Kommentar Spart euch den billigen Populismus!


"Subventions-Heuschrecke", "Karawanen-Kapitalismus", "hemmungslose Gewinnmaximierung": Wenn es darum geht, die Schließung des Bochumer Nokia-Werkes zu geißeln, sind sich Politiker und Öffentlichkeit einig. Das ist bigott, denn jeder Einzelne hätte es genauso gemacht wie Nokia.
Von Karin Spitra

Die Nokia-Mitarbeiter des Bochumer Werks haben zweifellos unsere Anteilnahme verdient. Natürlich bedeutet die angekündigte Werksschließung zur Jahresmitte für die 2300 Betroffenen eine persönliche Katastrophe. Natürlich haben sie Anspruch auf Verständnis und Unterstützung - auch beim Versuch, neue Jobs zu finden. Was sie nicht verdient haben, ist als Projektionsfläche für billige populistische Mätzchen von Politikern herzuhalten. Denn Nokia hat sich stets korrekt und wirtschaftlich vernünftig verhalten - auch wenn das Politiker von Rüttgers bis Struck anders darstellen.

Nokia produziert Handys. Diese will der finnische Konzern dann verkaufen. Möglichst gewinnbringend. Davon profitieren in Folge nicht nur Arbeiter, Angestellte und Nokia-Aktionäre - sondern auch jeder Kunde, der sich ein Nokia-Handy kauft. Weil aber in Westeuropa schon fast jeder ein Handy hat, müssen die Nokia-Leute ihre Handys eben auf Märkte bringen, wo es noch nicht so viele gibt: Nur haben die Menschen dort wenig Geld für Handys übrig, sie müssen also billig sein. Damit sich das für Nokia rechnet, müssen sie eben billig produzieren. Geht das in Deutschland nicht mehr, verlagern sie ihre Fabriken eben woanders hin. So denkt ein vernünftiger Kaufmann. So denkt - und handelt - Nokia.

Die Gegend um das rumänische Cluj, wohin eine Teil der Bochumer Handy-Produktion verlagert wird, hat vorerst freilich das große Los gezogen: Es werden Arbeitsplätze geschaffen, die weitere bei Zulieferern und Dienstleistern nach sich ziehen. Wer Arbeit hat, kann investieren, die ganze Region wird davon profitieren. Wenn die rumänischen Lokalpolitiker klug sind, werden sie nicht versuchen, ihre gesamte Region an den Tropf eines einzigen Unternehmens oder einer einzigen Branche zu hängen. Denn irgendwann wird Nokia auch das gastliche Cluj verlassen - und dort hinziehen, wo noch billiger produziert werden kann.

Karawanen-Kapitalismus? Selbst schuld!

"Karawanen-Kapitalismus" hat das Finanzminister Peer Steinbrück genannt. Was er verschweigt: Wer in Deutschland nicht bereit ist, mehr als maximal 70 Euro für ein Handy plus Vertrag hinzublättern, fördert genau diesen "Karawanen-Kapitalismus". Und bekommt eben nur ein Handy "Made in Romania". Die Liste lässt sich beliebig verlängern: Siehe Siemens/BenQ. Siehe Electrolux. Siehe Grundig. Siehe Opel. Diese Folgen des eigenen Handelns dann dem Unternehmen vorzuwerfen, ist schlicht bigott.

Denn der finnische Telekommunikationskonzern hat sich nichts vorzuwerfen: Um ihn an den Standort Bochum zu locken, sind von dem Land Nordrhein-Westfalen rund 60 Millionen Euro an Fördermitteln geflossen. Knapp 28 Millionen legte der Bund nochmals oben drauf. Im Gegenzug hat sich Nokia offenbar penibel an die gemachten Auflagen gehalten. Als die Fristen dafür ausgelaufen sind, hat das Unternehmen seine Konsequenzen gezogen. Bei Ministerpräsident Jürgen Rüttgers heißt das "Subventions-Heuschrecke". Weil der Konzern nicht geblieben ist, als er nicht musste. Wäre er ohne die Subventionen der Herren Rüttgers und Co. überhaupt nach Nordrhein-Westfalen gekommen? Wir wissen es nicht. Aber unternehmerische Entscheidungen sind in einer freien Marktwirtschaft nun einmal frei.

Lektion in Globalisierung

Und jetzt das: Mit großer Geste haben Verbraucherminister Horst Seehofer und SPD-Fraktionschef Peter Struck ihre Nokia-Handys zurück gegeben. Aus Wut über die Werksschließung. Das sichert ein paar Schlagzeilen. Es mag sogar sein, dass Herr Struck und Herr Seehofer bereit wären, mehr als 200 Euro für ein Handy zu bezahlen. Die meisten Deutschen sind es nicht. So verkommt ihre Aktion zu einer leeren, populistischen Geste. Denn die Deutschen lieben es billig. Daran kann kommt auch ein Weltmarktführer wie Nokia nicht vorbei.


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