Rettungsgespräche Arcandor stemmt sich gegen Insolvenz


Letzte Chance für Arcandor: Der ums Überleben kämpfende Handelsriese stemmt sich gegen die drohende Insolvenz und will seinen Antrag auf staatliche Unterstützung weiter nachbessern. Die Regierung hat den Eigentümern ein Ultimatum gestellt. Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg: "Das Unternehmen ist in der Pflicht."

Der ums Überleben kämpfende Handels- und Touristikriese Arcandor will sich in letzter Minute doch noch die vorerst rettenden Hilfen sichern. Heute soll in Berlin ein nachgebesserter Antrag auf staatliche Rettungsbeihilfe über 437 Millionen Euro vorgelegt werden. Das kündigte Arcandor-Sprecher Gerd Koslowski am Montag in Essen an. Dazu wollte die Arcandor-Spitze noch in der Nacht versuchen, Eigentümer, Banken und Vermieter zu einem größeren Beitrag zu bewegen. Der neue Anlauf dürfte die letzte Chance sein, die drohende Insolvenz der Arcandor AG abzuwenden. "Wir brauchen eine Entscheidung bis Mittwoch", sagte der Sprecher.

Am Montag waren zunächst die Hoffnungen auf Staatshilfen innerhalb weniger Stunden zerplatzt. Am Vormittag wurden eine Bürgschaft sowie ein Kredit aus dem "Wirtschaftsfonds Deutschland" abgelehnt, am Nachmittag folgte eine Absage des Bundes an eine Rettungsbeihilfe. Nach Informationen aus Regierungskreisen bekommt Arcandor (Karstadt, Quelle) aber eine allerletzte Frist für "einen neuen, substanziell verbesserten Antrag" auf Rettungsbeihilfen.

An der Börse brach die Arcandor-Aktie regelrecht ein. Sie sackte am Abend um fast 44 Prozent auf den historischen Tiefstand von 1,06 Euro ab. Der Konzern beschäftigt rund 80.000 Mitarbeiter.

Das federführende Wirtschaftsministerium erklärte, die Anforderungen des Bürgschaftsausschusses seien nicht erfüllt. So seien die Banken nicht bereit, "selbst bei einer hundertprozentigen Bürgschaft die Kredite für die Rettungsphase zur Verfügung zu stellen". Das Ministerium räumte Arcandor aber eine Galgenfrist ein: "Es bleibt den Unternehmen unbenommen, kurzfristig einen neuen, substanziell verbesserten Antrag ... einzureichen."

Die Regierung dringt seit Tagen im Gegenzug für staatliche Hilfe auf ein stärkeres Engagement von Unternehmensseite. Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) bekräftigte, eine privatwirtschaftliche Lösung müsse im Vordergrund stehen. Um an einen staatlichen Rettungskredit zu kommen, müsse ein Zehn-Punkte-Plan erfüllt werden, der "den Chefs bekannt" sei, sagte zu Guttenberg am Dienstag im Morgenmagazin von ARD und ZDF. "Es muss geliefert werden, wir können die Kriterien nicht aufweichen", verlangte er. "Das Unternehmen ist in der Pflicht", sagte er.

Zu diesen Bedingungen zählte der Minister "signifikante Beiträge" der Eigentümer von Arcandor, ein langfristiges Stillhalteabkommen mit den Banken und Vereinbarungen mit Versicherern. Er betonte, dass ein Rettungskredit mit erheblichen Auflagen nach EU-Recht verbunden wäre. In der Regel werde eine Verringerung der Kapazitäten um 30 bis 50 Prozent verlangt mit den entsprechenden Folgen für die Arbeitsplätze.

Zuvor hatte der Lenkungsausschuss des Bundes Staatshilfen aus dem "Wirtschaftsfonds Deutschland" abgelehnt. Nach Angaben des Wirtschaftsministeriums bestanden "erhebliche Zweifel" an der Tragfähigkeit des Arcandor-Konzeptes. Zudem seien Kriterien für die Hilfen aus dem "Wirtschaftsfonds" nicht erfüllt. So bestünden erhebliche Zweifel, dass Arcandor erst mit der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise in Schieflage geraten ist.

Arcandor hatte sich eine Staatsbürgschaft in Höhe von 650 Millionen und einen Kredit über 200 Millionen Euro aus dem "Wirtschaftsfonds" erhofft. An diesem Freitag läuft eine Kreditlinie über 650 Millionen Euro aus. Spätestens bis dahin müsste ein Rettungskonzept aller Beteiligten stehen.

Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick schwor am Montag vor der Essener Konzern-Zentrale die Belegschaft auf einen Kampf um jeden Job ein. Die Absage aus Berlin bedeute keineswegs die Insolvenz, rief der Manager per Megafon der Belegschaft zu. Karstadt-Chef Stefan Herzberg sieht für Warenhäuser des Arcandor-Konzerns gute Überlebenschancen. Auch die Eigentümer von (ehemals) KarstadtQuelle hätten deutlich gemacht, sie wollten alles tun, um eine Insolvenz zu vermeiden.

Bundesweit kam es zu Aktionen von Karstadt-Beschäftigten wie Mahnwachen, es wurden Schaufenster verhüllt und die Beschäftigten fuhren in Autokorsos in die Innenstädte. Bürgermeister aus Städten mit Karstadt-Filialen forderten, Standorte mit den insgesamt mehr als 50.000 KarstadtQuelle-Arbeitsplätzen zu retten.

Die Arcandor-Touristiktochter Thomas Cook betonte erneut ihre Unabhängigkeit. "Thomas Cook ist ein eigenständiges und profitables Unternehmen, das an der Londoner Börse notiert ist", hieß es in einer Mitteilung der deutschen Thomas Cook AG. Arcandor hält 52,8 Prozent der Thomas-Cook-Anteile. Der Reiseveranstalter gilt als der Gewinnbringer des Arcandor-Konzerns.

DPA/Reuters DPA Reuters

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