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Spitzelaffäre bei der Bahn: Mehdorn an der Endstation

Der Bahn-Chef scheint nicht länger tragbar. Immer neue schmutzige Details belasten ihn, die Politik sucht bereits nach einem Nachfolger.

Von U. Brychcy, L. Klimm und F. Heunemann

Der Tag, der für Hartmut Mehdorn der Anfang vom Ende werden soll, beginnt entspannt: Am Vormittag des 28. Januar besucht der Bahn-Chef an der European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin ein Symposium. Das Thema: "Wettbewerb und Regulierung im Eisenbahnsektor". Mehdorn sitzt in der ersten Reihe, hört zu. Nur ab und zu steht er auf und mischt sich ein. Nach den Vorträgen hält der bullige Manager Small Talk, eine Hand lässig in der Hosentasche. Es ist kurz nach 12.30 Uhr, als die Gemütlichkeit ein Ende hat. Ein Securitymann reicht Mehdorn ein Handy. Es ist der Anruf, der Mehdorns Welt aus den Fugen bringt. Der Bahn-Chef hört kurz zu und sagt dann: "Ich mache mich auf den Weg."

Wenige Minuten zuvor hatte der Korruptionsbeauftragte der Bahn, Wolfgang Schaupensteiner, im Verkehrsausschuss des Bundestags unabsichtlich eine Lawine losgetreten, die Mehdorn in den nächsten Tagen aus dem Amt spülen dürfte. Er hatte eingeräumt, dass die Bahn heimlich die Daten fast aller Mitarbeiter gerastert hat - angeblich, um Korruption zu bekämpfen.

An diesem Mittwoch im Januar beginnt für Hartmut Mehdorn eine Affäre, die sein Ende als Bahn-Chef besiegelt und die alles zerstören wird, was er für den Konzern geleistet hat. Dass Mehdorn sein Unternehmen seit 1999 von der verlustreichen Behördenbahn zum wirtschaftlich erfolgreichen Servicekonzern gewandelt hat - vergessen! Nicht als der strahlende Manager wird Mehdorn in die Geschichte der Bahn eingehen, sondern als der Mann, dem jedes Mittel recht war, um seine Ziele zu verfolgen. Immer wieder dringen neue schmutzige Details an die Öffentlichkeit. Doch der Bahn-Chef klebt wie Pattex an seinem Stuhl. Rücktritt? Nicht mit ihm!

Das System Mehdorn

Am Freitag dann der vorläufige Höhepunkt: Externe Ermittler zur Affäre berichten, dass E-Mails von Mitarbeitern systematisch nach Kontakten zu Mehdorn-Kritikern durchsucht worden seien. Jetzt wird klar, dass er es maßlos übertrieben hat - dass sein autoritärer Anspruch, alles und jeden im Unternehmen unter Kontrolle zu haben, zu einer Überwachungskultur im Konzern geführt hat. Es hat sich ein "System Mehdorn" entwickelt, "das verantwortlich ist für das, was passiert ist", sagt Alexander Kirchner, Chef der Bahn-Gewerkschaft Transnet.

Doch Mehdorn streitet die Vorwürfe wieder ab, behauptet weiter, von nichts gewusst zu haben. Für 18.30 Uhr bestellt er die Presse.

Von dem Raum im 21. Stock des Bahn-Towers am Potsdamer Platz hat man einen weiten Blick über das politische Berlin. Der Bundestag liegt greifbar nahe, und wenn die vielen Journalisten Mehdorn nicht die Sicht versperren würden, dann könnte er sehen, dass im Kanzleramt noch Licht brennt. Mehdorn empfängt die Journalisten in dem Saal mit dem weiten Ausblick, der "Fliegender Hamburger" heißt.

Mehdorn ist weder Hamburger, sondern Berliner. Noch hat er vor, aus seinem Job zu fliegen. Er will hier öffentlich verkünden, dass an den Vorwürfen gegen ihn nichts dran sei, dass das Protokollieren von Adressen und Betreffzeilen "rechtlich zulässig ist", weil es in der Betriebsvereinbarung vorgesehen sei, dass "die Ermittler nichts strafrechtlich Relevantes festgestellt haben". Das ist ihm wichtig, er wiederholt es viermal. Und dass er nicht vorhat, den neuerlichen Rücktrittsforderungen nachzugeben "Hierfür, das sage ich ganz offen, stehe ich nicht zur Verfügung." Dann lächelt er und nickt nach links. Und wenn nicht die Kameras im Weg stünden, könnte man meinen, es ging in Richtung Kanzleramt.

"Es ist klar, dass er gehen wird"

Kanzlerin Angela Merkel war bislang immer seine Jobgarantie. Krampfhaft hielt sie an Mehdorn fest. Bis nach der Bundestagswahl wollte sie warten, um den Chefposten im Staatskonzern zu besetzen - ohne auf den jetzigen Koalitionspartner SPD eingehen zu müssen. Doch auch diese letzte Stütze bröckelt. Die Kanzlerin will nicht mehr mit den Worten zitiert werden, sie stünde bedingungslos hinter Mehdorn, heißt es. Seit Samstagnachmittag laufen im Kanzleramt und im Bahn-Aufsichtsrat bereits Gespräche über die Nachfolge Mehdorns. Gewerkschaften, SPD-Basis und Opposition verlangen ohnehin geschlossen seinen Rauswurf.

Im Berliner Bahn-Tower zählen die Führungskräfte bereits die Tage. "Es ist klar, dass er gehen wird. Die Frage ist nur noch, wann", sagt ein hochrangiger Bahn-Manager. Und schiebt hinterher: "Diese Woche? Nächsten Monat? Spätestens Mitte Mai." Bereits am vergangenen Freitag, nachdem die neuen Vorwürfe bekannt wurden, hatten Mehdorns Berater auf ihn eingeredet. Jetzt gebe es eine letzte Chance, um mit Würde den Chefposten aufzugeben, sagten sie. Nun sei eine gute Gelegenheit, dass Mehdorn auf die eigenen, unbestrittenen Verdienste hinweisen könne. Jetzt müsse er für den Datenabgleich, für die Mitarbeiterüberwachungen und Spähaktionen auch gegen Journalisten und Politiker endlich die Verantwortung übernehmen.

Nicht nur seine Berater wissen: Es geht schon längst nicht mehr darum, dass Mehdorn Schaden von sich abwendet. Viele Manager beklagen sich über eine massive Beschädigung des Bahn-Konzerns, intern und extern. Das Unternehmen steht ständig in den Schlagzeilen, es verliert rapide an Ansehen. Europas größter Bahnkonzern mit 240.000 Mitarbeitern steckt in einer tiefen Führungskrise und droht handlungsunfähig zu werden. "Wir müssen uns in der Wirtschaftskrise dringend um das operative Geschäft kümmern", sagt ein Bahn-Vorstand. Mittlerweile schauen auch viele einst loyale Führungskräfte mit blankem Entsetzen auf Mehdorn. Schon in der vergangenen Woche ließ der Bahn-Chef an die erste Riege der Konzernmanager einen Brief adressieren, in dem sie per Unterschrift einen Persilschein in der Datenaffäre für ihren Vorstand und vor allem für ihren Chef abgeben sollten.

"Mehdorn hat ein Klima der Angst geschaffen"

Der Brief wurde ausgerechnet von der Mitarbeiterin verschickt, die auch zuständig ist für die Arbeitsverträge dieser Managerriege. Gut ein Drittel verweigerte den Blankoscheck für Mehdorn, sie wurden dann einzeln abtelefoniert. "Das sind autokratische Methoden", schimpft ein Manager. Gewerkschaftschef und Bahn-Aufsichtsrat Kirchner schüttelt den Kopf: "Ein vernünftiger Vorstand hätte nicht zugelassen, dass die Führungsmannschaft durch so eine Unterschriftensammlung gespalten wird."

In der Konzernzentrale werden nur noch wenige traurig sein, wenn Mehdorn den Hut nimmt. Überrascht ist kaum jemand über die vielen schmutzigen Details, die in den letzten Wochen ans Licht gekommen sind. Informanten aus dem Bahn-Tower trauen sich bisher kaum, mit Journalisten zu sprechen. Wenn, dann telefonieren sie nie über das Diensthandy. Schon lange gehen sie davon aus, dass auch ihre Verbindungsdaten ausgewertet und ihre Gespräche womöglich sogar abgehört werden. "Mehdorn hat ein Klima der Angst geschaffen", sagt jemand aus dem mittleren Management.

Altgediente Bahn-Vorstände wie Norbert Bensel, Diethelm Sack oder Karl-Friedrich Rausch sitzen am Freitag schweigend in einer Reihe, halten verlegen Kaffeetassen in der Hand, während ihr Vorstandschef per Videokonferenz mit den wichtigsten Führungskräften versucht, sich zu rechtfertigen. Konfus sei Mehdorn gewesen, angeschlagen wie noch nie, sagt einer, der dabei war. Für den Bahn-Chef seien stets nur die anderen schuld. Überall da draußen lauere der Feind. In der "Bild am Sonntag" fabuliert Mehdorn schließlich darüber, dass man seine Ablösung betreibe, um einen "politischen Linkskurs" durchzusetzen. "Mehdorn oder Kommunismus", spottet ein Bahn-Manager.

Böse Ironie des Schicksals

Dabei hatte der drahtige Bahn-Chef schon vor einigen Wochen vor Führungskräften angedeutet, dass er seinen bis 2011 laufenden Vertrag nicht erfüllen werde. Als er das gesagt hatte, stand er bereits unter dem Eindruck der ersten Datenaffäre. Mehdorn hatte sich damals bereits ein ihm genehmes Abschiedsszenario ausgemalt, berichten Vertraute. Sein Drehbuch lautete: Würdevoller Abgang im Sommer 2010 - als der strahlende Manager, der die Behördenbahn zu einer Börsenbahn umgebaut hat. Der innerhalb von zehn Jahren aus einem trägen, viele Milliarden fressenden Riesen ein hochattraktives, ertragsstarkes Unternehmen gemacht hat. Der in fremde Märkte vorgestoßen ist. Der einen weltweit tätigen Logistikkonzern zusammengezimmert hat. Der Geschichte wie kein Zweiter geschrieben hat - bei der Bahn und als Chef.

Dieser Traum wird wohl nicht mehr in Erfüllung gehen. Es ist eine böse Ironie des Schicksals, dass das Ende des Konzernchefs gerade eingeleitet wurde, als er sich bei der ESMT aufhielt - im ehemaligen Staatsratsgebäude der DDR, der früheren Schaltzentrale des Überwachungs- und Unrechtsstaates.

FTD