HOME

Privatvermögen nimmt zu: Deutschlands Reiche werden immer reicher

Rund 10 Billionen Euro sind inzwischen in privater Hand. Tendenz steigend. Trotz Finanzkrise vermehren die Deutschen Jahr für Jahr ihr Vermögen. Der Staat verliert dagegen an finanzieller Substanz.

Privatleute häufen in Deutschland Jahr für Jahr mehr Vermögen an. Gleichzeitig werden die Superreichen immer reicher. Der Staat wiederum verliert an finanzieller Substanz. Das geht aus dem Entwurf für den vierten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hervor, über den die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

Die Analyse legt das Kabinett alle vier Jahre vor. Federführung hat das Arbeitsministerium. Der Wohlstand in Deutschland hat dem Bericht zufolge zuletzt kräftig zugenommen. Maßgeblich sei dabei das Nettovermögen, zu dem etwa Immobilien, Geldanlagen, Bauland oder Ansprüche aus Betriebsrenten gehörten. Das Arbeitsministerium schreibt dazu: "Während das Nettovermögen des deutschen Staates zwischen Anfang 1992 und Anfang 2012 um über 800 Milliarden Euro zurückging, hat sich das Nettovermögen der privaten Haushalte von knapp 4,6 auf rund 10 Billionen Euro mehr als verdoppelt." Das Abschmelzen der Vermögenswerte der öffentlichen Haushalte sei bereits seit zwei Jahrzehnten zu beobachten. Im Zuge der Rettungsmaßnahmen anlässlich der Finanz- und Wirtschaftskrise sei "eine Verschiebung privater Forderungen und Verbindlichkeiten in staatliche Bilanzen feststellbar".

Das private Nettovermögen hat sich nach Regierungsangaben allein zwischen 2007 und 2012 um 1,4 Billionen Euro erhöht. Hinter diesen Zahlen stecke jedoch auch "eine sehr ungleiche Verteilung der Privatvermögen". So vereinten "die vermögensstärksten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens auf sich". Der Anteil dieses obersten Zehntels sei dabei "im Zeitverlauf immer weiter gestiegen". 1998 belief er sich laut den amtlichen Zahlen auf 45 Prozent, 2008 war in den Händen dieser Gruppe der reichsten Haushalte bereits mehr als 53 Prozent des Nettogesamtvermögens. Die untere Hälfte der Haushalte verfüge über nur gut ein Prozent des gesamten Nettovermögens, heißt es in dem Bericht weiter.

West- und Ostdeutschland gleichen sich an

Der Abstand zwischen West- und Ostdeutschland habe sich dabei verringert, schreibt die Zeitung. Westdeutsche Haushalte hätten aber im Schnitt immer noch ein Immobilien- und Geldvermögen von etwa 132.000 Euro, bei den Ostdeutschen seien es nur 55.000 Euro.

Große Unterschiede verzeichnet die Analyse auch bei der Lohnentwicklung: Sie sei "im oberen Bereich in Deutschland positiv steigend" gewesen. Die unteren 40 Prozent der Vollzeitbeschäftigten hätten jedoch nach Abzug der Inflation Verluste bei der Bezahlung hinnehmen müssen. "Eine solche Einkommensentwicklung verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung", wird dazu angemerkt.

Trotzdem werde in dem Bericht der Anstieg der sogenannten atypischen Beschäftigung verteidigt. Teilzeit- und Minijobs, Leiharbeit oder befristete Stellen seien nicht zu Lasten der Normalarbeitsverhältnisse gegangen. Das Bundesarbeitsministerium fügt aber kritisch hinzu: "Stundenlöhne, die bei Vollzeit zur Sicherung des Lebensunterhalts eines Alleinstehenden nicht ausreichen, verschärfen Armutsrisiken und schwächen den sozialen Zusammenhalt."

Opposition fordert Vermögensabgabe

SPD, Linke und Grüne forderten mit Blick auf die Zahlen die Wiedereinführung einer Vermögensabgabe und eine stärkere Besteuerung von Topverdienern. SPD-Bundestagsfraktionsvize Joachim Poß sagte, mit der Wiedererhebung der Vermögenssteuer würden "zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: Mit ihr würde sich die finanzielle Situation des Staates verbessern und gleichzeitig könnte das Auseinanderdriften der Gesellschaft bei den Vermögen zumindest gestoppt werden."

Für den Bundesgeschäftsführer der Linkspartei, Matthias Höhn, sind die Zahlen "ein gesellschaftlicher Skandal". Nach einem Jahrzehnt sinkender Reallöhne, der Ausbreitung von Niedriglöhnen und prekärer Beschäftigung, drohender Altersarmut und millionenfacher Kinderarmut müssten nun "alle Alarmglocken schrillen". Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin kritisierte im Kurznachrichtendienst Twitter: "Die Finanzkrise lässt die Staatsschulden explodieren. Doch Reiche werden immer reicher. Zeit für Schuldenabbau durch eine Vermögensabgabe."

mlr/Reuters / Reuters