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Konjunkturkrise: Was tun gegen eine Rezession?

Seit Bekanntwerden der Immobilienkrise schwebt das Damokles-Schwert Rezession über den USA. Aber: Haben auch Länder in Europa Grund zur Sorge? Sollten sie Maßnahmen gegen eine mögliche Rezession ergreifen und, wenn ja, welche? Fragen, auf die stern.de eine Antwort gibt.

Von Lisa Louis

Die Immobilienkrise hat die Märkte verunsichert: "Droht in den USA eine Rezession?" ist die alles dominierende Frage. So hat die amerikanische Regierung vorsorglich ein Konjunkturpaket von 115 Milliarden Euro beschlossen: Durch Steuersenkungen und -erleichterungen soll die Wirtschaft wieder angekurbelt werden. Auch die amerikanische Notenbank Fed verliert die Zuversicht in den Aufschwung: Janet Yellen, Präsidentin der Fed in San Francisco, sagt, sie sei "nicht zuversichtlich", dass eine Rezession in den USA abgewendet werden könne.

Die Sorge in Europa: Eine Rezession jenseits des Teichs könnte auch Europa anstecken. Selbst die sonst zuversichtliche Europäische Zentralbank spricht von "Risiken für die Konjunktur". Aber wie konkret ist die Gefahr? Sollten auch europäische Regierungen und Zentralbanken Maßnahmen ergreifen, um einer möglichen Krise hierzulande vorzubeugen und so dem amerikanischen Beispiel folgen? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen zur Rezession und stellt deren Gegenmittel vor.

Droht in den USA und Europa eine Rezession?

Der Begriff Rezession bedeutet, dass die Wirtschaft in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen nicht wächst oder schrumpft. "In Europa ist dieses Szenario relativ ausgeschlossen", sagt Christan Dreger, Konjunkturexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). In den USA werde es zwar zu einer erheblichen Dämpfung der Konjunktur kommen, eine Rezession erwarte er aber nicht, meint der Ökonom.

Die Verflechtungen der deutschen mit der amerikanischen Wirtschaft seien nicht allzu hoch: Nur neun Prozent der deutschen Exporte gingen in die USA. Wenn also Amerikaner weniger konsumieren, sinkt nur in begrenztem Maße der Absatz deutscher Unternehmen. "Die direkten Effekte einer Konjunkturabschwächung sind daher begrenzt", meint Dreger. Allerdings gäbe es noch indirekte Effekte: Wenn amerikanische Verbraucher weniger konsumieren, können beispielsweise französische Unternehmen weniger in den USA absetzen. Dadurch verdienen französische Unternehmen weniger und entlassen eventuell Mitarbeiter oder stellen weniger Arbeitnehmer ein. Diesen französischen Arbeitnehmern entgeht also Lohn - und dadurch konsumieren sie eventuell weniger, auch an Importen. Deutsche Unternehmen schließlich können so weniger Produkte in Frankreich absetzen.

Sollte die Europäische Zentralbank die Leitzinsen senken?

Die EZB muss abwägen zwischen Inflationsgefahr und zu starkem Euro. Ökonom Dreger hält die Inflationsgefahr aber erst einmal für höher: "In der ersten Hälfte des Jahres 2008 schätzen wir die Inflation auf über zwei Prozent", sagt der DIW-Mitarbeiter. "Wir raten also, den Leitzins zu lassen, wo er ist." Im zweiten Halbjahr dürfte die Inflation dann wieder zurückgehen, meint Dreger.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat zum Ziel, die Inflation im Euroraum auf höchstens zwei Prozent zu begrenzen. Außerdem achtet sie auf den Kursverfall des Dollars. Und beides sei mit dem Leitzins zu steuern, sagt Dreger. Wenn der sinkt, kommt es einerseits zu Inflation. Denn Kredite werden günstiger, wodurch Verbraucher mehr konsumieren und Unternehmen mehr investieren können. Und bei zunehmender Nachfrage steigen die Preise.

Andererseits ist ein sinkender Zins aber gut gegen einen fallenden Dollar: Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve hat allein in der vergangenen Woche ihren Leitzins um 1,25 Punkte auf 3,5 Prozent reduziert. Je niedriger der Zins ist, desto uninteressanter sind Investitionen in den USA. Anleger verlagern in dem Fall ihr Geld zunehmend nach Europa.

Und dadurch wird der Euro im Vergleich zum Dollar teurer. Denn: Eine steigende Nachfrage nach dem Euro erhöht dessen Preis. Mit einem starken Euro können Verbraucher zwar in den USA mehr einkaufen, Unternehmen jedoch auch weniger absetzen. Und das ist schlecht für die europäische Konjunktur. Im Moment ist laut Dreger die Inflationsgefahr akuter als die Belastung durch den Dollar-Kurs. Nur wenn der Euro-Dollar-Kurs deutlich ansteige, sei eine moderate Zinssenkung angebracht, meint der Ökonom. Momentan liegt der Kurs bei etwa 1,50 Dollar pro Euro. Ein kritischer Wert sei 1,60 Dollar.

Wäre ein staatliches Konjunkturprogramm angemessen?

Ein staatliches Konjunkturprogramm sind zum Beispiel staatliche Investitionen. Bis die allerdings vom Staat beschlossen sind, dauert es. Und zwar oft mehrere Monate. Und selbst dann braucht das Programm noch Zeit, um bei den Verbrauchern anzukommen: Bei steigenden Aufträgen müssen Unternehmen mehr produzieren und dafür eventuell Arbeitnehmer einstellen. Die verfügen dann über mehr Einkommen und können mehr konsumieren.

Die amerikanische Regierung hat ein Konjunkturpaket von über 150 Milliarden Dollar beschlossen. Ein Drittel dieser Gelder sind Investitionsanreize für Unternehmen. "Ein Konjunkturprogramm steht in Deutschland derzeit nicht zur Debatte", kommentiert Konjunkturexperte Dreger. "Wir befinden uns immer noch im Aufschwung." Außerdem sind die öffentlichen Haushalte immer noch nicht konsolidiert. Ein Konjunkturprogramm würde da nur eine zusätzliche Lücke in den Etat reißen.

Sind Steuersenkungen sinnvoll?

"Auch hier hat eine Haushalts-Konsolidierung Vorrang", meint DIW-Mitarbeiter Dreger. Schließlich koste eine Steuersenkung den Staat Geld. Außerdem habe der Konsum in Deutschland auch so gute Aussichten: Im jetzigen Aufschwung seien bereits eine Million Arbeitsplätze geschaffen worden und der Trend gehe weiter. Bei mehr Arbeitsplätzen sinke das Risiko, arbeitslos zu sein. Außerdem steige der Reallohn, kommentiert Dreger.

Sollten Arbeitnehmer sich mit ihren Lohnforderungen zurückhalten?

Wenn Lohnforderungen zu hoch ausfallen, können sich Unternehmen ihre Mitarbeiter nicht mehr leisten und entlassen sie. Auf der anderen Seite spülen hohe Löhne den Arbeitnehmer Geld ins Portemonnaie. So können sie mehr konsumieren.

Konjunkturökonom Dreger vertritt die Seite der Arbeitgeber: "Moderate Lohnabschlüsse verbessern die Beschäftigungsperspektiven beträchtlich", meint er. So sei durch die Lohnzurückhaltung die Zahl der Arbeitslosen auf 3,5 Millionen zurückgegangen. Noch im Jahr 2005 waren in der Bundesrepublik fünf Millionen Arbeitslose gemeldet. Gerade im öffentlichen Dienst sollten die Löhne nicht steigen - schließlich bestehe gerade dort Konsolidierungsbedarf.

Dierk Hirschel, Chefökonom beim Deutschen Beamtenbund, sieht das jedoch anders: "In den letzten Jahren hat der öffentliche Dienst Nullrunde an Nullrunde gereiht, daher gibt es einen sehr hohen Nachholbedarf gegenüber der Privatwirtschaft", sagt er. Damit unterstützt Hirschel die Forderungen der Gewerkschaft Verdi und des Deutschen Beamtenbund nach acht Prozent mehr Lohn für die rund 1,3 Millionen Beschäftigten bei Bund und Kommunen.

Inwiefern sollte der Staat die Sozialbeiträge senken?

Wenn Sozialbeiträge niedriger sind, ist auch Arbeit günstiger. Dadurch haben Arbeitgeber mehr Anreiz, Personal zu beschäftigen. Allerdings ist eine solche Maßnahme nicht kostenlos, wie Konjunkturökonom Dreger betont: "Wenn der Staat eine solche Politik macht, müssen im Gegenzug Ausgaben gekürzt werden. Dass nämlich eine Reduktion der Sozialbeiträge sich selbst finanziert, ist eine Illusion", meint er. So würden Arbeitgeber zwar eventuell neues Personal einstellen. Jedoch seien die Einnahmeausfälle durch die Senkung der Sozialbeiträge höher als die Mehreinnahmen, die durch die verbesserte Arbeitsmarktsituation entstünden.