Steinkühler-Pause Im Ländle länger pinkeln


In Baden-Württemberg streiken Arbeiter für eine achtminütige Pinkelpause pro Stunde. Vor 30 Jahren setzten sie in einem harten Arbeitskampf die Steinkühler-Pause durch, nur sahen damals die Arbeitsbedingungen anders aus.
Ein Kommentar von Silke Haas

Im Tarifkonflikt in der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie um die so genannte Steinkühler-Pause für Akkordarbeiter sind jetzt Warnstreiks angelaufen. Als Steinkühler-Pause werden die stündlichen Erholzeiten von fünf Minuten plus drei Minuten "persönliche Bedürfniszeit" bezeichnet.

Die Pause wurde 1973 nach einem harten, dreiwöchigen Arbeitskampf zwischen Gewerkschaft und Arbeitgeberverband in Baden-Württemberg durchgesetzt und gilt auch nur dort. Sie ist benannt nach dem damaligen Verhandlungsführer der IG Metall in Baden-Württemberg Franz Steinkühler.

Nach über 30 Jahren garantierter "Bedürfnis-Befriedigungszeit" kann es nicht verwundern, wenn jetzt, da die Arbeitgeber diese kippen wollen, das Geschrei groß ist. Bei den heftig demonstrierenden Gewerkschaftsmitgliedern hat die Pinkelpause anscheinend Bestandsschutz erlangt und wird für unantastbar erklärt.

Als Nicht-Baden-Württemberger, also als Nicht-Pinkelpausen-Begünstigter, fragt man sich, welcher Grund diese acht Minuten Erholungszeit rechtfertigt. Die Fließbandarbeit an sich kann es nicht sein, sonst könnte die Pause kaum mit der Arbeitszeit verrechnet werden. Oder wenn doch, dann hätten die Arbeiter der restlichen Republik ebenfalls einen Anspruch darauf. Dann aber wäre es an ihnen, ebenfalls zu streiken. Vielleicht haben die Kollegen im Ländle einfach eine schwächere Blase als ihre Kollegen?

Arbeitsplätze werden heruntergespült

Die Arbeitgeber rechnen vor, dass die steinkühlerische Pinkelpause zu teuer werde und am Ende gar Arbeitsplätze kosten könnte - Arbeitsplatzvernichtung auf der Toilette sozusagen. Der Streit nimmt bizarre Züge an. Beide Parteien täten gut daran, der Diskussion das Pathos zu nehmen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Nennt man das Kind einmal beim Namen, geht es schlicht um die Frage nach längerer Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. Also ein Punkt, der schon Gegenstand etlicher Betriebsvereinbarungen war, denen die IG Metall zähneknirschend zugestimmt hat.

Die Arbeitgeber wollen das Pinkeln während der Arbeitszeit ja nicht grundsätzlich abschaffen. Sie gestehen den Arbeitnehmern ihre notwendigen Erholungspausen zu. Beseitigen wollen die Arbeitgeber in Baden-Württemberg die pauschalen Erholungszeiten, da diese nicht mehr zu den modernen Fertigungsprozessen passen, heißt es in einer Erklärung der Arbeitgeber.

Blasenkranke Württemberger

Der Streit eskaliert. Der redegewandte IG-Metall-Chef Jürgen Peters kämpft jetzt für die Pinkelpause als "Menschenrecht" für Fließbandarbeiter, während der frühere Mercedes-Chef Jürgen Hubbert von der "baden-württembergische Krankheit" spricht. Langsam wird das Ganze lächerlich. Fast möchte man die Parteien rütteln und schütteln und eine Kiste Blasentee an die Bänder schicken, um die "baden-württembergische Krankheit" zu heilen. Die Arbeitssitaution an den Bändern hat sich verändert, ist flexibler geworden. Das müssen auch die Arbeiter zur Kenntnis nehmen, auch wenn es weh tut.

Wo soll der Streit sonst enden, wenn mit der jetzt beginnenden Fastenzeit die Devise "Wasser statt Brot" heißt?


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