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Lieferengpass zu den Festtagen: Ostereier - verzweifelt gesucht

Legebatterien sind seit Anfang des Jahres in Deutschland verboten. Weil viele Eierproduzenten zu spät auf Boden- oder Freilandhaltung umgerüstet haben, droht kurz vor Ostern ein Eier-Engpass.

Von Roman Heflik

"Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad", lautet ein alter Schlager. Tatsächlich könnten derzeit viele deutsche Hühnerbauern ihre Großmutter durch den Stall brausen lassen, ohne dass ein einziges Tier Federn lassen müsste. Denn im Moment stehen zahlreiche deutsche Hühnerställe leer. Und deswegen wird - ausgerechnet vor Ostern - eines der liebsten Lebensmittel der Deutschen nicht nur immer begehrter, sondern auch immer teurer: das Ei.

Die Ställe sind leer, weil viele deutsche Hühnerfarmer einer Gesetzesänderung nicht rechtzeitig nachgekommen sind. Laut diesem Gesetz, mit dem Deutschland eine EU-Richtlinie umsetzt, dürfen seit Januar dieses Jahres keine Legehennen mehr in kleinen Käfigen, den so genannten Legebatterien, gehalten werden.

"Eierbarone haben rechtzeitige Umstellung verpasst"

"Zum Teil haben die Bauern zu spät damit angefangen, ihre Anlagen umzubauen, zum Teil stehen auch noch Genehmigungen der örtlichen Behörden aus", sagt Caspar von der Crone, Geschäftsführer des Vereins für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen (KAT). Möglicherweise habe aber auch einfach die Lobby zu lange versucht, das Käfigverbot aufzuhalten. Der Tierschutzbund Deutschland kritisiert: "Die Eierbarone haben eine rechtzeitige Umstellung ihrer Produktion verpasst."

Die Folgen für die deutsche Eier-Industrie sind drastisch: "Die Eierproduktion ist in Deutschland im Vergleich zum Vorjahr um etwa 30 Prozent gefallen", sagt Wilhelm Hoffrogge vom Niedersächsischen Geflügelwirtschaftsverband. Mit anderen Worten: Das deutsche Ei wird knapp.

Jeder Deutsche verputzt 214 Eier im Jahr

Die Ausmaße dieser Produktionslücke werden erst klar, wenn man sich die absoluten Zahlen des deutschen Eier-Marktes vor Augen hält: 214 Eier verputzt jeder Deutsche im Jahr – das entspricht einer Jahressumme von 18 Milliarden Eiern. Würde man alle diese Eier zu Spiegelei von einer Größe von zehn mal zehn Zentimeter braten, könnte man mit ihnen Sylt fast zweimal bedecken.

Etwa jedes dritte Dotter und Eiweiß verwendet die sogenannte Aufschlagindustrie, also Unternehmen der Lebensmittelbranche wie Hersteller von Nudeln, Kuchen, Schokoküssen oder auch Eierlikör. Der Rest dagegen wird in deutschen Küchen verbraucht, wo die Eier beispielsweise im Kuchenteig landen, auf dem Frühstückstisch – oder eben im Oster-Nest.

Doch durch die Umstellung der Tierhaltung liefern die deutschen Produzenten nun rund zwei Milliarden Eier weniger. Caspar von der Crone sagt: "Für den Verbraucher könnte das bedeuten, dass er im Supermarkt im schlimmsten Fall kein deutsches Ei mehr findet." Wer sicher gehen wolle, müsse rechtzeitig Eier auf Vorrat kaufen.

Lebensmittelhilfe aus dem europäischen Ausland

Schon seit Monaten steigen wegen dieser Knappheit die Preise: Gut die Hälfte mehr als vor einem Jahr kostet nun das zerbrechliche Naturprodukt. Seit Jahresbeginn sind nach Auskunft derSupermarktkette Edeka die Preise auf dem freien Markt bei Eiern aus Bodenhaltung um 18 Cent gestiegen, bei Eiern aus Freilandhaltung sogar um 20 Cent. Während der Käufer im Moment vor allem auf dem Markt oder in kleineren Läden tief in die Tasche greifen muss, fallen die Preiserhöhungen in großen Supermärkten etwas moderater aus. Die Supermarktketten haben mit den Legehennen-Besitzern langfristigere Verträge, die träger auf den Preisanstieg reagieren. Doch bei den nächsten Lieferverträgen müssten die Discounter nachlegen, heißt es in der Eierbranche.

Damit der gewaltige deutsche Hunger nach dem Ei weiterhin gestillt wird, springen inzwischen die europäischen Nachbarn massiv ein. Dass Deutschland – sonst ein globaler Export-Champion – das runde Gut massenweise importieren muss, ist grundsätzlich nicht neu: Trotz der zuletzt rund 26,4 Millionen Legehennen in Deutschland konnten Geflügelbesitzer wie Wilhelm Hoffrogge laut KAT insgesamt nur etwa 70 Prozent des nationalen Bedarfs decken – der Rest kam vor allem aus Holland, zuletzt auch aus Polen. "Doch inzwischen liegt der Selbstversorgungsgrad nur noch bei etwa 55 Prozent", sagt Caspar von der Crone.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Um den hohen Bedarf zu decken, werden immer mehr Eier aus dem Ausland herangeschafft - wo Legebatterien noch weit verbreitet sind

Eier-Importe sind Rückschlag für Tierschutz

Fast jedes zweite Ei auf deutschen Tellern rollt über die Grenze an und hat damit gewissermaßen einen Migrationshintergrund. Denn die hohen Preise, die hierzulande erzielt werden können, machen jetzt auch lange Transportwege rentabel: Inzwischen tauchen in den Eierkartons in den hiesigen Supermärkten sogar Eier aus Spanien oder Finnland auf. "Wirkliche Engpässe zum Beispiel zu Ostern wird es deswegen wohl nicht geben", beruhigt Caspar von der Crone.

Marius Tünte vom Tierschutzbund Deutschland kann sich über die europäische Lebensmittelhilfe trotzdem nicht sonderlich freuen. "Die verstärkten Transporte sind aus der Perspektive des Klimaschutzes nicht gerade erfreulich." Vor allem aber bedeute der Import einen Rückschlag für den Tierschutz selbst: Denn im Gegensatz zu Deutschland ist die qualvolle Käfighaltung in den meisten Nachbarnländern noch erlaubt. Während sich die Deutschen und Österreicher als Vorreiter betätigten und bis Ende 2009 ihre alten Käfige abbauten, soll der Rest der EU nach dem Willen Brüssels erst 2012 folgen – wenn die Eier-Lobbyisten dem nicht noch einen Strich durch die Rechnung machen sollten. So liegt der Anteil der Käfighennen beispielsweise in Holland noch immer bei gut 40 Prozent – Länder wie Spanien oder Italien stützen sich sogar noch fast komplett auf Eier industrieller Fertigung.

Vorsicht bei gefärbten Eiern

Freunde der Legehenne, die kein schlechtes Gewissen beim Verzehr ihres Omelettes haben wollen, sollten beim Kauf ihrer Eier auf die Kennzeichnung auf den Schalen achten. Eine "0" steht für Hühner aus Freilandhaltung, mit Biofutter ernährt, eine "1" kennzeichnet die Freilandhaltung, die "2" die Bodenhaltung, bei der die Tiere im Stall gehalten werden. Bei einer "3" wird es schon komplizierter: Bislang kennzeichnete sie Eier aus Legebatterien – in Ländern wie Holland (am aufgedruckten Länderkürzel erkennbar) ist das auch immer noch so.

Stammt das 3er-Ei aber aus Deutschland, ist es in sogenannter Kleingruppen-Haltung gelegt worden. Dabei steht den Tieren zwar unter anderem mehr Platz zu Verfügung, Tierschützer wie Tünte halten aber auch das für nicht artgerecht und verkünden den Slogan: "Es bleibt ein Ei mit "3" ein Ei aus Quälerei." Um Diskussionen mit den Hühner-Sympathisanten zu vermeiden, haben daher die meisten Discounter Dreier-Eier bereits ausgelistet. Bis zum endgültigen Verbot produzieren die europäischen Eier-Barone allerdings noch auf Teufel komm raus. Für ihre Ware finden sie noch genug Abnehmer in der Lebensmittelindustrie, die der Aufdruck auf der Schale nicht weiter interessiert. Und ein weiteres Schlupfloch gibt es: Fertig bemalte Ostereier, wie sie in den kommenden Tagen in zahlreichen Lebensmittelläden zu finden sein werden, sind von der Kennzeichnungspflicht ausgenommen.

Verkäufer gehen schlampig mit Kennzeichnung um

Manche Verkäufer mogeln sich aber auch wesentlich dreister um die Vorgaben herum: Vor einer "bösen Überraschung beim Eierkauf zu Ostern" hat gerade erst die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen gewarnt. "In vier von zehn Fällen wird im Handel bei den Angaben zur Haltungsform und den Erzeugercodes getrickst oder geschlampt", meldeten die Verbraucherschützer. Vor allem bei loser Ware, die bevorzugt auf Wochenmarktständen, aber auch in Bio-Läden angeboten werde, gab es den Angaben zufolge auffällig viele Gesetzesverstöße: Oft habe der Erzeugerstempel oder das Haltbarkeitsdatum gefehlt oder sei nicht zu entziffern gewesen.

Eine gute Botschaft gibt es jedoch: Gegen Ende des Jahres werde die Eier-Knappheit ein Ende haben, verspricht Wilhelm Hoffrogge. "Bis dahin sind voraussichtlich alle Ställe in Deutschland umgerüstet." Dann sind wieder alle glücklich: die ökologisch gesinnten Eier-Konsumenten, die verkehrskritischen Klimaschützer, vor allem aber auch die fast 40 Millionen Legehennen. Aber noch sind das ja ungelegte Eier.