Luftverkehr-Tarife Warnstreiks bei der Lufthansa


Ein Warnstreik des Boden- und Kabinenpersonals der Lufthansa hat am Donnerstagmorgen zur Streichung von Flügen und Verspätungen an zahlreichen deutschen Flughäfen geführt.

Ein Warnstreik bei der Lufthansa hat am Donnerstagmorgen zur Streichung von Flügen und Verspätungen an zahlreichen deutschen Flughäfen geführt. Die genaue Anzahl der betroffenen Flüge lasse sich noch nicht abschätzen, sagte ein Lufthansa-Sprecher in Frankfurt. Der mehrstündige Warnstreik des Boden- und Kabinenpersonals betraf wie angekündigt Frankfurt, München, Hamburg, Köln, Düsseldorf, Berlin und Stuttgart.

1000 Mitarbeiter streiken in Frankfurt

Am größten deutschen Flughafen Frankfurt traten allein im Bereich Technik 1000 Mitarbeiter in den Warnstreik, sagte Lothar Herbst von der Gewerkschaft ver.di der dpa. Zum Höhepunkt der Aktion gegen 07.00 Uhr dürften nach seinen Worten insgesamt 1500 bis 2000 Beschäftigte die Arbeit niedergelegt haben. Das Ende der Aktion sei für 08.00 geplant, in einigen Bereichen könne es jedoch länger dauern. Zunächst seien drei Flüge gestrichen worden.

Unter anderem der Flug Frankfurt-Berlin bleibe am Boden, sagte der Lufthansa-Sprecher. Die Route nach Berlin sei ein "Schwerpunkt". Weitere Streichungen seien nicht ausgeschlossen. Wie viele Flüge insgesamt betroffen sein werden, hänge von der Dauer der Protestaktion ab.

ver.di fordert neun Prozent mehr Geld

Die seit Oktober laufenden Tarifgespräche für die 52 000 Beschäftigten am Boden und in den Kabinen waren ergebnislos abgebrochen worden. ver.di fordert neun Prozent mehr Geld und eine vom Unternehmenserfolg abhängige Gewinnbeteiligung und droht mit einer langen Auseinandersetzung.

Die Lufthansa lehnt die Forderungen als "völlig überzogen" ab. Sie hat angeboten, die Einkommen Anfang 2003 um 2,4 Prozent und gegen Ende dieses Jahres noch einmal um 1,5 Prozent zu erhöhen. Vorgeschlagen wurde zudem eine Ergebnisbeteiligung sowie eine Einmalzahlung für November und Dezember 2002.

Zur Lage in München

Am zweiten wichtigen Lufthansa Drehkreuz München traten nach ver.di-Angaben 150 Mitarbeiter in den Warnstreik, in Stuttgart sprach die Gewerkschaft von 30 Beschäftigten.

Kritische Phase für Lufthansa

Der Streik der Gewerkschaft ver.di trifft die Lufthansa in einer kritischen Phase. Wenn am Donnerstag die Beschäftigten am Boden und in den Kabinen die Arbeit niederlegen, müssen tausende Passagiere zum zweiten Mal binnen Wochen mit Verspätungen und Flugausfällen rechnen. Erst Mitte Dezember war die unbeteiligte Airline Leidtragende des Tarifstreits im öffentlichen Dienst geworden und musste 300 Flüge streichen. Konzern-Chef Jürgen Weber warnt seit Monaten vor einem teuren Tarifabschluss. Denn 2003 stehe die Lufthansa ohnehin vor einer Durststrecke.

Wenn die Nachfrage sinkt, Preise unter Druck geraten und Einnahmen ausbleiben, "hält man seine Hand besser fest auf dem Portemonnaie", hatte Weber den Lufthanseaten zum Jahreswechsel eingeschärft. In der letzten Tarifrunde seiner Amtszeit will der im Juni ausscheidende Konzernkapitän hausgemachten Ballast für die Lufthansa vermeiden. Denn die Liste der Risiken ist bereits lang genug.

Ein drohender Irak-Krieg, die flaue Konjunktur, weniger Geschäfts- Reisende und mögliche Millionenlasten durch rot-grüne Steuerpläne zählen die Lufthansa-Strategen als belastende Einwirkungen auf. Personalvorstand Stefan Lauer, der für dieses Jahr bis zu 2000 neue Jobs angekündigt hat, warnt die Gewerkschaft vor einem drohenden Schrumpfungskurs. Die ver.di-Forderung von neun Prozent mehr Geld könnte mit rund 200 Millionen Euro zu Buche schlagen, schätzen Experten.

ver.di zeigt sich unbeeindruckt

Die Gegenseite im seit Ende Oktober dauernden Ringen gibt sich unbeeindruckt von solchen Szenarien. Völlig gerechtfertigt sei die Forderung, argumentiert ver.di-Verhandlungsführer Jan Kahmann selbstbewusst und verweist auf die "exzellente Lage" des Konzerns im vergangenen Jahr. Notfalls drohe eine lange Auseinandersetzung. Tatsächlich gewann die Airline 2002 nach dem Sturz in die roten Zahlen wieder deutlich an Höhe und fliegt einem operativen Jahresergebnis von 700 bis 750 Millionen Euro entgegen. Erst 2004 sei das alte Wachstumstempo aber wieder in Sicht, mahnt Weber.

Mit einem harten Kurs bei der Lufthansa muss sich ver.di nicht nur gegen die Geschäftsleitung behaupten, sondern auch gegen Konkurrenz im eigenen Arbeitnehmerlager. Die Großgewerkschaft steht unter Druck kleiner Berufsverbände, seit die Vereinigung Cockpit im erbitterten Tarifstreit der Piloten im Frühjahr 2001 zweistellige Einkommens-Zuwächse erstreikte. ver.di dagegen hatte kurz zuvor nur 3,5 Prozent für die 52 000 Beschäftigten am Boden und in den Kabinen herausgeholt. Erstmals mischt bei der diesjährigen Tarifrunde neben ver.di auch die Unabhängige Flugbegleiter Organisation mit.

Die ver.di-Forderung von neun Prozent liegt denn auch bereits über dem in den meisten anderen Branchen verlangten Aufschlag von 6,5 Prozent. ver.di-Chef Frank Bsirske dürfte die Auseinandersetzung mit besonderem Augenmerk verfolgen. Er ist zugleich stellvertretender Vorsitzender des Lufthansa-Aufsichtsrats

Die vorige Lufthansa-Tarifrunde

Bereits die vorige Lufthansa-Tarifrunde im Frühjahr 2001 entschied sich erst nach einem harten Arbeitskampf. Mit mehreren befristeten Warnstreiks und ganztägigen Streiks machten die Gewerkschaft ver.di und vor allem die Pilotenvereinigung Cockpit Druck auf den Konzern. Der Arbeitskampf riss ein Loch von 75 Millionen Euro in die Konzernkasse.

Schon in der damaligen Tarifrunde für die 52 000 Beschäftigten am Boden und in den Kabinen kam es zu einem bundesweiten Warnstreik. Von der Arbeitsniederlegung am 23. März 2001 waren 7000 Passagiere betroffen. Am Tag darauf einigten sich Gewerkschaft und Vorstand auf eine Einkommensverbesserung von 3,5 Prozent bei 14 Monaten Laufzeit.

Im erbitterten Tarifstreit mit der Vereinigung Cockpit kam es am 28. März 2001 zu einem ersten Warnstreik von 200 Piloten. Mehr als 100 Flüge fielen aus. Nach einer Urabstimmung rief Cockpit am 4. Mai zu einem zwölfstündigen Streik auf, von 500 geplanten Flügen fielen drei Viertel aus. Zwei weiteren ganztägigen Streiks im Mai fielen fast 1700 Verbindungen zum Opfer.

Am 8. Juni 2001 einigten sich beide Seiten mit Schlichter Hans- Dietrich Genscher auf deutlich zweistellige Einkommensverbesserungen für die 4200 Piloten und Copiloten.


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