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MEDIEN: Liberty lässt Finger von Premiere

Der Kabelnetz-Aufkäufer Liberty Media will nun doch nicht mehr beim defizitären Bezahlsender Premiere einsteigen. Dafür wird dort Ex-Pro7-Boss Kofler neuer Chef.

Der US-Konzern von John Malone zog seinen entsprechenden Antrag beim Bundeskartellamt überraschend zurück. »Wir haben Kirch aber ein Angebot für eine langfristige Zusammenarbeit unterbreitet«, sagte ein Liberty-Sprecher am Mittwoch. Nach Spekulationen in Branchenkreisen könnte das Unternehmen möglicherweise die Übernahme von Vertrieb und Marketing bei Premiere World anstreben. Dem Erwerb von sechs Kabelnetzen der Deutschen Telekom und des Kabelnetzbetreibers TeleColumbus durch Liberty muss das Kartellamt weiter zustimmen. Neuer Chef von Premiere World wird ebenso überraschend der frühere ProSieben-Chef Georg Kofler.

Interesse an Kabelnetz ungebrochen

Diese von Premiere getrennten Übernahme-Vorhaben bleiben von dem nun erfolgten Antragsrückzug unberührt, sagte der Liberty-Sprecher weiter. Liberty ist weiter intensiv an einer Lösung dieser Thematik interessiert. Es soll noch in dieser Woche weitere Gespräche mit dem Bundeskartellamt geben. Nach einer Fristverlängerung muss das Bundeskartellamt nun bis zum 28. Februar über den Verkauf der Telekom-Kabelnetze an Liberty entscheiden. Die Telecolumbus-Entscheidung steht am 14. März an.

KirchGruppe kommentiert nicht

Die KirchGruppe wollte die Entscheidung Libertys nicht kommentieren. In Unternehmenskreisen wurde darauf hingewiesen, dass es noch keine konkreten Verhandlungen mit Liberty über eine Zusammenarbeit bei Premiere gibt.

Bedenken nicht ausgeräumt

Die Wettbewerbshüter hatten Bedenken gegen die Übernahme der Telekom-Kabelnetze geäußert, weil der bereits an Netzbetreibern beteiligte Liberty-Konzern so möglicherweise eine Markt beherrschende Stellung bekommen oder ausbauen könnte. Auch die Kombination von Infrastruktur und Inhalten in einem Unternehmen steht zur Debatte, weil Liberty an Medienunternehmen wie News Corp beteiligt ist. Branchenbeobachter werten den Rückzug als Strategie Libertys, um die Chancen auf eine Genehmigung zu erhöhen. Ein angestrebter Einstieg bei Premiere hätte es Liberty schwerer gemacht, dem Kartellamt glaubhaft zu machen, für mehr Konkurrenz in der deutschen TV-Industrie sorgen zu wollen. Für die Genehmigung des Telekom-Deals ist dieser Schritt deshalb »nicht kontraproduktiv«.

Die Angst vor Murdoch-Ausstieg bleibt

Liberty-Chef John Malone hatte Ende vergangenen Jahres in einem persönlichen Gespräch mit Konzern-Chef Leo Kirch Interesse an dem 22-prozentigen Premiere-Anteil angekündigt, der derzeit über den britischen Bezahlsender BSkyB im Besitz der australischen News Corp von Medienmogul Rupert Murdoch ist. BSkyB hat die Option, seine Beteiligung im Oktober 2002 an Kirch zurückzuverkaufen. Dafür müsste der hoch verschuldete Kirch-Konzern 3,4 Milliarden Mark bezahlen.

Premiere World verfehlte Ziele

Premiere World konnte die Abonnentenzahl 2001 nur um fünf Prozent auf 2,41 Millionen steigern und hat damit seine Ziele verfehlt. Wenn der Bezahlsender bis Herbst nicht bestimmte Ziele erreicht, kann Mitgesellschafter Rupert Murdoch seinen 22-prozentigen Anteil an Kirch zurückzugeben. Kirch müsste dafür rund 1,5 Milliarden Euro (3 Milliarden DM) an Murdoch bezahlen. Liberty Media hatte ohne Rücksprache mit der KirchGruppe einen möglichen Einstieg bei Premiere World beim Kartellamt angemeldet. Der Plan war auf Kritik gestoßen, weil Malone dadurch Netz und Inhalte kontrollieren würde.

Viele Personalwechsel

Die KirchGruppe versucht seit Jahren, mit Premiere auf einen grünen Zweig zu kommen. An der Spitze des Pay TV-Senders gab es im vergangenen Jahr mehrere Wechsel. Im Dezember hatte der letzte Geschäftsführungs-Sprecher Ferdinand Kayser nach nur wenigen Monaten im Amt seinen Abtritt angekündigt. Kayser war nach dem Rücktritt von Manfred Puffer an die Spitze gerückt, der auch erst seit Januar Chef war.

Kofler wird »Mister Premiere«

Kofler wollte sich nicht konkret zu den Formen einer möglichen Zusammenarbeit mit Liberty äußern. »Ich bin aber offen für jeden, der Premiere verkaufen will«, so Kofler im Hinblick auf eine etwaige Vertriebs-Kooperation. Er übernimmt am 1. Februar offiziell den Vorsitz bei Premiere World. Dort plant er eine rasche Verbesserung der Ertragslage des verlustreichen Bezahlsenders. Auch die Abonnentenzahl muss spürbar steigen. »Ich will innerhalb weniger Wochen Mister Premiere werden, so wie ich früher Mister ProSieben war.« Bei operativen Erfolgen dürfte es auch keine Probleme auf der Gesellschafterseite geben. Er ist überzeugt davon, dass sich mit Pay-TV in Deutschland Geld verdienen lässt. Allerdings ist Kofler das Angebot zu unübersichtlich. Die Stärken müssen besser herausgearbeitet werden. »Ich bin ungeduldig und bekannt dafür, dass ich schnell entscheide«, sagte Kofler

Bisher war Kofler erfolgreich

Der gebürtige Südtiroler Kofler war 1989 mit ProSieben auf Sendung gegangen. Schnell entwickelte sich der Sender zum profitabelsten Spielfilmsender in Deutschland. 1997 ging der von der KirchGruppe dominierte TV-Konzern an die Börse. Seine Rücktrittsankündigung 1999 kam für viele überraschend. In Branchenkreisen wurde über Unstimmigkeiten zwischen Kofler, der immer auf eine gewisse Eigenständigkeit von ProSieben pochte, und der KirchGruppe spekuliert. Kofler betonte nun aber seine gute Beziehung zu Kirch. »Wir telefonieren jede Woche.« Auch bei der Einkaufssender-Kette Hot Networks, wo Kofler Vorstandschef ist, arbeite er mit Kirch zusammen. Außerdem bringt Kofler einen großen Vorteil für seinen neuen Job mit: er ist es »gewohnt, Jobs anzutreten, die nicht jeder machen kann«.