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Social Network: Wie viel ist Facebook wirklich wert?

Würde Facebook an die Börse gehen, könnte das Unternehmen mit der Rekordsumme von 100 Milliarden Dollar bewertet werden. Experten halten das für realistisch.

Von Friederike Ott

Der mögliche Börsengang von Facebook hat erneut die Spekulationen um den Wert des Unternehmens angeheizt: Der amerikanische Wirtschaftssender CNBC berichtet auf seiner Website, dass das Online-Netzwerk bei einem Börsengang 100 Milliarden Dollar wert sein könnte und beruft sich dabei auf Insider. Das "Wall Street Journal" hatte diese gigantische Zahl vor sechs Wochen zum ersten Mal genannt.

Sollte sie stimmen, dann wäre das der größte Börsengang aller Zeiten. Facebook wäre damit auf einen Schlag mehr wert als Deutsche Bank, Deutsche Post und Lufthansa zusammen und hätte seinen Marktwert innerhalb von nur knapp einem halben Jahr verdoppelt. Noch im Januar wurde der Wert auf 50 Milliarden Dollar geschätzt. Schon damals gab es kritische Stimmen, die von einer Blase warnten.

Auch jetzt schlagen Kritiker Alarm. Sie fürchten, dass ein neuer Hype um Internetaktien entsteht. Bestimmte Interessengruppen, so die Vermutung, könnten bewusst die Spekulationen um den Wert von Facebook antreiben, um später abzukassieren. Tatsächlich beriefen sich das "Wall Street Journal" und "CNBC" bei ihrer Einschätzung auf Personen, die Facebook nahestehen.

Mehr als eine Plauder-Plattform

Fest steht bereits jetzt, dass Facebook mehr als nur eine Internetfirma ist. Das Netzwerk hat eine neue Art der Kommunikation hervorgebracht. Es verknüpft Menschen auf der ganzen Welt. Die Facebook-Gemeinde ist mittlerweile auf 600 Millionen Nutzer angeschwollen. Das sind mehr Menschen als in der Europäischen Union leben und es werden täglich mehr.

Was 2004 an der Harvard University zur Bewertung von Studentinnen entstand, ist heute viel mehr als nur eine private Plauder-Plattform – das Netzwerk ist ein fester Bestandteil des Unternehmensmarketings geworden. Firmen nehmen hohe Summen dafür in die Hand. BMW etwa nutzt diesen Kanal, um Informationen über die neuesten Modelle zu verbreiten. Fast sechs Millionen Nutzer mögen den bayerischen Autobauer. Auch Verlage integrieren Facebook auf ihren Internetseiten. So können auch Leser von stern.de gelesene Artikel bewerten. Stern.de hat sogar ein eigenes Profil, 33.630 Nutzern gefällt die Seite.

Facebook hat bereits Unternehmen angeboten, ihre Website zu schließen und nur noch Facebook zu nutzen. Locken kann der Konzern mit einem wahren Datenschatz von 600 Millionen Nutzern. "Facebook wird irgendwann Firmen komplette Profile über Nutzer verkaufen", sagt der Hamburger Zukunftsforscher Eike Wenzel.

"Facebook wird die Fußgängerzone der Zukunft werden"

Facebook hat sich nicht nur als Kommunikations- und Werbeplattform etabliert. Das Netzwerk hat die Gesellschaft verändert. Studenten lernen ihre Kommilitionen häufig erst auf Facebook kennen und dann auf dem Campus. Auch die Deutschen, die ihre Häuser bei Google Street View pixeln lassen, gewähren auf Facebook tiefste Einblicke in ihr Privatleben: Bilder vom Strandurlaub, von der letzten Party oder vom gerade neugeborenen Kind.

Nicht immer sind sie sich über die Folgen bewusst. Die Daten, die sie bei Facebook einstellen, sind offen zugänglich. Die Hamburger Morgenpost berichtete kürzlich, dass die Polizei einen Verkehrssünder aus Nordrhein-Westfalen über Facebook identifizieren konnte. Er hatte abgestritten, am Steuer gesessen zu haben. Die Polizei hatte ihn dabei geblitzt, wie er auf der Autobahn zu dicht an seinen Vordermann herangefahren war. Da es in Deutschland keine Kfz-Halterhaftung gibt, bestreiten viele, am Steuer gesessen zu haben. Doch in diesem Fall war der Nachweis über Facebook leicht.

Eines ist klar: Facebook hat inzwischen eine immense Bedeutung für die Gesellschaft, die Unternehmen, die User. Zukunftsforscher Wenzel ist überzeugt, dass Facebook vor allem mit E-Commerce viel Geld verdienen wird. Schon jetzt können User über das Netzwerk zum Beispiel Windeln bei Procter and Gamble kaufen. "Facebook wird zur Fußgängerzone der Zukunft werden", so der Zukunftsforscher. Noch wird die Zahlung über Amazon abgewickelt. Doch manche würden bereits spekulieren, dass Facebook eine eigene Währung einführen könnte, sagt Wenzel. Doch rechtfertigen all diese Entwicklungen den exorbitanten Preis von 100 Milliarden US-Dollar?

"Wenn die Leute zu euphorisch sind, kriege ich Angst"

Möglicherweise wird sich das Geheimnis um die Marktkapitalisierung 2012 lüften, dann, so wird spekuliert, wird Facebook an die Börse gehen. Während die Facebook-Gemeinde sich selbst einem kollektiven Daten-Striptease ausliefert, kann sich Firmengründer Mark Zuckerberg bisher über die Unternehmenzahlen in Schweigen hüllen. Anders als börsennotierte Unternehmen muss er nicht jedes Quartal seine Zahlen vorlegen. Er hatte es mit einem Börsengang auch bisher nicht eilig. Bald jedoch wird Facebook die Marke von 500 Anteilseignern übersteigen und dann werden nach US-Regeln öffentliche Quartalsberichte Pflicht. Dann wird sich zeigen, was für einen Börsenwert der Konzern tatsächlich hat.

Experten bezweifeln, dass sich dieser tatsächlich auf die gigantische Summer von 100 Milliarden Dollar beläuft. Immerhin wären das 167 Dollar pro Nutzer. Derzeit werden Internetfirmen generell sehr hoch bewertet. Als das berufliche Online-Netzwerk LinkedIn Mitte Mai an die Börse ging, verdoppelte sich der Wert am ersten Handelstag auf fast neun Milliarden Dollar - dabei hat LinkedIn mit 100 Millionen Nutzern nur einen Teil der Reichweite von Facebook. Mittlerweile ist der Börsenwert allerdings gefallen auf noch gut sieben Milliarden Dollar. Auch Twitter ist mit zehn Milliarden Dollar hoch bewertet.

Auch Zukunftsforscher Wenzel räumt ein, dass die Bewertung von Facebook hoch sei, ja sogar "grenzwertig". Doch die Gefahr einer Blase sieht er nicht. "Facebook ist eine Firma, die ihrer Bewertung absolut standhalten kann", sagt er.

Zwischenzeitlich haben bereits einige Internetfirmen bewiesen, dass sich im World Wide Web gutes Geld verdienen lässt. Ein Paradebeispiel ist der Suchmaschinen-Gigant Google, der seine Aktien im Sommer 2004 für 85 Dollar an die Börse gebracht hatte - und sich damals anhören musste, das sei überteuert. Doch Google verdient Unsummen mit Werbung. Heute kostet ein Google-Papier 505 Dollar.

Der Netscape-Mitgründer Marc Andreessen, der heute einer der bekanntesten Investoren im Silicon Valley ist, sieht die Spekulationen über eine Blase positiv - denn dann gebe es sicherlich eben keine Blase. "Wenn die Leute zu euphorisch sind, dann kriege ich Angst."

mit Agenturen