Merrill Lynch Fünf Milliarden Dollar Miese


Neue Hiobsbotschaft aus dem Land der Immobilienkrise: Die amerikanische Bank Merrill Lynch hat für das zweite Quartal 2008 einen Verlust von fast fünf Milliarden Dollar bekanntgegeben. Entsprechend reagierten die Börse in Tokio und Frankfurt.

Die drittgrößte US-Investmentbank Merrill Lynch leidet weiter unter der Krise an den internationalen Finanzmärkten: Für das zweite Quartal gab das Institut wegen Abschreibungen einen Verlust von 4,9 Milliarden Dollar bekannt. Im Vorjahreszeitraum hatte das Institut noch einen Gewinn von 2,07 Milliarden verbucht. Die Abschreibungen musste Merrill vor allem bei neu verpackten Schulden vornehmen, darunter gesicherte Schuldverschreibungen und Belastungen bei Bond-Versicherern.

Am Freitagmorgen startete der Deutsche Aktienindex Dax daraufhin schwach in den Tag: Der deutsche Leitindex ging mit einem Minus von 0,4 Prozent auf 6245 Zähler in den letzten Handelstag der Woche. "Was nachbörslich an Zahlen von US-Unternehmen kam, konnte nicht wirklich begeistern", sagte ein Händler. Neben Merrill Lynch hatten im Technologiebereich der weltgrößte Softwarekonzern Microsoft und der Internetkonzern Google die Anleger enttäuscht. Auch an der Börse in Tokio zeigen die schlechten Nachrichten ihre Wirkung - nach anfänglichen Gewinnen ist sie am Freitag ins Minus gedreht. Der 225 führende Werte umfassende Nikkei fiel um 84,25 Punkte oder 0,65 Prozent und schloss bei 12 803,7 Punkten.

Angesichts der Abschreibungen kündigte Merrill Lynch den Verkauf von Vermögenswerten in Höhe von fast acht Milliarden Dollar an, um an frisches Kapital zu kommen. Dazu gehöre auch der Verkauf des 20-prozentigen Anteils an dem Finanzdatenanbieter Bloomberg für 4,4 Milliarden Dollar. Zudem befinde sich die Bank in Gesprächen über den Verkauf eines Kontrollanteils an Financial Data Services Inc in Höhe von etwa 3,5 Milliarden Dollar. "Sie bewegen sich in die richtige Richtung, stehen aber noch vor großen Herausforderungen", sagte Chris Armbruster, Analyst bei Al Frank Asset Management. Merrill-Papiere verloren nachbörslich 6,9 Prozent.

Seit Beginn der Krise verlor Aktie fast zwei Drittel ihres Börsenwerts

Der Verlust je Aktie betrug im abgelaufenen Quartal 4,97 Dollar, nach einem Gewinn von 2,24 Dollar im Jahr zuvor. Die Nettoeinnahmen gingen auf 7,5 Milliarden Dollar zurück. Ohne Restrukturierungskosten verbuchte Merrill einen Verlust in Höhe von 4,42 Dollar je Aktie, während von Reuters befragte Analysten im Durchschnitt ein Minus von 1,94 Dollar pro Aktie erwartet hatten. Seit dem Ausbruch der Kreditkrise vor gut einem Jahr verlor Merrill Lynch fast zwei Drittel des Börsenwerts.

"Wenn wir gedacht haben, dass es nicht schlimmer kommen könnte, dann war dies vielleicht verfrüht", sagte Les Satlow, Portfolio-Manager von Cabot Money Management. "Jeder wusste, dass es ein Blutbad werden würde, daher sind nicht mehr viele große Überraschungen übrig." Danielle Schembri, Analystin bei BNP Paribas in New York, zeigte sich ebenfalls verwundert: "Diesen hohen Verlust habe ich nicht erwartet."

Mehr als 400 Milliarden Dollar Wertberichtigungen

Merrill ist eines der am stärksten von der Kreditkrise betroffenen Institute. Seit dem Beginn der Krise hat die Bank nunmehr bereits Abschreibungen in Höhe von rund 40 Milliarden Dollar vornehmen müssen. Weltweit mussten Banken bislang deutlich mehr als 400 Milliarden Dollar an Wertberichtigungen verbuchen.

Unter den Investmentbanken schlägt sich Branchenführer Goldman Sachs in der Krise bisher am besten. Aber auch die Nummer zwei, Morgan Stanley, schrieb zuletzt schwarze Zahlen.

Der seit Ende vergangenen Jahres amtierende Merrill-Lynch-Chef John Thain verschaffte der Bank frisches Kapital in Milliardenhöhe und streicht derzeit mehr als 4000 der Ende 2007 noch rund 63 000 Stellen.

Lio/Reuters/DPA/AP AP DPA Reuters

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