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MEDIEN: Vivendi-Chef Messier tritt ab

Der umstrittene Chef des französischen Mischkonzerns Vivendi Universal, Jean-Marie Messier, gibt auf, nachdem er die Rückendeckung der Großaktionäre verloren hatte.

»Es gibt eine unumstößliche Wahrheit: man kann ein Unternehmen nicht mit einem gespaltenen Verwaltungsrat leiten,« musste Jean-Marie Messier erkennen. Der Chef der hoch verschuldeten Vivendi-Gruppe hatte die Rückendeckung der Großaktionäre verloren. Das Schicksal des Vivendi-Chefs wird offiziell an diesem Mittwoch in einer Sondersitzung des Verwaltungsrates entschieden. Messier verlangt nach einem Bericht der französischen Tageszeitung »Le Monde« unter anderem 12 Millionen Euro Abfindung. Zudem soll der 45-jährige Franzose über juristischen Schutz vor möglichen Schadensersatzforderungen verhandeln.

Kein Rückhalt mehr

Nach den US-Großaktionären hatten auch wichtige französische Anteilseigner dem Vorstandsvorsitzenden des größten Medienkonzerns nach AOL Time Warner ihr Vertrauen entzogen. Die Großaktionäre lasten Messier das Fehlen einer klaren Konzeption und seinen Führungsstil an. Die etwa 380.000 Beschäftigten der Gruppe befürchten einen erheblichen Stellenabbau im Sog dieser Krise.

Aktie vom Handel ausgesetzt

Die bevorstehende Ablösung des Vivendi-Chefs, Gerüchte über angebliche Versuche der Bilanzmanipulation und Überschuldungsängste lösten am Dienstag an den Finanzmärkten eine schwere Vertrauenskrise aus und führten zu Panikverkäufen der Aktie in Paris. Die Pariser Börse setzte daraufhin den Handel mit Vivendi-Universal-Aktien aus, nachdem das Papier um 34 Prozent auf 15,70 Euro gefallen war. Auch der Deutschen Aktienindex (DAX) geriet in diesem Sog tiefer ins Minus.

Moody's stufte Papier herab

Die Vivendi-Aktie stürzte an der Pariser Börse rasant, nachdem die Kreditwürdigkeit des Konzerns durch die renommierte US-Ratingagentur Moody?s drastisch herabgestuft wurde. Zwischenzeitlich brach der Kurs um 34,31 Prozent auf 15,70 Euro ein. Der Wertverlust entsprach 8,5 Milliarden Euro, erklärten Händler. Moody?s stellte die Schuldtitel des Konzerns auf eine Stufe mit hochspekulativen »Junk bonds«. Seit Jahresanfang hat die Aktie mehr als 70 Prozent ihres Wertes verloren.

Kreditfinanzierung fraglich

Es wird bezweifelt, dass der Konzern in der Lage ist, die in den nächsten zwölf Monaten fällig werdenden Kredite zu refinanzieren, erklärte die Ratingagentur. Die Ängste der Anleger wurden zudem durch einen Bericht von »Le Monde« verstärkt, wonach Vivendi Universal versucht haben soll, in Zusammenhang mit dem Verkauf der Aktien des britischen Abonnenten-Fernsehens BSkyB die Bilanz 2001 zu manipulieren. Die französische Börsenkommission habe dies jedoch verhindert. Für das vergangene Jahr hat Vivendi Universal mit 13,6 Milliarden Euro den höchsten Verlusts eines französischen Unternehmens ausgewiesen.

Nachfolger ist schon fixiert

Nachfolger Messiers wird wahrscheinlich Jean-René Fourtou (63), Ex-Chef der ehemaligen Rhone-Poulenc. Er war nach der Fusion dieses Unternehmens mit Hoechst zum Aventis-Konzern vom Vizevorstandsposten in den Aufsichtsrat gewechselt. Messier rückte 1996 an die Spitze des einstigen Wasserversorgers Générale des Eaux. Durch milliardenteure Übernahmen schuf er in den vergangenen Jahren den Weltkonzern.

»Libération«: Rücktritt mit Folgen

Zum Rücktritt des Vivendi-Chefs Jean-Marie Messier meinte die linksliberale französische Tageszeitung »Libération« am Dienstag: »Die Auswirkungen des Messier-Absturzes, den man so fasziniert verfolgen kann wie eine in Zeitlupe gefilmte Katastrophe, gehen weit über seine Person hinaus. Und das nicht nur wegen der Kollateralschäden, welche die unausweichliche Zerschlagung seines Kommunikationsimperiums unter den Beschäftigten wie unter den Aktionären von Vivendi Universal anrichten wird. Es ist ein Kapitel des modernen Kapitalismus, das hier beendet wird. Die Helden hießen Jean-Marie Messier oder Bernie Ebbers von WorldCom. Sie waren oftmals untypische Abenteurer, die gern bilderstürmerisch vorgingen und sich mit Glitzer und Glamour umgaben, dabei aber von ihresgleichen nie wirklich akzeptiert wurden. Aber sie wurden neben den Aktionären auch von den Medien beweihräuchert, für die Wirtschaft zu einem Spektakel geworden ist.«