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Leo-Kirch-Coup: Die Macht hinter dem Paten

Deutschland ist verblüfft über das Comeback von Leo Kirch, doch der gibt für den Bundesliga-Deal nur seinen Namen her: Hinter dem Geschäft steckt sein Kronprinz Dieter Hahn. Die Branche rätselt, wie die Veteranen diesmal Geld verdienen wollen.

Von Katrin Elger, Angela Maier, Lutz Meier

Der Pate ist zurück. Und alle reden über ihn. Über seinen Coup. Das Comeback. Den "deutschen Citizen Kane", wie sie ihn getauft haben, den "Ungeheuren", das "öffentliche Phantom". Das Land reibt sich die Augen über die Wiederauferstehung von Leo Kirch, der die Schande seines Lebens beseitigt hat. Fünf Jahre nach seiner Pleite, nach dem Untergang seines Medienimperiums und einem beispiellosen Debakel für die Bundesliga darf Kirch noch einmal Fußballrechte vermarkten. Eine Geschichte wie aus einem der Hollywood-Blockbuster, die den Handwerkersohn zum Medientycoon gemacht haben.

Und so wird noch einmal in den Archiven gekramt. Kirchs alte Sprüche wie "Der Gerechte darf auch siebenmal hinfallen, wenn er nur achtmal aufsteht". Die Anekdote über seinen ersten Urlaub nach jahrzehntelanger Arbeit, den Kirch vorzeitig abbrach, weil er sich abseits des Büros langweilte. Die Gerüchte über Kirchs Seilschaften, die bis in die innersten Kreise der Macht reichen sollen. Nur eine Frage wird nicht gestellt. Wie viel Kirch steckt wirklich hinter dem Deal?

Ein fast 81-Jähriger, den die Diabetes nahezu blind gemacht hat, dessen Gliedmaßen nicht mehr richtig durchblutet werden, der noch immer nicht von seiner Bypassoperation genesen ist - dieser Mann soll nun die Fernsehrechte der Bundesliga vermarkten. Bis 2015. Dann wäre Kirch 89 Jahre alt. Wie ist es möglich, dass jemand den Zuschlag bekommt, der bei seinen Gläubigern bis heute unbezahlte Rechnungen in Milliardenhöhe offen hat? Welche Bank stellt solch einem Unternehmer noch eine Bürgschaft über 500 Mio. Euro pro Spielsaison?

Kirch als Markenname

Kirch, das zeigt sich bei näherer Betrachtung, ist nur noch die Marke. Die äußere Hülle, ein Label. Der wahre Dealmaker heißt Dieter Hahn. Seit den 90er-Jahren ist der 46-jährige Hesse der engste Vertraute des Medienunternehmers. Anfangs war er Kirchs Ziehsohn, dann seine rechte Hand, schließlich Kronprinz. Jetzt hat er das Zepter übernommen. "Treibende Kraft bei dem Deal war von Anfang an ganz klar Hahn", sagt ein Brancheninsider über den Bundesliga-Coup. "Er hat es dringend nötig, sich zu rehabilitieren."

Denn in seiner bisherigen Karriere als Medienunternehmer hatte der gelernte Jurist nicht immer Erfolge zu vermelden. 1990 fuhr er für den Springer-Verlag das spanische Blatt "Claro" an die Wand, zwei Jahre später wickelte er die Ost-Postille "Super Zeitung" ab. Und 2002 ging er mit Kirchs Imperium unter. Doch auch in diesen schlechten Tagen stand Hahn seinem Mentor nibelungentreu zur Seite. Jetzt zahlt es sich aus. Hahn kriegt noch einmal eine Chance. Funktioniert das neue Modell der Bundesligavermarktung und gelingt es der Agentur Sirius, die Rechte gewinnbringend an die Fernsehsender zu verkaufen, ist der Mann, den viele für tot erklärt hatten, rehabilitiert. Dennoch lässt sich Hahn keine Freude anmerken. Nicht ein Lächeln entwischt ihm bei der Verkündigung des Deals. Nüchtern erläutert er neben Christian Seifert, dem Geschäftsführer der Deutschen Fußball Liga (DFL), am Dienstag in Frankfurt sein Konzept. Mit Emotionen im Fußball will Hahn Geld verdienen, selbst zeigen will er sie nicht. "Die Medienbranche ist eine kaufmännische Veranstaltung und sollte mit normalen Maßstäben gemessen werden", lautete schon in den 90er-Jahren sein Credo.

"Mein Haus kann nur der Dieter bestellen"

Damals war Hahn der unangefochtene Sportrechteexperte im Imperium des Leo Kirch. Deutschlands Medienzar hatte Hahn 1993 trotz dessen Rückschlägen beim Springer-Verlag vom Fleck weg als Geschäftsführer des Deutschen Sportfernsehens (DSF) engagiert. Der 32-Jährige fing damals an, mit allem zu handeln, was ihm in die Finger kam: Boxrechte, Fußballrechte, Eishockeyrechte. Mit wechselndem Erfolg. Dann aber landete er einen echten Erfolg. 1996 bekam Hahn den Zuschlag für die globalen Übertragungsrechte an der Fußball-WM 2002 bis 2006, für 2,8 Mrd. Euro. Und wurde mit einem Schlag der Star in Leo Kirchs Medienreich.

2000 präsentierte er Hahn auf einer firmeninternen Weihnachtsfeier als Nachfolger. Kirchs leiblicher Sohn Thomas, der mit Drogenproblemen kämpfte und nie Sinn fürs Geschäft bewies, sollte nie von seinem Vater dieselbe Anerkennung wie Hahn erfahren. "Mein Haus kann nur der Dieter bestellen", sagte Kirch 2001 in einem Interview.

Schlachtplan gegen die Deutsche Bank

Seit der Pleite des Kirch-Imperiums im Jahr 2002 gingen Kirch und Hahn fast jeden Tag ins Münchner Büro ihres Unternehmens KF 15 in die Kardinal-Faulhaber-Straße 15. Gemeinsam haben sie dort den Feldzug gegen die Deutsche Bank geplant - deren damaliger Chef Rolf Breuer hatte öffentlich Kirchs Kreditwürdigkeit angezweifelt. 1,6 Mrd. Euro fordert Hahn im Namen Kirchs. Nun hat der Kronprinz den Bundesligadeal ausgetüftelt. Im März macht in der Rechtehändlerbranche die Runde, dass Kirchs Emissär in Frankfurt DFL-Geschäftsführer Seifert getroffen hat. In den folgenden Monaten werden die Kontakte intensiver. Seifert macht sich nach dem Ausstieg von Arena Gedanken über die Zukunft der Rechte, fürchtet, dass es nur noch einen Bieter geben wird - Premiere. Das ist die Stunde des Dieter Hahn.

Monatelang arbeitet der Workaholic daran, eine weitere Schlüsselfigur auf seine Seite zu bringen: Dagmar Brandenstein. Die 41-Jährige gilt als eine der erfahrensten Sportrechtespezialisten Deutschlands. Trotz ihres harten Verhandlungsstils ist sie in der Branche hoch angesehen. Schließlich zog sie in den vergangenen Jahren als Chefin der ARD/ZDF-Agentur SportA eine Reihe spektakulärer Rechte an Land. Bei der letzten Bundesliga-Ausschreibung sorgte Brandenstein durch geschicktes Taktieren dafür, dass die totgeglaubte "Sportschau" erhalten blieb.

Das Sirius-Modell machte das Rennen

Beim Ringen um die EM 2008 brachte sie die Verhandler von Uefa und der Rechteagentur Sportfive durch stures Standhalten zur Weißglut - und ersparte den Öffentlich-Rechtlichen eine größere zweistellige Millionensumme. Als sie das ZDF nun kaltstellen wollte, sicherte sich Hahn ihre Dienste. Nun soll Brandenstein die Rechte für Sirius weitervermarkten. Auch an ihre früheren Arbeitgeber von ARD und ZDF. Vielleicht war Brandensteins guter Leumund der Grund, warum sich die Manager der 36 Bundesligaklubs noch einmal für Hahn und Kirch entschieden - trotz mancher Bauchschmerzen. "Mit dem Modell der Zwischenvermarktung konnten wir uns schnell anfreunden", heißt es aus dem Umfeld der Verhandlungen. "Mit den Personen dahinter nicht."

Ligaverbandspräsident Reinhard Rauball soll sogar die Bank hinter Hahn und Kirch angerufen haben, um deren Bürgschaft für die erste Saison über rund 500 Mio. Euro zu verifizieren, berichtet ein Teilnehmer. Weil sich niemand anderer fand, der bereit war, eine halbe Milliarde pro Jahr zu zahlen, entschieden sich die Vereine schließlich doch für das Sirius-Modell. Dass auch der mächtige, aber in finanziellen Belangen konservative FC Bayern München zustimmte, dürfte Hahn vor allem seiner zweiten Neuerwerbung verdanken: dem erst 34-jährigen Dejan Jocic. Der ehemalige Programmgeschäftsführer von Arena hat beste Kontakte zum Rekordmeister. Mit seiner Firma Medienallee fädelte er kürzlich ein für die Münchner äußerst lukratives Geschäft für die Übertragung ihrer Uefa-Cup-Spiele auf Pro Sieben ein.

"Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen"

Die Bundesliga-Rechte sind nun unter Dach und Fach. Doch die gesamte Branche rätselt, wie Hahn und Kirch diesmal mit Fußball Geld verdienen wollen. "Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass sich das rechnet", sagt ein hochrangiger Medienmanager. Aus dem Umfeld der Vertragspartner heißt es lapidar: "Wir vergrößern die Nachfrage, indem wir nicht mehr nur auf die Fernsehsender angewiesen sind." Infrastrukturbetreiber wie Satelliten-, Kabelnetz-, DSL- oder Mobilfunkanbieter können von Sirius komplette Programme beziehen und ausstrahlen.

Geht das Konzept auf, machen zunächst Hahn und Kirch Kasse. Von den ersten 100 Mio. Euro Einnahmen, die über die Garantiesumme hinaus erwirtschaftet werden, gehen 90 Prozent an sie und nur zehn Prozent an die Klubs. Weitere Profite werden im Verhältnis 51 zu 49 Prozent aufgeteilt. Die Fußballklubs fühlen sich dieses Mal sicher. Denn Sirius muss jedes Jahr zum 1. Januar eine Bürgschaft vorlegen, die die garantierten 500 Mio. Euro Erlöse für die Fußballklubs absichert. Auch die Abnehmer der Programme müssen Bankbürgschaften vorlegen. "Der Fußball hat aus dem Debakel 2002 gelernt", heißt es stolz im Umfeld der Bundesliga.

Kirch und Hahn offenbar auch: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen", kommentierte Leo Kirch damals die Zerschlagung seines Unternehmens. Jetzt sieht das Modell etwas anders aus: Leo Kirch gibt nur noch seinen Namen. Für das Nehmen ist Dieter Hahn zuständig.

FTD