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Porträt Peter Hartz: Der tiefe Fall eines Hoffnungsträgers

Vom Französischen Dom ins Landgericht Braunschweig, vom Kanzlerberater zum Angeklagten: Nie zuvor ist ein deutscher Manager so jäh steil abgestürzt wie Peter Hartz. Wer ist der Mann, dem in der VW-Affäre nun als erstem der Prozess gemacht wird?

Von Arne Daniels

Peter Alwin Hartz kommt von sehr weit unten, und lange schien es, als gehe es in diesem Leben nur bergauf. Er wurde 1941 in Niederwürzbach in einem stillen saarländischen Tal geboren. Sein Vater war ursprünglich Hüttenarbeiter, musste sich aber nach Kriegsgefangenschaft und schwerer Krankheit als Hilfsarbeiter durchschlagen. Peter Hartz machte Mittlere Reife und eine kaufmännische Lehre, arbeitete in einer Armaturenfabrik, besuchte das Abendgymnasium und in Abendkursen die Fachhochschule, bis er Betriebswirt war, er heiratete und bekam einen Sohn. Nach einer Zwischenstation bei einem französischen Konzern war er während der Stahlkrise der siebziger und achtziger Jahren Arbeitsdirektor in verschiedenen saarländischen Stahlfirmen und initiierte die Gründung der "Stahlstiftung", die sich entlassener Hüttenarbeiter annahm.

Hartz initiiert Vier-Tage-Woche

1993 holte ihn der gerade zum Volkswagen-Chef gekürte Ferdinand Piech als Personalvorstand nach Wolfsburg - und mitten hinein in eine tiefe Krise der Autobauers. VW hatte 30.000 Menschen zu viel an Bord. Gemeinsam mit der IG Metall stampfte Hartz binnen weniger Wochen die Vier-Tage-Woche aus dem Boden: Alle mussten auf 20 Prozent der Arbeitszeit und 15 Prozent des Lohns verzichten, aber keiner verlor seinen Job. Auch das Unternehmen profitierte: Die Personalkosten sanken auf einen Schlag um eine Milliarde Euro, und ein teurer Sozialplan musste nicht finanziert werden.

Seither galt Peter Hartz als innovativer Personalmanager, der sowohl die Effizienz des Unternehmens als auch die Belange der Arbeitnehmer im Blick hat. Kritiker merkten allerdings auch an, dass Hartz durch seine zu weiche Politik die Probleme von VW nur vertagt habe. Er entwickelte komplexe Arbeitszeitmodelle und allerlei neuartige Instrumente der Arbeitsorganisation. Den Minivan "Touran" ließ er von neuen Mitarbeitern bauen, die zuvor arbeitslos waren (und deutlich unter dem üppig bemessenen VW-Haustarif bezahlt wurden).

Als anderswo der "Shareholder Value" zur Religion in den Vorstandsetagen wurde, setzte er den "Workholder Value" dagegen - den Wert der Arbeitnehmer. 1998 schenkte er der Stadt Wolfsburg zu ihrem 60. Geburtstag das Versprechen, die Arbeitslosigkeit binnen fünf Jahren zu halbieren - was durch gemeinsame Anstrengungen von Stadt und VW tatsächlich auch eingelöst wurde.

Präsentation im Dom

Den Zenit seiner Karriere erreichte Peter Hartz, als Duz- und Parteifreund Gerhard Schröder ihn 2002 an die Spitze einer Regierungskommission berief, die erst nur die Bundesanstalt für Arbeit, dann aber gleich den ganzen Arbeitsmarkt reformieren sollte. Hartz gelang es, die 15 Mitglieder der durchaus inhomogenen Kommission zu einem einstimmigen Votum zu bewegen.

Am 16. August 2002 präsentierten sie im Französischen Dom in Berlin vor 500 Gästen ihre Ergebnisse: 13 "Module", mit denen sich die Arbeitslosigkeit binnen weniger Jahre halbieren lassen sollte. Die daraus abgeleiteten Gesetze entsprachen zwar nicht mehr seinen Vorstellungen, trugen aber seinen Namen ("Hartz I" bis "Hartz IV") - und der wurde bald zum Symbol für kalten Sozialabbau, gegen den sich vor allem in Ostdeutschland regelmäßige Massendemonstrationen richteten. Das SPD- und IG-Metall-Mitglied Peter Hartz war darüber schwer erschüttert.

Seine Karriere bei Volkswagen war im Sommer beendet, kurz nachdem die VW-Affäre aufflog: Als bekannt wurde, dass auch Peter Hartz sich angeblich auf VW-Kosten mit Prostituieren getroffen haben sollte, reichte der seinen Rücktritt ein. Nach einem ausführlichen stern-Interview mit dem Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer wurde Hartz von der Staatsanwaltschaft dann auch noch als Beschuldigter geführt, der das System von Begünstigungen, Sonderboni und zweifelhaften Spesenabrechnungen im wesentlichen zu verantworten habe. Seit seinem Ausstieg bei VW hat sich Peter Hartz in sein Privathaus in einem saarländischen Dorf zurückgezogen.

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