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Kohlekraftwerke: Die Lizenz zum Geldverdienen

Groß, zentral, langfristig: Bei der Erneuerung des Kraftwerksparks setzen die Stromkonzerne auf alte Rezepte. Auch, weil sich damit Geld verdienen und ihre Macht festigen lässt. Den Schaden haben Umwelt und Klima.

Von Christoph M. Schwarzer

Der Strom kommt aus der Steckdose. Und fast die Hälfte davon stammt aus Kraftwerken, die mit Stein- oder Braunkohle befeuert werden. Alte und vergleichsweise uneffiziente Anlagen, deren Lebenszeit abgelaufen ist. Zeit, die Weichen zu stellen und ganz von den fossilen Energieträgern wegzukommen? Noch nicht, sagen die Versorger und setzen weiter auf Kohle: Der Verband der Elektrizitätswirtschaft VDEW gibt an, dass von den 53 in Planung oder Bau befindlichen neuen Kraftwerken 23 mit Kohle befeuert werden sollen. Ein zweischneidiges Schwert, wie das Vorhaben von Vattenfall im Hamburger Stadtteil Moorburg zeigt.

Effizienter Ersatz für Altkraftwerk

Das, was hier gebaut werden soll, ist gigantisch: Zwei Kraftwerksblöcke sollen je 820 Megawatt elektrische Leistung für Fernseher, Bügeleisen und Deckenfluter sowie bis zu 450 Megawatt thermische Leistung für die ans Fernwärmenetz angeschlossenen Heizkörper erzeugen. Wenn 2012 die Altanlage im schleswig-holsteinischen Wedel abgeschaltet wird, reicht die Leistung von Moorburg für mehr als nur den Ersatz: Zwar kann auch das Heizkraftwerk Wedel bis zu 400 Megawatt Wärme produzieren. Mit einer Stromleistung von 260 Megawatt steht es aber vergleichsweise mickrig da.

Die Argumente von Vattenfall klingen zuerst gut. Immer wieder fällt das Wort Wirkungsgrad. Und der soll auf über 46 Prozent steigen; sogar mehr als 57 Prozent ergibt die Rechnung, wenn man neben dem Strom auch noch die Wärme einrechnet, die aus dem Kühlwasser in die Wohnungen der Hansestadt eingespeist wird. Viel im Vergleich zum alten Bau (38 Prozent) oder dem weltweiten Schnitt (etwa 30 Prozent). Toll, die gute Hälfte der in der Kohle enthaltenen Energie wird also tatsächlich nutzbringend verwendet.

Tonnenweise tote Biomasse

Der Rest heizt die Elbe auf. Mit 64 Kubikmetern pro Sekunde wird das geplante Großkraftwerk etwa ein Drittel des so genannten Oberwasserzulaufs zur Kühlung brauchen. Das Ergebnis ist eine Aufheizung von 7,5 Grad im Winter. Im Sommer wird es etwas weniger sein, weil die Umweltbehörde bei einer Flusstemperatur von 30 Grad einen Riegel vorschiebt. Riesige Energiemengen verpuffen also ungenutzt. Die Schäden für die Umwelt sind direkt: "Das Plankton im Wasser wird durch die Erhitzung weit gehend getötet", sagt Manfred Braasch, Landesgeschäftsführer beim BUND Hamburg.

Mit der Folge, dass tonnenweise tote Biomasse entsteht, die unter Sauerstoffverbrauch abgebaut werden muss. "Elbabwärts, im Hafen oder in Blankenese, wird es darum mehr sauerstoffkritische Tage geben", ergänzt er und erklärt, was das bedeutet. Kleinere Fische würden ganz sterben, und für Aale, Neunaugen oder Meeresforellen bedeutet ein Loch in der Sauerstoffversorgung eine unüberwindbare Blockade bei ihrer Wanderung. Auch die Erwärmung an sich sei schlecht: Ab 28 Grad Wassertemperatur begänne für die Fische der Stress, so Braasch.

"Saubere" Alternative Erdgas

Dass es mit dem Wirkungsgrad auch ganz anders geht, zeigen moderne Gas- und Dampfkraftwerke (GUD), wie sie zum Beispiel von Siemens gebaut werden. Bei ihnen treiben die heißen Abgase der Gasturbine noch eine Dampfturbine an. Wird auch deren Restwärme noch verwendet, zum Beispiel in einem Fernwärmenetz, können weit über 80 Prozent der ursprünglich im Gas enthaltenen Energie verwendet werden. Darüber hinaus verbrennt Gas erheblich sauberer als Kohle. Neben den niedrigeren CO2-Emissionen entstehen also auch weniger giftige Abgase.

Warum baut Vattenfall dann ein Kraftwerk, das mit 1,7 Milliarden Euro Baukosten auch noch teurer ist als ein GUD? Der Konzern gibt als erstes Argument immer die Versorgungssicherheit an. Gas komme aus Ländern wie Russland oder dem Iran, bei denen eine langfristige politische Stabilität nicht gesichert sei. Darüber hinaus sei wegen des steigenden Ölpreises und des daran gekoppelte Gaspreises eine Stromerzeugung "für Grundlast unwirtschaftlich". Es geht als ums Geld. Einfach erklärt: Weil preisgünstige Kohle aus Bergwerken in Australien, Südafrika oder Polen billig über Flüsse und Meere transportiert werden kann, lässt sich mit Kohle mehr Kohle machen. Und Geld verdienen zu wollen ist keine Sünde für ein Unternehmen.

Zementierung der Energiepolitik

Kritik am Bau neuer Kohlekraftwerke übt nicht nur der BUND, sondern auch Robin Wood. "Die weltweiten klimatischen Auswirkungen werden nicht bedacht", sagt Dirk Seifert, Fachreferent Energie bei der Umweltschutzorganisation. Und weil eine solche Anlage auf 40 Jahre Laufzeit gerechnet sei, würde die Chance zur Energiewende vertan und im Gegenteil die "Entwicklung durch Fakten zementiert". Er plädiert für den Einsatz von GUDs, bis die Versorgung komplett auf regenerative Quellen umgestellt sei. Auch die Größe von Moorburg hält Seifert für überzogen: Kleinere, dezentrale Blockheizkraftwerke arbeiteten effizienter. "Wir brauchen Konkurrenz für Vattenfall." Und eben die würde durch den Bau neuer Großkraftwerke verhindert werden.

"Die Ziele zur CO2-Reduzierung werden so nicht zu erreichen sein", sagt auch Professor Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Der Stromkonzern RWE sieht das anders. Dort baut man weiter auf die heimische und subventionsfreie Braunkohle und hofft auf ein Verfahren, mit dem das klimaschädliche Kohlendioxid aus den Abgasen gefiltert, verflüssigt und in leeren Bergwerken eingelagert werden kann. Eine Technik, die frühestens 2020 serienreif sein wird, auf Kosten des Wirkungsgrades geht und nicht nur darum zweifelhaft ist. "Neben großen ungelösten Forschungsfragen bei der Endlagerung", sagt Bärbel Höhn von den Grünen, "gibt es auch wirtschaftliche Bedenken." Sie fordert ein Moratorium für den Bau neuer Kohlekraftwerke.

Freiwillig werden RWE, Vattenfall, EnBW und Eon nicht auf Großkraftwerke verzichten, so lange sich damit Geld verdienen lässt. Wie bei den Atomkraftwerken ist der Gesetzgeber gefragt: "Es fehlen die Vorgaben", bemängelt Dirk Seifert von Robin Wood. "Es war lange absehbar, dass der Kraftwerkspark erneuert werden muss. Da hat die Bundesregierung geschlafen. "Dem Endverbraucher bleibt nur der Wechsel zum Ökostromanbieter.