Inside Wall Street Wie die Katastrophe verhindert wurde


Angstschweiß, kaum Schlaf und eine Notoperation am offenen Herzen. In den vergangenen Tagen könnte die Weltwirtschaft knapp an einer großen Katastrophe vorbeigeschrammt sein. Wie die amerikanische Notenbank die Finanzwelt rettete und dabei auch mit bisherigen Tabus gebrochen hat.
Von Marcus Gatzke

"Ich dachte, sie geben uns 28 Tage, aber sie gaben uns 24 Stunden." Nein, der Satz stammt nicht aus dem jüngsten Mafia-Thriller Departed von Martin Scorsese, sondern von einem Investmentbanker an der Wall Street. Was am vergangenen Wochenende in der amerikanischen Finanzwelt passiert ist, war jedoch filmreif - Hollywood wird in ein paar Jahren seine Freude daran haben.

In den Hinterzimmern der US-Notenbank Fed und der New Yorker Bankenwelt wurde verzweifelt versucht, die Pleite der fünftgrößten amerikanischen Investmentbank zu verhindern. Die Konsequenzen eines Scheiterns wären für die internationale Finanzbranche und die Weltwirtschaft unvorhersehbar gewesen.

Seit rund einer Woche hielt sich an der Wall Street ein Gerücht äußerst hartnäckig: Bear Stearns hat kein Geld mehr, die Investmentbank ist bald zahlungsunfähig. Inwieweit das Gerücht wirklich stimmte, oder ob es letztlich selbst der Auslöser war, dass es zu der Beinahe-Pleite gekommen ist, lässt sich kaum noch nachvollziehen. Bekannt war nur, dass sich das Institut am US-Immobilienmarkt mit Ramschhypotheken verspekuliert hatte. Zwei ihrer Hedgefonds waren bereits im Sommer zusammengebrochen. Der langjährige Bankchef James Cayne musste seinen Posten abgeben.

Pleite könnte auch gesunde Unternehmen in den Strudel reißen

Die Angst vor einer Insolvenz sorgte am Markt für einen massiven Verfall des Aktienkurses. Wäre es nur dabei geblieben, hätte sich die Lage wahrscheinlich irgendwann wieder beruhigt. Aber für die Bank kam es noch schlimmer: Bei Konkurrenten wie Goldman Sachs und Morgan Stanley liefen die Telefone heiß. Was denn los sei bei Bear Stearns - sind meine Anlagen noch sicher? Kann die Konkurrenz notfalls einspringen? Auf solche und andere Fragen der verunsicherten Klienten konnten jedoch auch die anderen Investmentbanken keine schlüssigen Antworten geben.

Eine Pleite eines großen Finanzinstituts ist deshalb so gefährlich, weil durch sie auch andere gesunde Institute unter die Räder kommen können. Die Finanzwelt ist untereinander stark vernetzt: Wenn ein Glied zerspringt, ist der gesamte Halt der Kette gefährdet. Auch gesunde Unternehmen sind dann nicht mehr davor gefeit, mit in den Strudel gerissen zu werden.

Bombe drohte zu platzen

Nichts ist schlimmer für ein Finanzinstitut, als das Vertrauen seiner Kunden zu verlieren. Ein Einbruch des Aktienkurses ist dagegen "Peanuts", um es mit den Worten des ehemaligen Deutsche-Bank-Chefs Hilmar Kopper auszudrücken. Alle Versuche von Bear-Stearns-Vorstandschef Alan Schwartz, die Gerüchte zu zerstreuen und dagegen zu halten, schlugen fehl. Innerhalb von zwei Tagen schrumpfte die Liquiditätsreserve von 17 Milliarden Dollar auf zwei Milliarden. Die Kunden ergriffen die Flucht und zogen ihr Geld ab - was begann, war ein klassischer Bank Run.

Am Donnerstagabend drohte die Bombe dann endgültig zu platzen. In einer eilig einberufenen Konferenzschaltung teilte das Management von Bear Stearns der amerikanischen Notenbank und Vertretern des US-Finanzministeriums mit, dass es am Montag aller Wahrscheinlichkeit nach Insolvenz anmelden muss.

Die Investmentbank hoffte mit diesem Horrorszenario, die Notenbank überreden zu können, mit einem Kredit auszuhelfen. Nur: Die Fed vergibt normalerweise Kreditlinien nur an klassische Banken - und Bears Stearns gehörte als Investmenthaus eben nicht zu dieser Kategorie. Normalerweise sucht die Fed zuallererst nach einer Branchenlösung, die eine Bank hilft der anderen aus. Aber in diesem Fall stand das Haus schon in Flammen, es blieb kaum Zeit für langwierige Verhandlungen.

"Es war eine traumatische Erfahrung"

Was begann, war ein 72-Stunden-Sprint zur Rettung der Bank. "Es war eine traumatische Erfahrung", zitiert das "Wall Street Journal" einen der Beteiligten. An Schlaf war nicht zu denken: Am Freitag um fünf Uhr morgens beschloss der Offenmarktausschuss der amerikanischen Notenbank unter Führung von Ben Bernanke die große Ausnahme: Bear Stearns sollte die lebensrettende Geldinfusion mit Hilfe des Konkurrenten JPMorgan bekommen. Der Kredit hatte aber lediglich eine Laufzeit von 28 Tagen - in der Hoffnung, dass die Krise bei Bear Stearns in den vier Wochen nicht weiter eskaliert und sogar gestoppt werden kann. Es kam jedoch ganz anders: Am Markt war die Angst vor einer Pleite am Freitag immer noch allgegenwärtig und drohte, auch andere Institute in Mitleidenschaft zu ziehen. Der Aktienkurs von Bear Stearns gab weiter nach - die Kreditvergabe unter den Finanzinstituten wurde deutlich restriktiver.

Die Fed erhöhte in der Folge den Druck auf eine Branchenlösung, ein Verkauf oder eine Fusion sollte dafür sorgen, dass die Kunden und Geschäftspartner von Bear Stearns am Montag mit ruhigem Gewissen zur Arbeit kommen können. So sollte ein komplettes Übergreifen der Panik auf andere Institute vermieden werden. Am Freitagnachmittag erklärte dann JPMorgan die Bereitschaft, Bear Stearns notfalls zu kaufen.

Alle Löcher in der Bilanz bekannt?

Gleich am frühen Samstagmorgen um neun Uhr fielen die Anwälte und Fusionsexperten von JPMorgen bei Bear Stearns ein. Noch am Wochenende sollten die Bücher der Bank abschließend geprüft werden. Was sonst Wochen dauert, musste binnen weniger Stunden abgeschlossen sein. Im Hauptquartier von J.P. Morgan und auch bei Bear Stearns wurden so genannte War Rooms eingerichtet, um die ganze Aktion zu koordinieren. Und die Fed saß überall mit am Tisch.

Die Bereitschaft zur einer Übernahme wurde am Sonntag aber noch mal auf eine harte Probe gestellt. Waren alle Löcher in der Bilanz bekannt? Konnten in der kurzen Zeit die Bücher überhaupt ausreichend geprüft werden? Letztlich sprang die Fed den Beteiligten erneut zur Seite. Sie gewährte JPMorgan einen Kredit von 30 Milliarden Dollar, besichert durch Wertpapiere von Bear Stearns. Deren Wert ist angesichts der Immobilienkrise aber kaum ermittelbar. Wie schlimm die Situation war, zeigt der Preis: J.P. Morgan zahlt für Bear Stearns zwei Dollar je Aktie - 93 Prozent weniger als die Papiere noch am vergangenen Freitag wert waren.

USA habe Situation "im Griff"

Finanzminister Paul Samuelson war regelmäßig an den Konferenzschaltungen zur Rettung der Investmentbank beteiligt. Am Tag danach versucht das Weiße Haus, die Situation zu beruhigen: "Die Notenbank hat schnell gehandelt, um Ordnung in die Finanzmärkte zu bringen", sagte US-Präsident George Bush. Man befinde sich in schwierigen Zeiten. "Aber es ist ebenso sicher, dass wir starke und entschlusskräftige Maßnahmen ergriffen haben", sagte der Präsident. Die USA hätten die Situation "im Griff".

Und sollte das waghalsige Unterfangen scheitern, müssen letztlich die amerikanischen Bürger die Rechnung begleichen. Denn wie ein Beteiligter dem "Wall Street Journal" sagte: "Wir befinden uns im Hyperraum". Die gesamte Rettungsaktion werde letztlich vor Gericht landen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker