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Ukrainekonflikt: Der russische Blumenkrieg

Es eskaliert weiter im Konflikt zwischen Russland und der EU - nachdem Putin Hunderte Tonnen europäischer Lebensmittel vernichtet ließ, wurden nun holländische Blumen verbrannt. 

Von Florian Hübner

Eine Gruppe Erstklässler in Russland mit einem Strauß Blumen

Erster Schultag in Russland: Mit Sträußen in der Hand sammeln sich Erstklässler vor einer Schule in Moskau.

Am ersten Schultag in Russland bringt jedes Kind einen Strauß Blumen mit, so will es die Tradition. Am liebsten kaufen die Eltern Rosen, Chrysanthemen und Dahlien, am allerliebsten Blumen aus den Niederlanden, denn sie gelten als besonders hochwertig. Doch in diesem Jahr sind ausgerechnet die besonders teuer – die russische Regierung hat den Blumen aus Holland den Kampf angesagt.

Angeblich von Schädlingen befallen

Ende Juli verkündete die zuständige Aufsichtsbehörde für landwirtschaftliche Produkte, Kontrolleure hätten 183 Pakete mit niederländischen Blumen entdeckt, die mit Schädlingen befallen gewesen seien. Um die eigene Wirtschaft zu schützen, so hieß es, habe die Behörde verstärkt Lieferungen an den Grenzen überprüft, zwischenzeitlich war sogar die Rede von einem Einfuhrverbot. Das wurde zwar nicht umgesetzt, inzwischen aber darf nur noch Fracht ins Land, die nach amtlicher Prüfung mit einem Zertifikat versehen ist. Seitdem verzögern sich die Lieferzeiten, manche Einfuhren bleiben ganz beim Zoll hängen, das Angebot auf den russischen Blumenmärkten sinkt – und der Einschulungsstrauß wird immer teurer.

Doch damit nicht genug: Die Aufsichtsbehörde hat den Auftrag erteilt, Kisten voller niederländischer Rosen und Chrysanthemen zu verbrennen. "Die Schnittblumen sind mit kalifornischen Thrips infiziert", begründet die verantwortliche Inspekteurin die Aktion in einem Video, das von russischen Medien verbreitet wurde.

Russland stoppte Einfuhr europäischer Waren

Dass diese Insekten der tatsächliche Grund für derlei Anordnungen sind, glaubt in den Niederlanden niemand. "Die Insekten auf den Blumen sind harmlos. Russland ist unser einziger Abnehmer, der sie als Schädlinge betrachtet", sagt Robert Roodenburg, Direktor der Gesellschaft der niederländischen Pflanzengroßhändler.

Einleuchtender scheint da die Interpretation, dass der Blumenkrieg eine neue Stufe der Eskalation im Konflikt zwischen Russland und der Europäischen Union darstellt – nach bewährtem Muster: Die EU erließ Sanktionen wegen der Ukrainekrise, Präsident Putin vernichtete Hunderte Tonnen europäischer Lebensmittel, darunter Käse, Pfirsiche, Nektarinen. Dabei ist das Verhältnis von Russland zu Holland noch vergifteter als zum Rest der EU. Erbittert streiten die beiden Staaten über die Hintergründe des Abschusses der Malaysia-Airlines-Maschine MH17 über der Ostukraine, der vor einem Jahr 196 Niederländer das Leben kostete. Russland legte als einziger Staat sein Veto ein gegen den Vorstoß der Niederländer im UN-Sicherheitsrat, ein Tribunal einzusetzen, das die Verantwortlichen hätte zur Rechenschaft ziehen können. Niederländische Ermittler fanden in der Nähe der Absturzstelle Trümmerteile, die möglicherweise zu einer russischen Boden-Luft-Rakete gehörten. Einen Tag nachdem dieser Fund vermeldet worden war, verbrannte die russische Aufsichtsbehörde einen Stapel niederländischer Blumenpaletten.

Die Leidtragenden: Das russische Volk

Holländische Händler lässt der Blumenkrieg bisher jedoch kalt. Einbußen hätten sie nicht zu beklagen, erklärt Direktor Robert Roodenburg. "Russland ist ein vergleichsweise kleiner Markt, nur fünf Prozent unserer Blumen gehen dort hin. Zudem exportieren wir diese nicht selbst. Russische Zwischenhändler schicken eigene Transporter, um sie abzuholen." Im Gegenteil, Russland sei von den Niederlanden abhängig, die als Hauptlieferant rund ein Drittel des Blumenmarktes abdecken.

Der Leidtragende dieses Wirtschaftsscharmützels ist wieder einmal: das russische Volk, das schon mit der Inflation zu kämpfen hat. Die Blumen sind in Russland bis zu 20 Prozen