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LEBENSMITTEL: Ende der Werbung mit ländlicher Idylle

Schluss mit lustig! Verbraucherschützer fordern ein Ende der irreführenden Harmonie-Werbung mit »glücklichen Kühen« und »saftigen Wiesen«.

Ein Ende irreführender Lebensmittel-Werbung, die eine »ländliche Idylle« mit Kühen auf saftig-grünen Wiesen und »glücklichen« Hühnern im Strohnest vorgaukelt, haben Verbraucher-, Tier- und Umweltschützer gefordert. In vielen Fällen wird der Verbraucher »systematisch« getäuscht, sagte Edda Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv). Lebensmittelhandel und -industrie betrieben eine »massive Verschleierung der Produktionsmethoden«.

Keine »Idylle«-Werbung mehr

Wegen dieser »Idylle«-Werbung auf Verpackungen für Hühnereier, die in Wirklichkeit aus Legebatterien stammen, hat der Verband die Firmen Rewe und Landkost-Eiererzeugergemeinschaft verklagt. Die Verhandlungstermine vor den Landgerichten in Wiesbaden und Potsdam sind für den 12. Dezember angesetzt. Zugleich starteten der vzbv, der Deutsche Tierschutzbund und die Umweltstiftung Euronatur am Dienstag eine Aufklärungs-Kampagne für Verbraucher. Der Pressesprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels, Hubertus Pellengahr, sagte dazu, es könne keine Rede davon sein, dass der Handel den Verbraucher systematisch mit Idyllebildern täuscht. Der Konsument ist mündig und kann die Werbung auf den Verpackungen beurteilen., so Pellengahr.

Kein Kalb in Kalbsleberwurst?

Kalbsleberwurst ohne ein einziges Gramm Kalbfleisch, grüne Wiesen auf Kartons mit Eiern aus Batteriehaltung, wohlklingende Fantasienamen, Toscana-Idylle auf Mozzarella aus Deutschland, ein freundlich grüßender Bauer auf der »Delikatess-Leberwurst« - die Darstellung auf der Verpackun ist weit von der tatsächlichen Produktionsweise entfernt, erklärten die Verbände.

Auch auf Eierkartons wird gemogelt

Selbst die beispielhaften Herkunfts-Erklärungen im Inneren eines Eier-Kartons kann den Verbraucher noch in die Irre führen. So weist bei manchen Verpackungen ein Pfeil auf die groß gedruckte Ziffer eins für Freilandhaltung, während auf das Ei selbst blass-rosa und kaum zu erkennen die Ziffer fünf - Batteriehaltung - gestempelt ist. »Wir fordern Transparenz und Ehrlichkeit bei der Werbung und den Kennzeichnungen«, sagte Müller.

Klangvolle Namen als Kaufanreiz

Nach einer Studie des vzbv greift durchschnittlich jeder vierte Verbraucher bei Produkten zu, bei denen klangvolle Firmennamen und eine rustikale Bebilderung eine Scheinwelt vorspiegeln. »Ein Jahr seit der Feststellung des ersten BSE-Falls in Deutschland sind wir von dem Ziel der Transparenz vom Stall bis zur Ladentheke noch meilenweit entfernt«, sagte Müller.

Flugenten flogen nie

Tierschutzbund-Präsident Wolfgang Apel behauptet, dass immer noch 90 Prozent der Legehennen in Deutschland in Batterien leben, in denen sie weniger Platz als auf einem DIN-A4-Blatt haben. 42 Millionen Schweine werden auf Vollspaltböden gehalten, ohne jemals Auslauf zu haben. »Flugenten« mit gestutzten Flügeln, die niemals fliegen konnten, sind in Supermärkten im Angebot.

Kennzeichnungen durchforsten

Die drei Verbände forderten eine Reform der Lebensmittelbuch-Kommission. Alle Kennzeichnungen müssen durchforstet werden. Von Verbraucherministerin Renate Künast forderte Müller, das angekündigte Verbraucherinformationsgesetz rasch auf den Weg zu bringen, damit es noch vor der Bundestagswahl im Herbst 2002 in Kraft treten kann. Im Wettbewerbsrecht müssen härtere Sanktionen eingeführt werden. Ein getäuschter Kunde sollte ein Kaufrücktrittsrecht und Anspruch auf Schadensersatz bekommen.

»Wir prangern an, dass getäuscht wird«, sagte Müller. Wenn der Verbraucher dann trotz Aufklärung und transparenterer Produktionsweisen immer noch zum Billig-Ei aus der Legebatterie greift, dann »können wir auch nicht helfen«.

Dorothea Hülsmeier