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ProSieben-Verkauf: "Bitte behalten Sie Ruhe!"

Die drohende Zerschlagung von ProSiebenSat.1 durch den Springer-Verlag stößt im Unternehmen auf Unverständnis und Widerstand.

Die drohende Zerschlagung von ProSiebenSat.1 im Rahmen der Übernahme durch den Springer-Verlag stößt bei Deutschlands größtem TV-Konzern auf Unverständnis und Widerstand. "Bitte behalten Sie Ruhe", appellierte ProSiebenSat.1-Chef Guillaume de Posch am Donnerstag in einem Brief an die Mitarbeiter. Es seien bisher noch keine Entscheidungen gefallen. Es habe die Beschäftigten in den turbulenten vergangenen Jahren ausgezeichnet, dass sie immer die Ruhe bewahrt hätten. Branchenexperten rechnen aber damit, dass sich auch Posch selbst gegen einen Verkauf des Senders ProSieben zur Wehr setzen wird.

Wirtschaftlich macht ein Verkauf von ProSieben nach Einschätzung in der Führungsspitze und in Arbeitnehmerkreisen keinen Sinn. "Wir haben da schon Bauchweh", heißt es im Umfeld des TV-Konzerns. Der Sender ProSieben sei das Herz der Gruppe. Die Integration von Sat.1 sei nach der Fusion im Jahr 2000 schmerzhaft gewesen. Die Verluste bei Sat.1 hätten jahrelang durch die soliden Gewinne von ProSieben aufgefangen werden müssen. Inzwischen aber profitierten beide Sender. So erfolgen zum Beispiel Werbevermarktung und Rechteeinkauf gemeinsam. "Diese Konstellation auseinander zu brechen, würde den ganzen Laden zerbrechen." Trotz der erfolgreichen Sanierung von Sat.1 steuerte ProSieben auch zuletzt noch weit mehr als die Hälfte des Konzerngewinns bei.

"Man kann nicht gegen die Interessen des Unternehmens handeln"

Völlig unklar ist im Konzern, wie ein Verkauf vonstatten gehen sollte. Das Bundeskartellamt fordert, dass ProSieben bereits vor einer Übernahme des Konzerns durch den Springer-Verlag weiter gereicht werden müsste. "Dem könnte der Vorstand nicht zustimmen", hieß es in Branchenkreisen, "man kann nicht gegen die Interessen des Unternehmens handeln". Zudem sei der Vorstand gesetzlich verpflichtet, auch die Interessen der freien Aktionäre zu wahren.

Angesichts der wirtschaftlichen Vorteile einer Sendergruppe wird im Umfeld von ProSiebenSat.1 intensiv über die möglichen Motive des Springer-Vorstoßes spekuliert. Möglicherweise habe Springer einen Partner bei der Hand, der ProSieben übernehme, aber weiter eng mit Springer zusammenarbeite und den Sender bei einer Änderung der Gesetzeslage wieder zurückgebe, vermutet einer. Als Kandidat für eine Kooperation wird vor allem der TV-Konzern SBS genannt, der von dem früheren Kirch-Manager Markus Tellenbach geführt wird. Andere vermuten, dass Springer vor allem beweisen will, alles versucht zu haben, um dann vom Kaufvertrag zurückzutreten zu können.

In den vergangenen Jahren wurde es richtig turbulent

Für die Mitarbeiter von ProSiebenSat.1 ist die jüngste Wendung nur eine von zahlreichen Kapriolen in der Vergangenheit. Anfang 1989 war ProSieben als Stammzelle des heutigen Konzerns auf Sendung gegangen. Im Herbst 1990 sendete der Spielfilmkanal als erster Sender in Deutschland rund um die Uhr. Die Erfolgsgeschichte des Privatsenders, der zur Kirch-Gruppe gehörte, wurde im Sommer 1997 gekrönt: ProSieben ging unter der Führung von Vorstandschef Georg Kofler an die Börse. Im Sommer 2000 schlossen sich ProSieben und Sat.1 dann zum größten deutschen Fernsehunternehmen zusammen.

In den vergangenen Jahren wurde es dann richtig turbulent. Nach dem Zusammenbruch der Kirch-Gruppe war erst der Verkauf an den Bauer-Verlag so gut wie perfekt, platzte dann aber in letzter Minute. Auch die Übernahme durch den US-Milliardär Haim Saban klappte erst im zweiten Anlauf. Auch jetzt wagt niemand im Unternehmen eine Wette, wie der Poker ausgehen könnte.

Medienexperte: Alte Strukturen belasten moderne Medienwirtschaft

Der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister hat angesichts der Diskussionen rund um die geplante Übernahme die deutschen Medienkontrolleure scharf kritisiert. «Die Pläne, einen Beirat für Sat.1 zu schaffen sind weltfremd, dahinter steckt keine Logik, keine Ordnung», so der Leiter des Berliner Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik.

Die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich (KEK) hatte Springer die Auflage erteilt, im Falle der Übernahme einen Fernsehbeirat für Sat.1 zu schaffen, der aus verschiedenen gesellschaftlichen Kreisen besteht. "Mit Vertretern der Versehrten- und Bauernverbände würden alte Strukturen geschaffen, die der modernen Medienwirtschaft nicht gerecht werden", sagte Hachmeister. "In der KEK will sich doch nur jeder selber profilieren und die Chance nutzen, in die Medien zu kommen."

"Trotzdem wird es zum Deal kommen"

Eine Kontrolle müsse es zwar geben, aber eine sinnvolle. Nun aber müssten Heerscharen von Juristen aufgeboten werden, um laue Kompromisse herbeizuführen. Dabei würden Zeitverzögerungen auftreten, die niemandem nützten. "Trotzdem wird es zum Deal kommen, weil es sich um ein für Springer zu prestigeträchtiges Unterfangen handelt, als dass man es fallen lassen könnte." Dem Angebot des Verlages, den Sender ProSieben zum Verkauf zu stellen, werde sich das Kartellamt nicht entziehen können.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird nach Hachmeisters Einschätzung ein ausländisches Unternehmen den Zuschlag für ProSieben bekommen. Bereits im Gespräch war der französische Privatsender TF1. "Auch für den US-Konzern General Electric böte sich die Chance, seinen Einfluss zu erweitern", sagte Hachmeister. "Denn der hat mit dem Standbein Das Vierte im deutschen Free-TV-Markt bisher recht wenig."

DPA/AP