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Neuer IG Metall-Chef Berthold Huber: Softie mit Durchschlagskraft

Es ist das Ende eines langen Machtkampfs. Beim Gewerkschaftstag der IG Metall in Leipzig ist der bisherige Vize Berthold Huber mit einem überragenden Ergebnis zum neuen Chef gewählt worden. Mit Huber übernimmt ein Reformer das Ruder, der eher ein Mann der leisen Töne ist.

Der bisheriger IG-Metall-Vize Berthold Huber ist zum neuen Vorsitzenden von Europas größter Industriegewerkschaft gewählt worden. Huber, der keinen Gegenkandidaten hatte, erhielt auf dem Leipziger Gewerkschaftstag am Dienstag 462 von 499 abgegebenen gültigen Stimmen. Das entspricht einer Zustimmung von 92,6 Prozent. Huber war bisher als stellvertretender Vorsitzender für die Tarifpolitik zuständig. Der 57-Jährige gilt als Vertreter des reformorientierten Gewerkschaftsflügels. Als sein Stellvertreter ist der nordrhein-westfälische Bezirkschef Detlef Wetzel nominiert, der ebenfalls zu den Modernisierern der IG Metall zugerechnet wird

Kein Typ für Kampf-Rhetorik

Huber ist ein anderer Typ als sein Vorgänger Jürgen Peters. Gewerkschaftliche Kampf-Rhetorik ist seine Sache nicht. Er setzt eher auf leise Töne und will damit überzeugen. Dass er damit durchsetzungsfähig ist, hat er in der jüngsten Tarifrunde bewiesen. Unter seiner Leitung setzte die IG Metall mit 4,1 Prozent die höchsten Einkommensverbesserungen in der Industrie durch. Dem obersten Tarifpolitiker der Gewerkschaft werden zudem Erfolge wie ein sinkender Mitgliederschwund und innovative Tarifkonzepte wie das Pforzheimer Abkommen gutgeschrieben, durch das eine Öffnung der Abschlüsse für betriebliche Lösungen möglich wurde.

Das Etikett des Zauderers, das ihm Gegner in der Gewerkschaft angeheftet haben, hat der studierte Historiker und Philosoph längst abgestreift. Es stammt aus der Zeit, als sich Modernisierer und Traditionalisten in der IG Metall unversöhnlich gegenüberstanden und die Gewerkschaft an den Rande der Spaltung brachten. Huber, der den Modernisierern zugerechnet wird, und Jürgen Peters waren vor vier Jahren Konkurrenten um die Nachfolge des zurückgetretenen Vorsitzenden Klaus Zwickel. In einem Burgfrieden vereinbarten sie, die Gewerkschaft gemeinsam zu führen. Teil der Abmachung war, dass Huber im Herbst 2007 Peters als Vorsitzenden ablöst.

Mit 28 Gesamtbetriebsratschef

Huber hat eine ungewöhnliche Gewerkschaftskarriere hinter sich: Mit 28 Jahren war er bereits Gesamtbetriebsratschef beim Omnibus-Hersteller Kässbohrer in seiner Heimatstadt Ulm, der inzwischen als EvoBus zum Autokonzern DaimlerChrysler gehört. Damit wären weitere Schritte als Arbeitnehmervertreter vorgezeichnet gewesen. Doch mit 35 Jahren begann der gelernte Werkzeugmacher ein Studium der Geschichte und Philosophie - obendrein als alleinerziehender Vater. 1990 half er beim Aufbau der IG Metall im Osten, ab 1998 übernahm er die Aufgabe, den mächtigen, damals tief zerstrittenen baden-württembergischen Landesverband zu einen.

In der Tarifpolitik schlägt Huber neue Wege ein. Nicht erst seit der Schwabe zweistufige Tarifverträge mit größerer Eigenständigkeit für die Betriebe vereinbart hat, gilt der Mann mit der leisen Stimme als Reformer. "Die Antworten heute können nicht so aussehen wie vor 50 Jahren", lautet sein Motto.

Auf seine Beharrlichkeit geht die Angleichung von Angestellten-Gehältern und Arbeiter-Löhnen zurück. Eines seiner wichtigsten Themen ist die Bildung, von der Aus- über die Weiterbildung bis hin zum lebenslangen Lernen. Einen weiteren Schwerpunkt will Huber beim altersgerechten Lernen legen: Wie kann man Arbeitnehmer so fit machen, dass sie tatsächlich bis 67 Jahre arbeiten können?

Huber will der IG Metall zudem in der sozialpolitischen Debatte wieder Gehör verschaffen. Er will weg von der "Nicht-mit-uns"-Haltung, auf die sich Gewerkschaft im Streit über die Agenda 2010 von Bundeskanzler Gerhard Schröder versteift hat, und stattdessen eigene Konzepte entwickeln.

DPA/Reuters / DPA / Reuters