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Nach Ärger für Lemonaid Ist Limonade mit wenig Zucker verboten? Das sagt das Ernährungsministerium

Lemonaid darf weiter Limonade heißen
Lemonaid hat Behördenärger wegen zu wenig Zucker
© Hauke-Christian Dittrich / DPA
Die Bio-Limonade "Lemonaid" wurde von den Behörden wiederholt abgemahnt, weil sie zu wenig Zucker enthalte. Als Konsequenz aus der Posse fordert das Bundesernährungsministerium eine Überprüfung der Leitsätze - fühlt sich aber nicht wirklich zuständig.

"Behördenirrsinn ohne Ende", kommentierte Getränkehersteller Lemonaid vergangene Woche, was ihm nun schon zum wiederholten Male widerfahren ist. Die Bio- und Fairtrade-Limonade der Hamburger Firma war vom Bonner Verbraucherschutzamt beanstandet worden, weil sie zu wenig Zucker enthält. Nur 5,6 Prozent Zuckergehalt waren in der Laborprobe festgestellt worden, laut den amtlichen "Leitsätzen für Erfrischungsgetränke" muss eine Limonade aber mindestens 7 Prozent der ungesunden Zutat enthalten.

Bei Lemonaid hatte man eigentlich gedacht, dass das Zuckerthema erledigt sei. Denn vor eineinhalb Jahren war das Thema schon einmal hochgekommen – damals hatten die Hamburger Behörden den zu geringen Zuckergehalt angemahnt, ihre Beanstandung aber auf Anweisung der Hamburger Gesundheitssenatorin wieder zurückgezogen. Doch die Leitsätze wurden trotz der bundesweit diskutierten Posse nicht überarbeitet, sodass Lemonaid nun sein Déjà-vu erlebt.

Werden die Zucker-Leitsätze geändert?

Diesmal hat sich Lemonaid mit einer Protestaktion direkt an Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) gewendet, die sich – zumindest verbal – eigentlich für weniger Zucker in Lebensmitteln einsetzt. Und, tut sich diesmal etwas? Der stern hat beim Ministerium nachgefragt, ob die unzeitgemäße Zuckerregel endlich gestrichen wird.

Die Antwort: "Wir haben das klare Ziel, in Fertiglebensmitteln und auch Erfrischungsgetränken den Gehalt von Zucker zu reduzieren", erklärt Klöckners Parlamentarischer Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel. Mit der vom Ministerium angestoßenen Nationalen Innovations- und Reduktionsstrategie sei man hierbei ganz allgemein auf dem richtigen Weg. "Umso mehr haben wir die klare Erwartung, dass sich die Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission der aktuellen Problematik nun zügig annimmt und die entsprechenden Leitsätze überprüft."

Ministerium verweist auf Lebensmittelbuch-Kommission

Klöckners Ministerium unterstützt also die Forderung von Lemonaid, die Zucker-Leitsätze zu ändern. Gleichzeitig erklärt sich das Ministerium aber auch für nicht verantwortlich. Denn: "Die Leitsätze werden von der unabhängigen Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission erarbeitet, die sich aus Vertretern der Lebensmittelüberwachung der Länder, der Wissenschaft, der Verbraucherschaft und der Lebensmittelwirtschaft zusammensetzt", schreibt das Ministerium – das Wort "unabhängig" ist in der schriftlichen Antwort gefettet und unterstrichen.

Das Bundesministerium selbst ist in dem Gremium, das die Leitsätze für Lebensmittel aller Art festlegt, also gar nicht vertreten. Staatssekretär Fuchtel werde aber "zeitnah die Vorsitzende der Deutschen Lebensmittelkommission in dieser Sache zu einem Gespräch treffen", heißt es etwas halbherzig weiter.

Jedes Amt handelt nach eigenem Ermessen

Darüberhinaus weist das Ministerium darauf hin, dass die Leitsätze "keine Rechtsvorschriften" darstellen, was bedeutet, dass die Lebensmittelkontrollbehörden der Länder davon schon jetzt abweichen dürfen. "Die Lebensmittelüberwachungsbehörden bewerten dies in jedem Einzelfall unter Würdigung der Gesamtschau des Lebensmittels." Mit anderen Worten: Jedes Amt kann die Leitsätze nach eigenem Ermessen auslegen.

Die Stadt Hamburg hat bereits im vergangenen Jahr klar gemacht, dass sie Lemonaid nicht dazu verdonnern wird, mehr Zucker in ihr Getränk zu packen. Nun setzt sich auch die neue Hamburger Verbraucherschutzsenatorin Anna Gallina (Grüne) für die Firma ein. In einem Brief an die Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission fordert Gallina das Gremium auf, "die Leitsätze für Erfrischungsgetränke dringend zu überarbeiten". Die Auffassung, eine Limonade müsse mindestens 7 Gewichtsprozent Zucker enthalten, entspreche "nicht mehr dem aktuellen Stand".

Einen zweiten Brief hat die Hamburger Verbraucherschutzsenatorin parallel an Julia Klöckner gesendet. Darin heißt es: "Ich würde es begrüßen, wenn Sie sich diesem Antrag anschließen könnten, sodass kurzfristig auch bundesweit Rechtssicherheit für Unternehmen wie Lemonaid erzielt werden kann und gleichzeitig unsere gemeinsamen Bemühungen zur Zuckerreduktion in Erfrischungsgetränken vorangebracht werden."

Lemonaid-Chef Paul Bethke hofft, dass die politische Unterstützung diesmal wirklich dazu führt, dass sich die amtlichen Zuckerrichtlinien ändern. Er sagt: "Es muss Schluss sein mit leeren Sonntagsreden der Politik für gesündere Lebensmittel. Wir fordern, dass diese wahnwitzige Zucker-Untergrenze jetzt endlich konkret gestrichen wird!“


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