Managergehälter Minus beim Bonus


Die Wirtschaftskrise ist schuld: Die Bonussaison fällt diesmal mager aus, denn derzeit sind Extrazahlungen für Banker kaum zu vertreten. Von einer echten Reform ihrer Vergütungssysteme will die Branche jedoch nichts wissen.
Von Brooke Masters, Lina Saigol und Greg Farrell

Martin Blessing hat noch immer Humor. Gerade hat der Commerzbank-Chef den schwersten Schritt seiner Karriere getan, einen dreistelligen Millionenverlust eingeräumt und sein Institut unter den staatlichen Schutzschirm gestellt, da kommt sie wieder: die Frage nach den Bonuszahlungen. "Ich kriege für November und Dezember keine Gehaltszahlung, sondern eine Lastschrift", erwidert Blessing trocken. Zwei Jahre lang werden er und die übrigen Topmanager der zweitgrößten deutschen Bank keine Boni mehr erhalten. Für sie selbst ist der Verzicht auf die rückwirkende, umsatzabhängige Zusatzvergütung die vielleicht schmerzhafteste Auflage des staatliches Rettungspakets. Für viele Branchenkritiker hingegen ist es der erste Schritt aus der Finanzkrise heraus.

Die Boni. Sie werden in diesen Tagen für alles verantwortlich gemacht: für die Immobilienblase, für den Zusammenbruch des Marktes für Kreditderivate, ja für den Niedergang des globalen Bankensystems. Sie haben Tausende Investmentbanker verleitet, in hochspekulative Papiere zu investieren, um schnelle Rendite zu machen und selbst Millionen zu kassieren - ohne Rücksicht auf die langfristigen Folgen für ihre Institute. Nun, da die Blase geplatzt ist, fordern immer mehr Spitzenpolitiker eine Radikalreform der Vergütungssysteme: nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Heimat des angloamerikanischen Kapitalismus. Eine der Grundfesten der Finanzbranche gerät ins Wanken.

Vor allem in Großbritannien ist die Wut über die Zusatzmillionen für Spitzenbanker groß. "Die Steuerzahler wollen nicht, dass ihr sauer verdientes Geld in für Versagen gezahlte Boni fließt", wettert David Cameron, Führer der oppositionellen Konservativen. Premier Gordon Brown kündigte bereits an: "Die Zeiten der dicken Boni sind vorbei." Seine Regierung werde nach der Teilverstaatlichung der Banken gegen "Anreize für verantwortungsloses Handeln oder überzogene Risikobereitschaft, für die wir anderen gezahlt haben", vorgehen.

Bonus: Mehr als vierfaches Grundgehalt

Es sind Fälle wie der des Händlers Alexandre Mouradian, die den Unmut schüren. Mouradian verklagte seinen französischen Arbeitgeber Tradition Securities & Futures, weil er angeblich den ihm zustehenden Bonus nicht in voller Höhe bekommen hatte. Vor Gericht gab Mouradian an, er habe zusätzlich zu seinem Gehalt in Höhe von 300.000 Pfund (rund 380.000 Euro) für die zweite Jahreshälfte 2006 einen Bonus von 1,3 Mio. Pfund (1,64 Mio. Euro) erhalten. Das ist mehr als das Vierfache seines Grundgehalts, genügte Mouradian aber nicht: Er forderte von seinem Arbeitgeber weitere 92.571 Pfund an Brokergebühren. Für die Investmentbanking-Branche mögen Zahlungen in dieser Größenordnung nichts Besonderes sein. Für viele Normalbürger hingegen schon: Sie waren entrüstet, als sie von den Millionensummen erfuhren.

Großbritanniens Finanzdienstleistungsaufsicht FSA bemüht sich nun um Schadensbegrenzung. Vor wenigen Tagen wandte sich Behördenchef Hector Sants an 28 der größten Banken im Land und verlangte "sofortige Maßnahmen", mit denen die Vergütungspläne dem langfristigen Risikomanagement angepasst werden sollen. Unter anderem sollten Boni künftig nicht mehr ausschließlich auf Basis des aktuellen Umsatzes gezahlt werden, ohne das langfristige Ergebnis in Betracht zu ziehen. Auch der Bargeldanteil müsse reduziert werden. Schließlich wurden die Banken ermahnt, Interessenkonflikte besser im Auge zu behalten und zu vermeiden, der Unternehmensseite zu große Kontrolle über die Vergütung von Compliance- und Risikomanagern zu gewähren.

Stützungszahlungen - für die Boni?

In den USA kocht das Thema Managervergütung ebenfalls hoch - obwohl hier einst alles seinen Anfang nahm, obwohl an der Wall Street Händler und Investmentbanker schon seit Generationen leistungsabhängig bezahlt werden. So verschickte der demokratische Kongressabgeordnete Henry Waxman aus Kalifornien vor wenigen Tagen publikumswirksam Briefe an neun Investmentbanken: Er wollte wissen, warum die Banken zusammen 108 Mrd. Dollas für Gehälter und Boni zu einem Zeitpunkt zurücklegten, da sie 125 Mrd. Dollar an Staatshilfen erhalten haben. "Ist es angemessen, das Kapital, das Steuerzahler jüngst Banken zugeschossen haben, für die Zahlung von Boni in Milliardenhöhe aufzubrauchen?", schrieb er. Noch im vergangenen Jahr wurden allein in New York Boni in Höhe von 33,2 Mrd. Dollar ausgezahlt.

So populistisch Waxmans Aktion erscheint, sie kommt an - nicht nur beim einfachen Volk. 44 Prozent der Finanzvorstände von US-Konzernen sehen die Boni als Hauptauslöser für die aktuelle Krise; weitere 30 Prozent messen ihnen zumindest eine relevante Bedeutung bei. Sogar das Institute of International Finance (IIF), der Lobbyverband der Bankenbranche, räumt ein, dass falsche Vergütungsanreize zu den Marktturbulenzen beigetragen haben. "Alle Banken überprüfen derzeit ihre Vergütungsmodelle auf Stichhaltigkeit", sagt Matthias Scheiff, Personalberater bei Spencer Stuart.

McCain für Deckelung

Und so stürzen sich mittlerweile auch die traditionell regulierungsskeptischen Republikaner auf das Thema. "Kein Chef eines Unternehmens, das von uns gerettet und dem mit amerikanischen Steuergeldern geholfen wird, sollte mehr als die höchstdotierte Person in der Bundesregierung erhalten", fordert ihr Präsidentschaftskandidat John McCain. Dies entspräche einem Gehalt von maximal 400.000 Dollar.

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Nicht einmal die Bush-Regierung will da noch tatenlos zusehen. Das US-Finanzministerium hat Richtlinien herausgegeben, denen zufolge Banken, die staatliche Hilfe in Anspruch nehmen, sicherstellen müssen, dass die Boni "nicht dazu ermutigen, unnötige und überzogene Risiken" einzugehen. Zudem sind hohe Abfindungszahlungen für Spitzenmanager kriselnder Banken untersagt. So etwas hat es nie zuvor gegeben.

Branche droht magere Zeit

Bankenvorstände, Händler, Derivatestrategen, Analysten - sie alle müssen sich auf magere Zeiten einstellen. Prognosen des Londoner Thinktanks CEBR zufolge werden wegen der Turbulenzen 2008 die Boni in London um rund 60 Prozent einbrechen. Für New York wird ein Rückgang von 50 Prozent vorhergesagt. Auch der Mix aus Aktien und Barzahlung dürfte sich ändern. Zudem sind viele der Investmentbanken, die die höchsten Boni gezahlt haben, jetzt viel enger an Geschäftsbanken gebunden, bei denen die Vergütung meist niedriger ist. "Es wird weniger Personen geben, die das wirklich große Geld verdienen", prognostiziert Nick Studer von der Beratungsfirma Oliver Wyman. Und Richard Ferlauto vom Pensionsfonds AFSCME hofft, dass institutionelle Anleger künftig mehr Mitsprache beim Thema Vergütung erhalten.

Theoretisch könnten die Anleger Veränderungen verlangen. Sie könnten darauf bestehen, dass Banken nicht mehr die Hälfte ihres Nettoumsatzes für Vergütung beiseitelegen, ein weit größerer Anteil als in den meisten anderen Branchen. Doch viele institutionelle Investoren schrecken vor dem Thema zurück - auch weil viele ihrer Topmanager selbst zur Finanzbranche gehören und Bonuszahlungen erhalten. "Wir würden sehr vorschreibend ins Management eingreifen und uns auf Fachwissen berufen, über das wir eigentlich nicht verfügen", sagt Peter Montagnon vom Branchenverband der britischen Versicherer (ABI).

Relikt der fetten Jahre?

Der Teufel steckt im Detail. Jede Bank kann bis zu 30 oder 40 unterschiedliche Vergütungsprogramme haben, die alle auf unterschiedliche Weise an Einnahmen gekoppelt sind. Zudem gelten bei einer aufgeschobenen Zahlung unterschiedliche Zeithorizonte. Ein Dreijahresplan, der einen auf Fusionen und Übernahmen spezialisierten Banker motiviert, wirkt bei einem Händler möglicherweise kontraproduktiv. Bereits an der Höhe von Bonuszahlungen scheiden sich die Geister. Nach Ansicht von FSA-Chef Sants sollen die Gehälter "hoch genug sein, damit der Mitarbeiter seinen grundlegenden finanziellen Verpflichtungen nachkommen kann". Doch diese Verpflichtungen sind während der fetten Jahre enorm angeschwollen - Luxuswohnungen und Privatschulen kosten nun mal eine Menge Geld.

Der Wille zur Veränderung ist bei den Banken auch aus Wettbewerbsgründen begrenzt. Europäische und amerikanische Banken konkurrieren mit Rivalen im Nahen Osten und Asien um Spitzenkräfte. Ein rigides Vorgehen gegen Boni könnte ihnen schaden. Die japanische Bank Nomura, die das Europa- und Asiengeschäft von Lehman Brothers übernommen hat, sowie die Bank of America, die Merrill Lynch aufgekauft hat, bieten bereits höhere Boni, um gute Leute zu halten. "In Banken arbeiten einige der begabtesten Menschen Großbritanniens, und die werden immer einen Weg finden, Geld zu verdienen", sagt Matthew Osborne, Geschäftsführer beim Headhunter Armstrong International. "Drastische Veränderungen beim Vergütungsniveau werden dazu führen, dass die Besten die Branche verlassen."

Zurückhaltung nicht für alle Zeiten

Bis Ende kommenden Jahres könnten in New York und London Prognosen zufolge fast 100.000 Stellen im Finanzwesen wegfallen. Und diejenigen Banken, die überleben, dürften so schnell kaum zu den schwindelerregenden Profiten der vergangenen Jahre zurückfinden. Mit den Boni-Exzessen ist es vorerst vorbei. Doch wie lange die Spitzenbanker zurückhaltend bleiben, weiß niemand. Ein Insider formuliert es so: "Diese Leute messen alles in Geld. Deshalb sind sie im Bankgeschäft."

Mitarbeit: Martin Scheele und Christine Mai

FTD

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