wie andere Leute immer Milch, Zucker und Eier vorrätig haben, gehörten bei mir Gurken und Tomaten zur kulinarischen Grundausstattung.

Nur keine Panik

Damit ist jetzt Schluss. Der Inhalt meines prall gefüllten Gemüsefachs im Kühlschrank fängt an zu verrotten, und seit Tagen versuche ich mir einzureden, dass weichgekochter Blumenkohl und schlappe Prinzessbohnen ja mindestens ebenso gut schmecken wie ein mit Balsamico-Dressing angemachter knackiger Salat. Immerhin ernähre ich mich nicht vegan, also ausschließlich von pflanzlichen Produkten, versuche ich mich zu beruhigen. Ich kann meine Toastscheibe immer noch mit hartgekochtem Ei oder Käse belegen. Die Petersilie obendrauf vekneife ich mir.

Aber selbst, wenn ich mich zwinge, mich nicht von der Panik anstecken zu lassen, wird mir der Ernst der Lage doch allerorten unter die Nase gerieben. Die Salattheke in der Kantine ist verwaist, nur ein paar durchgegarte Auberginen und Zucchinischeiben warten darauf, von wenigen verbliebenen todesmutigen Gemüsefanatikern aufgegessen zu werden. Der Bäcker meines Vertrauens weist auf großen Pappschildern darauf hin, dass die Salatblätter auf seinen belegten Brötchen garantiert von deutschen Äckern stammen. Und dass die meisten Supermärkte spanische Gurken und ähnlich verdächtiges Zeug aus ihrem Sortiment genommen haben, versteht sich von selbst.

Der Horror: eine gemüsefreie Grillsaison

Meine einzige Hoffnung: dass der Spuk möglichst schnell ein Ende nimmt. Ich setze mein ganzes Vertrauen in die Kontrolleure, Ermittler und Forscher, die dem Ursprung des perfiden Ehec-Erregers auf der Spur sind, und versuche mir einzureden, dass es tatsächlich genügen könnte, südländische Produkte zu meiden. Die Theorie der spanischen Sündenbock-Gurke ist ja schön und gut, doch solange nicht eindeutig geklärt ist, woher die Keime stammen, bin ich beunruhigt. Ich habe gestern abend allen Ernstes überlegt, meinem Bruder, einem Lebensmittelchemiker, Proben der Gemüsesorten, die ich zu essen gedenke, ins Labor zu schicken – doch der würde mich auslachen und für hysterisch erklären.

Was die Sache noch schlimmer macht: Es ist beinahe Sommer, also Grillsaison. Salat und Gemüsespieße sind während dieser spaßigen Freizeitaktivität, die in meinem Bekanntenkreis ausgiebig betrieben wird und der ich mich nicht entziehen kann, meine einzigen Freunde. Ich sehe mich in den nächsten Wochen schon verzweifelt vor den Ständen der Biobauern auf den Hamburger Wochenmärkten herumtreiben, statt mal eben nach der Arbeit kurz vor Ladenschluss in den Supermarkt zu hetzen. Alternativ könnte ich krisenbedingten Urlaub nehmen und mich auf dem elterlichen Bauernhof einquartieren. Im Grünzeug, das dort wächst, dürfte bis auf den einen oder anderen Wurm oder Käfer nichts zu finden sein. Bis die Behörden Entwarnung geben, sehe ich allerdings nur eine Möglichkeit: eine Schmorgurken-Diät.

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