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Pflege in Not

Altenheime: Sechs Scheiben Salami für 22 Bewohner - wie der Kostendruck Altenpfleger in die Verzweiflung treibt

Deutsche Pflegeheime sind für die Finanzwelt ein sicheres Geschäft. Doch die Angestellten brechen unter dem Arbeitspensum fast zusammen. Der stern hat sich mit zwei Pflegerinnen des privaten Heim-Anbieters Vitanas getroffen. 

Im VITARIS-Pflegeheim in Torgau (Sachsen)

Im VITARIS-Pflegeheim in Torgau (Sachsen) wird auf jeder Station gemeinsam mit den Bewohnern täglich das Mittagessen selbst ausgewählt und zubereitet

stern

Wenn ihre Frühschicht mal besonders schlimm ist, wenn dauernd das Handy klingelt, während sie mit einem Demenzpatienten redet, wenn sie eine alte Frau aus dem Bett in den Rollstuhl wuchtet, währenddessen eine andere nach ihr wegen Schmerztabletten klingelt, und ein alter Mann sie zum dritten Mal nach seiner Frau fragt, obwohl sie ihn bereits zweimal zu ihr ins Zimmer gebracht hat, während einer solchen Schicht also, wo sie bereits nach zweieinhalb Stunden schweißgebadet über die Flure rennt, möchte sich Verena Kaiser am liebsten nur noch hinsetzen und heulen. 

Aber sie heult nicht. Sie will es auch nicht. "Ich muss den Leuten doch eine positive Stimmung vermitteln. Ich muss doch sagen, dass wir das schaffen", sagt sie. Aber sie schafft es nicht. Eigentlich. Seit längerem denkt sie darüber nach, ob sie den Beruf hinschmeißt. Verena Kaiser ist Mitte 50, arbeitet seit über 30 Jahren in einem Pflegeheim. Sie mag ihren Job. Sie mag es, dass sie die Leute anstrahlen, wenn sie mal länger weg war und sagen: "Da bist Du ja wieder. Du kannst mir den Rücken einschmieren."

Die internationale Finanzwelt entdeckt die deutschen Pflegeheime

Verena Kaiser sitzt in einem Restaurant im Berliner Norden. Holzstühle, Bänke, karierte Decken, ein Flachbildschirm an der Wand, auf der Speisekarte viele Pizzen und Fleischgerichte. Es ist ein Laden, der Lichtjahre vom mondänen Berlin-Mitte-Milieu entfernt wirkt. Ihren Namen will sie nicht in der Öffentlichkeit sehen, im wahren Leben heißt sie anders. Sie fürchtet Druck ihres Arbeitgebers.

Screenshot eines Bildes von Jana Langer, daneben ihr Brief an Jens Spahn

Verena Kaiser arbeitet in einem Ableger der Heim-Kette Vitanas. Sie gehört zusammen mit dem Hamburger Anbieter Pflege und Wohnen dem US-Finanzinvestor Oaktree, der sie vor anderthalb Jahren für 500 Millionen Euro übernommen hat. Mit fast 8400 Betten und knapp 6000 Beschäftigten zählt der US-amerikanische Fonds, der über 100 Milliarden Dollar verwaltet, zu den größten Pflegeheim-Anbieter Deutschlands. Oaktree ist nicht der einzige Abgesandte des großen Geldes, der aus der Betreuung alter Menschen Gewinn ziehen will.  Der schwedische Investor EQT sicherte sich in großen Stil Pflegeheime in Bayern und Nordrhein-Westfalen, sein Konkurrent, der schwedische Investor Nordic Capital kaufte Alloheim, den zweitgrößten größte Heimanbieter, der französische Pflege-Konzern Korian übernahm Curanum und Casa Reha und stieg zur Nummer eins unter den deutschen Pflegekonzernen auf. Und die deutsche Wohnen, einer größten Vermieter Deutschland kaufte 45 Prozent des Hamburger Anbieter Pflege und Wohnen wiederum von Oaktree. Die internationale Finanzwelt entdeckt die deutschen Pflegeheime.

Goldene Zeiten für Investoren

Pflege ist ein sicheres Geschäft. Die Menschen werden älter, müssen betreut werden, weil Töchter und Söhne es oft nicht mehr schaffen und irgendjemand zahlt am Ende immer: die Pflegeversicherung, der Hilfsbedürftige, die Angehörigen oder das Sozialamt, wenn das Geld nicht reicht. Laut einer Studie der Beratungsfirmen Deloitte, dem RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und dem Institute for Health Care Business liegt das Risiko für die Pleite eines Heimes bei zwei Prozent. Bei Kliniken sind es zehn Prozent. Goldene Zeiten für Investoren.

Kurz nach der Übernahme von Oaktree tauchten die Berliner Vitanas Heime in den Medien auf. Von unzufriedenen Bewohnern berichteten die Zeitungen, von liegengebliebenen Fahrstühlen, die nicht repariert wurden, von Mittagessen, die nicht abgeräumt wurden, von verkoteten Zimmern, die nicht gesäubert wurden. Angehörige schrieben Briefe, die Berliner Heimaufsicht wollte prüfen. Das internationale Geld will die letzte Zeit eines Menschen auf Erden offenbar ziemlich traurig gestalten.

Fragt man Verena Kaiser was sich durch den Einstieg von Oaktree geändert hat, sagt sie: "Es ist alles noch schlimmer geworden, die Arbeitsverdichtung, die Hetze, der Zeitdruck. Aber schlimm war es schon vorher."

156 Überstunden hat Verena Kaiser angesammelt

Sie kommt beispielsweise eine halbe Stunde früher, bevor die Frühschicht um 6.30 Uhr beginnt. Das ist ihre Freizeit, aber sie arbeitet dann bereits. Unbezahlt. Sie macht es, weil sie sonst keine Zeit hat, einen Bewohner des Pflegegrads 5 zu betreuen. Die schwersten Fälle. Dann kann jemand nicht mehr stehen oder gehen, liegt meist im Bett, oft desorientiert, kaum ansprechbar.

Verena Kaiser reinigt die Haut, massiert die Gelenke, dreht den Körper, damit keine Druckgeschwüre (Dekubitus) entstehen. Das ganze ist eine Prophylaxe gegen Altersleiden, wie Versteifungen, Lungenentzündungen oder eben Dekubitus, aber diese Vorsorge braucht Zeit, 40 Minuten, und die hat Verena Kaiser in der Frühschicht nicht.

Auf ihrer Station kümmert sie sich zu zweit um 37 Bewohner. Doch manchmal muss ihre Kollegin auf einer anderen Station aushelfen, weil der Personaleinsatz so knapp kalkuliert ist, denn Personalkosten machen 70 bis 80 Prozent der Kosten eines Heimes aus, weshalb viele Anbieter möglichst wenig Leute beschäftigen wollen. Verena Kaiser schmiert dann für 17 Bewohner allein die Brote, räumt Tische ab, bringt Hilfsbedürftige zur Toilette, während stets das Handy schrillt. "Ich laufe wie ein Karnickel über die Flure, das von einem Wolf gejagt wird", sagt sie.

Die kleinen Änderungen ärgern sie. Wann sie begonnen haben, weiß sie nicht mehr. Vielleicht vor fünf oder zehn Jahren. Da sind die Putzdienste, die seltener die Zimmer säubern, weil das Geld spart, weshalb sie selbst manchmal zum Mopp greift. Da fehlen Einlagen und Gummihosen für die Bewohner, weil das Material knapp eingekauft wird, aber manchmal braucht sie mehr davon, weil ein Virus in der Station kreist. Doch genau dann ist Wochenende und der Hausmeister, der die Bestände verwaltet, hat frei. Da werden die großen Servietten für die Bewohner gestrichen, weil kleine ja auch reichen. Doch Demenzkranke kleckern oft beim Essen, weshalb sich die Angehörigen beschweren, wie verschmiert der Opa mal wieder aussieht. 156 Überstunden hat sie angesammelt. Abbummeln kann sie sie kaum, das Personal fehlt.

Der Pflegerin graut vor dem Ruhestand

Früher, also vor fünf oder zehn Jahren, saß Verena Kaiser nach Dienstschluss noch mit den Bewohnern zusammen, sie tranken ein Glas Wein, schauten fern, bis die Nachtschicht kam, die sich dazu setzte. Bei Festen rollten sie die bettlägerigen Bewohner aus den Zimmern, damit sie etwas von der Feier mitbekamen. Damals sagte sie Freunden und Verwandten: "Wenn ihr pflegebedürftig werdet, kommt zu mir, auf meiner Station ist es schön." Heute sagt Verena Kaiser: "Wir müssten den Bewohnern ein Zuhause-Gefühl bieten, aber wir bieten oft nur eine Waschstraße."

  

An ihren eigenen Ruhestand will sie gar nicht denken. Sie fürchtet sich davor. Mit ihrer 30-Stunden-Woche verdient sie etwa 1900 Euro brutto im Monat, eine Lohnerhöhung gab es seit 2002 nicht. Ihre Rente wird niedrig ausfallen, vermutlich sogar Grundsicherung, wie die Sozialhilfe im Alter heißt. Einen Platz im Vitanas-Heim wird sie sich nicht leisten können, denn da müsste sie etwa 1800 Euro im Monat zuzahlen. Außer: Das Sozialamt springt ein. 

Pro Tag gibt es pro Bewohner 6,50 Euro

Schlimm sind die Momente, wenn Ingrid Nowitzki das Abendessen verteilt. Da steht sie an dem Wagen mit den Tabletts, manchmal kommt ein Bewohner, fragt:

"Kann ich noch eine weitere Scheibe Salami haben."

"Nein, das geht nicht."

"Warum?"

"Die anderen Bewohner wollen auch eine."

Nowitzki fühlt sich in solchen Momenten miserabel, aber die Salami-Scheiben sind abgezählt. Sechs bis sieben Stück für 22 Bewohner, wenn es denn Salami überhaupt gibt. Manchmal ruft sie beim Küchenleiter an, ob er noch mehr Salami hat, doch sie hört dann: "Ham’ wa nich." Auch Tomaten sind abgezählt. Zwei Stück für 22 Bewohner. Gouda, Leberwurst und Kochwurst gibt es dafür genug, weswegen viele Bewohner keine mehr mögen. Pro Tag gebe es pro Bewohner 6,50 Euro, sagt Ingrid Nowitzki, wobei es eigentlich nur 3,90 Euro sind, weil die Küchenleiter sparen sollen für mögliche Feiern. "Nun versuchen sie mal aus dem Geld ein Frühstück, Mittagessen, Kaffee, Abendessen und Zwischenmahlzeit zu zaubern", sagt sie. "Das ist wie in der Kriegszeit."

Ingrid Nowitzki arbeitet seit über 15 Jahren in einem Berliner Ableger von Vitanas. Auch sie will ihren wahren Namen nicht veröffentlicht sehen. Sie kümmert sich mit zwei Kollegen um 42 Bewohner. Doch wenn einer anderswo helfen muss, betreut sie sogar schon mal 22 Bewohner allein, verteilt Essen und Kaffee, geht mit den Alten zur Toilette, schreibt Pflege-Pläne, hält fest, wenn ein Bewohner streitsüchtiger wird oder verwirrter.

Spätschichten sind eine Jagd über die Flure

Sie liebt ihren Job. Sie sieht aber auch auf ihren Gehaltszettel, wo sie am Monatsende für ihren 30-Stunden-Job 1400 Euro brutto erhält. Sie erlebt die Spätschicht als eine andauernde Jagd über die Flure, wo sie zwischendurch fünf Minuten Pause für eine Zigarette auf dem Balkon abzweigen kann. Sie ärgert sich über die Leiharbeitnehmer auf die Vitanas zurückgreift, weil viele langjährige Kollegen gegangen sind und nur unzureichend ersetzt worden sind. Doch die Leiharbeitnehmer übernehmen manche Arbeiten nicht, wie das Dokumentieren oder das Waschen der Bewohner. Ist beispielsweise für die Frühschicht ein Leiharbeitnehmer eingeplant, dann werden einige Bewohner vorher gewaschen. "Das beginnt schon in Nacht, mancher wird um vier Uhr dazu geweckt", sagt sie.

Sie ärgert sich auch über den medizinischen Dienst der Krankenkassen, der die Heime kontrollieren soll. Doch echte Kontrollen gibt es kaum, viele kündigen sich vorher an. "Wir haben trotz unserer Mängel immer Super-Noten", sagt sie.

Kaiser und Nowitzki fordern mehr Personal für die Heime. Die heutige Pflege-Teilkasko-Versicherung soll ausgeweitet werden, so dass die Bewohner nicht mehr zuzahlen sollen. Schließlich sollen die Heime wieder stärker von gemeinnützigen Betreibern geführt werden, statt von privaten Firmen.   

Vitanas will sich nicht äußern

Der stern hat Vitanas mit den Vorwürfen konfrontiert, aber die Geschäftsführung wollte sich nicht äußern. Allerdings: Vitanas ist nicht gleich Vitanas. Und Oaktree nicht gleich Oaktree. Das Essen im Heim von Frau Kaiser ist besser als im Heim von Frau Nowitzki. Offenbar gelingt es dem dortigen Küchenchef aus den 6,50 Euro mehr zu zaubern. Auch die Löhne im Vitanas-Reich sind unterschiedlich. In einigen Einrichtungen im Norden Deutschlands und im Süden gelten Haustarif-Verträge, weshalb die Beschäftigten dort mehr verdienen. In manchen Einrichtungen in Berlin bekommen die Mitarbeiter Extra-Zulagen. Bei Pflege und Wohnen, dem größten Hamburger-Pflege-Anbieter, der ebenfalls zu Oaktree gehört, konnten die Beschäftigten sogar zuletzt ein Plus bei Lohn von 4,2 Prozent durchsetzen.   


Lesen Sie in Teil vier der stern-Serie "Pflege in Not": Wer kann das denn noch zahlen? Wenn im Alter das Sozialamt droht  

kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(