Siemens Was wusste Kleinfeld?


Erst Kraftwerke, dann Medizintechnik, jetzt "Com": Bei Siemens grassiert der Verdacht auf Korruption.

Es geht um Korruption, schwarze Kassen, Tarnfirmen: In der vergangenen Woche war die Münchner Siemens-Zentrale Schauplatz einer Großrazzia, bei der fünf Manager verhaftet wurden. Nun verdichten sich die Hinweise, dass in mehreren Bereichen des Konzerns Korruption geradezu üblich war, um an Aufträge zu kommen. Nach Informationen des stern entdecken die Ermittler "täglich neue Briefkastenfirmen" und gehen sogar dem Verdacht nach, dass der Siemens-Zentralvorstand Bescheid wusste. Durchsucht wurde auch das Büro von Siemens-Boss Klaus Kleinfeld - bisher aber nur als Zeuge.

Dabei war Kleinfeld, 49, im Zentralvorstand 2004 verantwortlich für den Bereich Com (Telekommunikation), in dem nach Angaben der Staatsanwaltschaft die Beschuldigten von 2002 bis heute Gelder in Tarnfirmen haben verschwinden lassen. Ist es denkbar, dass der Com-Vorstand ein gut laufendes Schwarzgeldsystem unterhielt, ohne dass der zuständige Zentralvorstand Kleinfeld davon wusste?

Nach den bisherigen Ermittlungen sollen der Ex-Com-Finanzchef Michael Kutschenreuter, 52, und Manager Andy Mattes, 45, verantwortlich sein für ein regelrechtes Schmiergeldsystem. Wie bei Firmenkorruption üblich, soll es zunächst darum gegangen sein, Schwarzgeld anzuhäufen, das dann zur Bestechung eingesetzt werden konnte. Die in Österreich und USA ansässigen Scheinfirmen Krhoma, Weavind und Prom Export sollen dazu hohe Rechnungen für Beratungsleistungen an Com geschickt haben.

Diese Rechnungen, denen vermutlich keine Leistung zugrunde lag, wurden von den Com-Managern bezahlt. Die Scheinfirmen haben das Geld dann zur weiteren Vertuschung an andere Tarnunternehmen in der Karibik überwiesen. Nachdem die Herkunft derart verschleiert war, konnte mit dieser schwarzen Kasse weltweit bestochen werden. Benutzt hat Siemens-Com die Mittel womöglich unter anderem, um an einen Auftrag für ein Sicherheitssystem bei den Olympischen Spielen 2004 in Athen zu kommen.

Ein ähnliches Geschäftsgebaren soll auch in anderen Sparten üblich gewesen sein: Seit zwei Jahren ermitteln Staatsanwälte in Wuppertal, ob Siemens einen EU-Mitarbeiter mit einer Jaguar-Limousine entlohnte, um einen Kraftwerksauftrag in Serbien zu ergattern. (stern Nr. 41/2004)

Im März dieses Jahres erhob die Staatsanwaltschaft Frankfurt Anklage gegen zwei Ex-Siemens-Manager der Sparte Kraftwerk. Sie sollen eine mit zwölf Millionen Schweizer Franken gefüllte Schwarzgeldkasse unterhalten haben. Das Geld sei, so die Staatsanwaltschaft, durchweg für korruptionsbedingte "nützliche Aufwendungen" verwendet worden. Für einen Großauftrag in Italien sollen die Siemens-Manager mehr als sechs Millionen Euro an den Geschäftsführer des Energieversorgers Enel gezahlt haben. Der jetzt ins Visier geratene Vorstand Kutschenreuter war früher ebenfalls in der Siemens-Kraftwerkssparte tätig.

Die Staatsanwaltschaft München ging außerdem Bestechungsvorwürfen nach, die Rudolf Vogel erhoben hatte. Vogel arbeitete bis vor sechs Jahren als Abteilungsbevollmächtigter bei Siemens und war zuvor zwei Jahre Assistent von Ex-Siemens Chef Heinrich von Pierer. Laut Vogel war Bestechung von ausländischen Politikern die Regel. Ihm seien "nur wenige Kraftwerksprojekte" bekannt, bei denen "nicht die Einschaltung Dritter mit entsprechenden Zahlungen erforderlich gewesen wäre".

Ähnliches fand offenbar auch bei der Siemens-Medizintechnik statt. Der Kanadier Sam Tsekhman leitete von 1996 bis 1999 bei Siemens in Erlangen den Russlandvertrieb für medizinische Großprojekte. Er erinnert sich, regelmäßig nach Wien gefahren und dort im Hilton-Hotel von einem aus Deutschland angereisten Siemens-Manager bündelweise Bargeld erhalten zu haben. Das Geld sei dazu bestimmt gewesen, russische Beamte zu bestechen. Tsekhman: "Als ich für Siemens Russland arbeitete, war es übliche Praxis, Dritte zu bezahlen." Um Politiker zu schmieren, wurde laut Tsekhman auch der in Boston ansässige Geschäftsmann Lazar Papernick beschäftigt. Nachdem der stern diese Vorwürfe vor einem Jahr veröffentlichte, dementierte Siemens kategorisch: "Siemens hat niemals - weder in Russland noch anderswo - geduldet, dass Schmiergelder gezahlt werden." Ex-Chef von Pierer sei zwar über die Vorwürfe informiert gewesen, eine interne Untersuchung hätte sie aber entkräftet.

Geschäftsmann Papernick berichtete dagegen dem stern schon vor einem Jahr, er habe Pierers Nachfolger Klaus Kleinfeld geschrieben und ihm unfassende Informationen zu dieser Angelegenheit angeboten - einschließlich der Namen, Daten und Fakten. "Ich habe keine Antwort erhalten."

Markus Grill, Hans-Martin Tillack print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker