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Nachhaltig leben: Warum die Deutschen gar nicht so öko sind wie sie glauben

Sie wollen öfter zu Fuß gehen, kaufen regional und zahlen gern für bessere Tierhaltung. Die Deutschen, ein umweltbewusstes Volk. Oder etwa doch nicht?

Öko-Gewissen der Deutschen: Gar nicht mal so grün

Realität und Wahrnehmung: Die Deutschen nehmen sich gerne vor, öko zu sein. 

So einig ist sich Deutschland selten. "Zu einem guten Leben gehört für mich eine intakte natürliche Umwelt unbedingt dazu" - volle 99 Prozent der Bundesbürger ab 14 Jahren sind dieser Meinung. Dass jeder einzelne für diese Umwelt Verantwortung übernehmen müsse, finden 96 Prozent. Ein Volk engagierter Umweltschützer also. Wozu braucht es da eigentlich noch eine ?

Mit Umfragen ist das ja so eine Sache. Niemand überprüft, ob auch stimmt, was die Befragten sagen - und "sozial erwünschte Antworten", wie es in der Sozialforschung heißt, verzerren Ergebnisse schnell.

Öko denken, aber anders handeln

Das weiß natürlich auch Bundesumweltministerin . Trotzdem freut die SPD-Politikerin am Mittwoch, dass vier von fünf Befragten sich wünschen, dass man in ihrem Wohnort nicht aufs Auto angewiesen sein sollte. Dass etwa die Hälfte der regelmäßigen Autofahrer sich vorstellen kann, öfter mal Bus und Bahn zu nehmen, und drei von vier bereit sind, häufiger zu Fuß zu gehen.

Warum tun sie es dann nicht? "Wir schaffen mal den idealen Menschen, oder wie?", fragt die Umweltministerin flapsig. Das Bewusstsein sei schließlich immer anders als das praktische Handeln. Das Denken in die richtige Richtung sei aber "schon mal nicht schlecht" - dann könne das Handeln ja nachfolgen. Für das bedrohlichste Umweltproblem halten die Deutschen allerdings den Plastikmüll in Meeren - etwas, zu dem sie wenig beitragen.

Fleischkonsum zeigt unsere Schwächen

Wirtschaftsforscher Gerd Scholl erklärt, dass Umfrage-Ergebnisse wie die zum Umweltbewusstsein mit anderen Studien und Marktentwicklungen abgeglichen würden, um zu einer realistischen Einschätzung zu kommen.
Beispiel Fleischkonsum: Achten wirklich 55 Prozent auf regionale Herkunft? Würden wirklich 40 Prozent der regelmäßigen Fleischesser öfter Tofu-Würstchen und Weizen-Frikadellen essen, wenn sie besser schmecken würden? Wären wirklich 82 Prozent bereit, mehr für Fleisch und Wurst zu zahlen, damit es den Tieren besser geht?

"Natürlich sehen wir beim Fleischkonsum auch das erwünschte Antwortverhalten", sagt Scholl. Das sage aber auch etwas aus: Nämlich, dass Fleischverzicht zu einer Art neuen sozialen Norm geworden sei, die zwar das Antwortverhalten von der gelebten Realität entferne, aber als Geisteshaltung eben auch Teil der Realität sei.

Umweltbewusstsein ist Luxus

Zur Realität gehört auch, dass Umweltbewusstsein eine Art Luxusgut ist. Sogenannte prekäre Milieus mit geringem Einkommen und geringem Bildungsstand haben andere Probleme: "Bei ihnen stehen kurzfristige persönliche Sorgen im Vordergrund", heißt es in der Studie. Vor allem seien viele der Meinung, dass man erst mal bei der sozialen Gerechtigkeit weiterkommen müsse.


Dabei leiden, wie die Studie zeigt, gerade sozial Schwächere unter Umweltproblemen: Sie sind an ihren Wohnorten stärker von Lärm und Luftverschmutzung betroffen. Die Umweltministerin nimmt diesen - wenig überraschenden - Befund ernst. "Wir sollten gerade in Städten und Gemeinden den Umweltschutz stärker an denen ausrichten, die ohnehin benachteiligt sind."

Die Gefahr sei nämlich "nicht von der Hand zu weisen", dass der Umweltschutz zur Sache ungeliebter Eliten stilisiert werde, mahnt Hendricks. "Wir haben eine große Akzeptanz für die Umwelt- und Klimapolitik in Deutschland, aber wir sollten sie nicht für selbstverständlich halten." Chancen und Kosten der Umweltpolitik müssten daher gerecht verteilt werden.


Kohle, Tierhaltung - keine Themen für den Wahlkampf

Im Bundestagswahlkampf spielen Klima und Umwelt bisher kaum eine Rolle. Einzig die Grünen halten eisern die Öko-Fahne hoch, machen den Kohleausstieg, Tierhaltung und günstige Tickets für Bus und Bahn zum Thema. Die Umfragen belohnen sie dafür bislang nicht.


Auf die offen gestellte Frage nach den aktuell wichtigsten Problemen nannten übrigens 21 Prozent Umwelt- und Klimaschutz - immerhin Platz drei hinter Zuwanderung (55 Prozent) und Frieden und Sicherheit (47 Prozent). Erhoben wurden die Daten im August und September - vor dem Anschlag in Berlin und der aktuellen Gerechtigkeitsdebatte. 

kg/DPA