Plagiate Produktpiraten werden dreister


Die Flut der Plagiate ebbt nicht ab - im Gegenteil: Die Produktpiraten vor allem aus Asien scheinen immer dreister zu werden. Nach China und Taiwan gehört inzwischen auch Indien zu den Nachbauern. Und das ist erst der Anfang.

Westliche Unternehmen und Industrieverbände beobachten einen neuen Trend. Asiatische Firmen kaufen sich bei westeuropäischen Firmen ein - die dann asiatische Plagiate unter ihrem Namen auf dem europäischen Markt vertreiben. Aus Sicht von Branchen wie dem deutschen Maschinenbau und der deutschen Elektroindustrie besteht dringender Handlungsbedarf. Denn die Schäden durch Produktpiraterie gehen nach Expertenschätzungen in die Milliarden.

Für die Nachbauer sind Plagiate lukrativ. Denn das "Abkupfern" von Produkten oder Designs erspart eigene Forschungs- und Entwicklungskosten. Plagiate seien wesentlich günstiger und könnten entsprechend preiswerter verkauft werden, sagt Till Barleben, Anwalt des Branchenverbandes ZVEI.

So rief der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zu einem effektiveren Ideenschutz auf. "Den exzellenten Ruf unserer Produkte auf den internationalen Märkten können wir nur weiter ausbauen, indem wir unsere Ideen optimal schützen", sagte Heinz Paul Bonn, Vorstandsmitglied des BDI-Mittelstandausschusses. Die EU-Kommission schätze, dass fünf bis neun Prozent des Welthandels auf dem Handel mit Fälschungen beruhten.

Zwei Drittel der Unternehmen betroffen

Noch bleibt also viel zu tun. Die deutschen Maschinenbauer meldeten zuletzt auf der Hannover Messe alarmierende Zahlen. Nach einer Umfrage des Branchenverbandes VDMA gaben zwei Drittel der Unternehmen an, von Produktpiraterie betroffen zu sein. 2003 waren es nur 50 Prozent. Rund die Hälfte der betroffenen Unternehmen befürchteten mittelfristig Auswirkungen auf ihre Wettbewerbsfähigkeit, sagte VDMA- Präsident Dieter Brucklacher. Fast ein Drittel der Betriebe schätzten ihren Jahresumsatzverlust auf fünf Prozent und mehr.

Bei den Herstellungsländern der Plagiate ist laut VDMA-Umfrage nach wie vor China weit vorne. Danach folgt Taiwan. Vertrieben werden die Plagiate zwar weltweit, Absatzmarkt Nummer eins aber ist China. Für die Branche "wenig erfreulich" sei, dass auch Indien inzwischen zu den Ländern gehöre, die Maschinen kopierten, beklagte Brucklacher.

Vertrieb über Tochterfirmen

Als ein Vorreiter im Kampf gegen Produktpiraterie sieht sich das Unternehmen SEW-Eurodrive aus Bruchsal (Baden-Württemberg), ein Spezialist für Antriebstechnik. Kurz vor Beginn der Hannover Messe entdeckten SEW-Manager im Firmenkatalog einer italienischen Firma ein Getriebe, das einem SEW-Getriebe täuschend ähnlich war - ein Plagiat. SEW forderte das Unternehmen zu einer Unterlassungserklärung auf. Die italienische Firma unterschrieb diese und nahm das Produkt vom Stand. Andernfalls drohte eine saftige Geldbuße von bis zu 100.000 Euro.

Kein neuer Fall: Bereits in den Vorjahren entdeckte SEW auf der Industrieschau Plagiate von eigenen Produkten, in die viel Forschungs- und Entwicklungsmittel geflossen ist. Hubert Ermel, bei SEW Leiter Entwicklung und Controlling, sieht nun aber einen neuen Trend: Die italienische Firma, bei der SEW in diesem Jahr ein Plagiat entdeckte, ist die Tochter eines chinesischen Unternehmens. Im Auftrag der Chinesen vertreibe nun das italienische Unternehmen die Plagiate auf dem europäischen Markt. "Das ist eine neue Qualität bei Produktpiraterie", sagte Ermel.

Von CHina überrollt

ZVEI-Anwalt Barleben rät Unternehmen dringend, ihre Produkte zu schützen, etwa über eine Anmeldung als Patent. Das aber kostet viel Geld. SEW zum Beispiel meldet nach eigener Darstellung pro Jahr 50 Patente - ein Patent kostet 50.000 Euro. Um aber die Produkte effektiv zu schützen, seien Schutzrechte notwendig, sagte Barleben. "Derjenige, der sich nicht schützt, könnte große Probleme bekommen."

Die Branche müsse ihren Kampf gegen die Plagiate vor allem der Chinesen verschärfen, sagte SEW-Eurodrive-Geschäftsführer Hans Sondermann. "Viele Unternehmen gehen aber nicht konsequent genug gegen Produktpiraterie vor." Sondermann: "Wir unterstützen und beschleunigen unnötig den Prozess, dass uns die Chinesen überrollen."

Andreas Hoenig/DPA DPA

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker