LUFTVERKEHR Der erfolgreichste Billigflieger der Welt


Die US-Gesellschaft Southwest Airlines operiert beispiellos kostenbewusst und ist derzeit die einzige Fluglinie, die mit Gewinn fliegt - sogar nach dem 11. September.

Was in den Chefetagen der meisten führenden europäischen Airlines vor Jahsesfrist noch für ein Ding aus dem Tollhaus gehalten wurde, ist schon jetzt Wirklichkeit: Die viel geschmähten Billigflieger sind im Aufwind und warten von Monat zu Monat mit höheren Passagierzahlen auf. Mehr noch: Die so genannten Low Cost Carrier (LCC) schreiben im Gegensatz zu den etablierten großen Airlines trotz der allgemeinen Rezession im Luftverkehr, die durch die Terroranschläge am 11. September noch verschärft wurde, mehrheitlich schwarze Zahlen, kaufen neue Flugzeuge, prophezeien ein schier utopisch klingendes Wachstum und gehen sogar an die Börse.

Keinesfalls unterschätzen

Symptomatisch für die radikal veränderte Situation ist die Warnung des Lufthansa-Planungsstrategen Holger Hätty in der vergangenen Woche auf der 5. Hamburger Luftfahrt-Konferenz, an der eine gute Hundertschaft angesehener Wissenschaftler renommiertester Universitäten und Luftverkehrs-Experten aus Europa, Amerika, Australien und Asien teilnahmen: »Wir dürfen die Low Cost Carrier nicht unterschätzen.« Das sind neue Töne aus dem Hause der führenden deutschen Fluggesellschaft, die den irischen »Emporkömmling« Ryanair anfangs zumeist negiert und sich später mit diesem lautstarken und aggressiv auftretenden Branchen-David heftigst befehdet hat und wiederholt sogar vor Gericht gezogen ist.

Billigflieger treten Revolution los

Es gibt keine Zweifel mehr: Die Billigflieger haben den Luftverkehr revolutioniert. Nicht einmal zwölf Monate alt sind die Prognosen, wonach Ryanair & Co den schlagzeilenträchtigen »Preiskrieg« mit ihren Niedrigst-Tarifen nicht durchhalten könnten und sich nicht im Markt behaupten würden. Das Gegenteil stimmt: Die »Billigen Jakobs« fliegen immer neue Destinationen an und vergrößern sogar ihre Flotten. Ihr großes Vorbild ist die schon 1967 gegründete Southwest Airlines.

Fliegt sogar Gewinne ein

Diese beispiellos kostenbewusst operierende US-Gesellschaft aus Dallas, die allgemein als der große Gewinner der Deregulation im amerikanischen Luftverkehr gilt, ist derzeit die einzige führende US-Airline, die Gewinne einfliegt. Ihr Geschäftsprinzip: Eine einheitliche Flotte, die nur aus zweistrahligen Boeing 737 besteht, keine unrentablen Langstrecken, keinerlei Service an Bord und minimale Kosten am Boden.

Erfolgreich neben Traditionsunternehmen

Das Interessante an der Entwicklung dieser Airline ist nicht, dass sie sich als Low Cost Carrier seit dreieinhalb Jahrzehnten erfolgreich durchgesetzt hat. Sondern sie hat sich auch problemlos neben zwei mächtigen wie traditionsreichen Fluggesellschaften American Airlines und Continental behauptet, die beide auch in Texas beheimatet sind.

Flughäfen zieren sich noch

Es gib viele Luftverkehrs-Experten, die davon überzeugt sind, dass das in Europa genauso kommen wird. Dass sich viele große Flughäfen bislang noch weigern, diese Billigflieger zu akzeptieren, die möglichst keine oder nur minimale Lande- und Abfertigungsgebühren zahlen wollen, dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Am Ende dürften Kompromisse stehen, von denen alle profitieren: Die Low Cost Carrier zahlen niedrigere Gebühren, müssen dafür allerdings auch mit den weniger vorteilhaften Slots jenseits der Stoßzeiten zufrieden sein; auf der anderen Seite können Airports, die noch nicht aus den Nähten platzen, ihre »toten Zeiten« füllen. Motto: Besser kleine Geschäfte als keine. In dieses Szenario passt die jüngste mutige Ankündigung von Ryanair, spätestens in drei Jahren auch mehrere innerdeutsche Routen zu kreieren. Wahrscheinlich kommt das sogar viel schneller.

Regionaljets werden zunehmen

Die Prognosen der Marktforscher sprechen dafür. Amerikanische Analysen gehen davon aus, dass die Zahl der Verkehrsflugzeuge aller Art weltweit von derzeit rund 20.000 bis zum Jahre 2011 auf über 26.500 steigen wird. Im gleichen Zeitraum wird der Anteil der Regionaljets von derzeit sechs auf etwa 31 Prozent steigen - in diesem Segment werden sich zunehmend Billigflieger tummeln. Wie die europäischen Ryanair, easyJet, Go, buzz die australische Virgin Blue Airlines oder eben Southwest Airlines und JetBlue Airways in den USA.

'Kannibalisierung des Marktes'

Prof. David Gillen von der kalifornischen Berkeley-Universität, einer der angesehensten amerikanischen Fachleute, lässt keine Zweifel aufkommen: »Die Low Cost Carrier haben mit ihrer Elastizität der Preise und Strategien den Luftverkehr grundsätzlich verändert. Diese Airlines sind auch auf die letzten fünf Passagiere angewiesen. Und darum kämpfen sie mit Erfolg.« David Gillen nennt das eine »Kannibalisierung des Marktes«. Die Konsequenzen sind für ihn logisch: »Die teuren, alle Dienstleistungen anbietenden Luftfahrtgesellschaften müssen ihre Kosten senken und ihre Prozess- und Lieferungsstrategien überdenken.«

Karl Morgenstern


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