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Streit um Urheberrechte: Musikbranche wehrt sich gegen "Shitstorm"

Ein Branchenverband beklagt in der Debatte ums Urheberrecht die mangelnde Unterstützung der Politik. Erstmals seit 15 Jahren wächst der Musikmarkt wieder.

Von Andrea Rungg, Berlin

In der Debatte um das Urheberrecht fühlt sich die Musikbranche von der Politik im Stich gelassen. "Ich halte es nicht mehr für zulässig, wie sich die Politik hier wegduckt", sagte Dieter Gorny, Vorsitzender des Bundesverbandes der Musikindustrie (BVMI). So habe das Wirtschaftsministerium eine Studie zu Warnmodellen als Mittel gegen Urheberrechtsverletzungen vorgelegt, "aber niemand diskutiert sie".

"Wenn die Debatte so weitergeht, dann ist das Netz frei und kann selbst Kultur. Das macht dann der Schwarm, der Shitstorm", sagte Gorny bissig. Er bezog sich dabei auf die Argumente der Kritiker des derzeitigen Urheberrechts. Diese wollen die Regeln aufweichen, weil sie im digitalen Zeitalter nicht mehr zeitgemäß seien. Wenn das derzeitige Urheberecht auf das Internet übertragen würde, käme dies einer Zensur gleich, ist ein häufiges Argument.

Anfang des Jahres hatten von der Piratenpartei organisierte Massenproteste auf der Straße und im Netz ("Shitstorm") dafür gesorgt, dass die Bundesregierung einem weltweiten Abkommen zum Schutz vor Produktpiraterie und Urheberrechtsverletzungen (Acta) nicht zustimmt. Die Unterhaltungsbranche fühlt sich mittlerweile dem Druck der Internetadvokaten hilflos ausgeliefert.

Musikmarkt erholt sich leicht

Die Musiklabels waren die ersten Unternehmen der Unterhaltungsbranche, denen Internetpiraterie dramatisch zusetzte. Die aktuellen Zahlen des vergangenen Jahres könnten das kaum besser dokumentieren. Erstmals seit 15 Jahren ist der Musikmarkt hierzulande wieder leicht gewachsen, um 0,1 Prozent auf 1,67 Milliarden Euro. "Wir befinden uns in einer Stabilisierung, die Trendwende ist aber noch nicht geschafft", sagte der Geschäftsführer des BVMI, Florian Drücke. Im ersten Quartal 2012 gab es jetzt sogar ein Plus von 4,2 Prozent. Eine Prognose für das Gesamtjahr sei aber noch nicht möglich, sagte Drücke. Die Branche befinde sich in einem unberechenbaren Umfeld. "Wir können uns auf gar nichts mehr verlassen".

Die CD mit einem Anteil von 73,8 Prozent ist hierzulande zwar immer noch die tragende Säule der Branche. Allerdings gab es hier einen Rückgang von 2,9 Prozent. Der Umsatz aus dem Online-Geschäft stieg binnen Jahresfrist aber um 21,2 Prozent auf 250 Millionen Euro und erreichte damit einen Anteil von 16,6 Prozent. Den größten Zuwachs gab es mit 28,8 Prozent beim Download von Musik.

Streaming als "Brücke zum legalen Konsum"

"Das Urheberrecht ist und bleibt ein zentraler Baustein, um das Ganze in Gang zu halten", sagte Verbandsvorsitzender Gorny. Dass es eine Debatte gebe, begrüße er, allerdings verlaufe sie "emotionalisiert und zugespitzt". Noch immer gebe es massenhafte illegale Musikangebote im Internet, sagte Gorny. Von einer Kriminalisierung der Nutzer könne nicht geredet werden. "Erst die massenhaften Rechtsverletzungen führen auch zu massenhafter Rechtsverfolgung", sagte er weiter.

Als "Brücke zum legalen Konsum" sieht die Branche das Streaming, also die direkte Übertragung von Musik über das Internet im Unterschied zum Download von Audiodateien. Schon jetzt erfolgen nach Angaben des Verbands 18 Prozent der täglichen Musiknutzung über Streaming - das Radio hat einen Anteil von 34 Prozent, auf digitale Dateien entfallen 28 Prozent und auf CDs oder andere Tonträger 20 Prozent.

Deutschland ist der weltweit drittgrößte Musikmarkt, hinter den USA und Japan. Auf den nächsten Plätzen folgen Großbritannien und Frankreich. In den USA entfallen bereits 50,6 Prozent des Branchenumsatzes auf das Musikgeschäft im Netz.

FTD