Trigema-Chef "Die Regierung ist eine Marionette der Unternehmer"


Er produziert seine Textilien in Deutschland, zahlt Tarif und macht trotzdem Gewinn: Trigema-Chef Wolfgang Gupp im stern-Gespräch.

Siemens, Schiesser, VW, Boss - sie alle verlagern Arbeitsplätze ins Ausland. Das muss so sein, sagen sie alle. Alle? Es gibt einen Unternehmer auf der Schwäbischen Alb, der Widerstand leistet - und ausschließlich in Deutschland produziert. Und Gewinn macht. Und Tarif zahlt. Und noch nie jemandem betriebsbedingt gekündigt hat. Wolfgang Grupp. Grupp? Das ist der mit dem Affen in der Werbung.

stern: Herr Grupp, wenn man über Sie redet, heißt es sofort: Ach, das ist der mit dem Schimpansen vor der "Tagesschau"! Der macht sich doch zum Affen!

Wolfgang Gupp. Das stört mich nicht. Wichtig ist doch: Über meine Firma wird geredet, fast jeder in Deutschland kennt Trigema, ich bin im Gespräch. Meine Tochter, sie geht auf ein englisches Internat in der Schweiz, klagte neulich, dass ein Mädchen über ihre Figur gelästert habe. Ich sagte zu meiner 14-Jährigen, die im Übrigen eine Superfigur hat: "Bonita, du musst eines wissen: Solange über dich gesprochen wird, bist du interessant! Die anderen sind doch nur neidisch."

Dann nervt Sie wohl auch kaum, dass oft Unfreundliches über Sie geschrieben wird: Als Kauz, Querkopf, Exot werden Sie bezeichnet.

Das ärgert mich nicht, ich bin kein Kauz, kein…

Sie sind sein "Vorbild", sagt Harald Schmidt. Er führe seine TV-Firma, meinte er mal, wie Sie, "wie dieser drollige Trigema-Patriarch Grupp", nämlich: "feudalistisch".

Es ist sehr schmeichelhaft, wenn Harald Schmidt so etwas über mich kleinen Burladinger Unternehmer sagt. Sie sehen, ich werde wahrgenommen! Denn ich stehe hin und sage: Ich produziere in diesem Land, ich fliehe nicht ins Ausland. Es ist doch eine Schande, wenn man deswegen zum Exoten wird! Wir haben fast fünf Millionen Arbeitslose. Aber ich habe - anders als größenwahnsinnige Manager - eine klare Linie: Ich sage, es ist nicht natürlich oder gar gottgegeben, dass die Arbeitsplätze ins Ausland abwandern müssen.

Genau dazu hat unlängst der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages, Ludwig Georg Braun, aufgerufen.

Eine Katastrophe. Aber ich glaube nicht, dass er das so gemeint hat.

Das hat er sehr wohl. Regelrecht "unpatriotisch" findet das Bundeskanzler Schröder.

Ich bin CDU-Wähler, aber ich muss dem SPD-Kanzler zustimmen. Ich darf in diesen schwierigen Zeiten nicht das Vaterland verlassen. Unsere Väter, unsere Großväter haben viel geleistet - wir dürfen das Schiff nicht im Stich lassen.

Warum denn nicht? Warum soll das Kapital nicht machen, was es will?

Weil ich als Unternehmer eine ethische Verantwortung habe, meinen Mitarbeitern und ihren Familien gegenüber.

Das ist doch eine pathetische Leerformel.

Nein! Jeder Arbeitsplatz, der hier abgebaut und ins Ausland verlagert wird, ist ein Zeichen des Versagens. Mir geht es doch nur gut, wenn es meinen Mitmenschen gut geht. Aber diese Marktwirtschaft funktioniert scheinbar nicht mehr.

Wieso nicht?

Wenn oben - trotz Fehlentscheidungen! - nur noch abkassiert wird, machen die Arbeitnehmer nicht mehr mit. Viele Unternehmer und Manager sind in ihrer Machtgier größenwahnsinnig geworden. Immobilien-Schneider, TV-Kirch, Haffa, Flowtex-Schmieder, Daimler-Reuter - sie haben Milliarden ausgegeben, sie haben zigtausend Arbeitsplätze vernichtet, aber die Zeche bezahlen nicht sie selber, sondern die Steuerzahler! Die Verantwortlichen haben sich rechtzeitig mit ihren Millionen in Sicherheit gebracht, oder sie wurden noch mit Millionen abgefunden! Diese Herren sind verantwortlich für die Misere in unserem Land.

Sie regen sich ja richtig auf über Ihre Mitunternehmer.

Das sind nicht meine Mitunternehmer! Das sind Hasardeure ohne Verantwortungsgefühl. Sie jonglieren mit fremdem Geld, und wenn sie Mist gebaut haben, schmeißen sie den Bettel hin. Unternehmerischer Anstand ist abhanden gekommen.

Werner Otto beklagt die moderne Shareholder-Value-Ideologie. Für den Versandhausgründer ist "das eine Pervertierung der sozialen Marktwirtschaft. Da rutschen wir wieder in den Frühkapitalismus hinein".

Können Sie sich vorstellen, am Tisch zu sitzen, sich satt zu essen, und neben Ihnen hungern Kinder? Ich sage: Verantwortung! Ich sage: Vorbild! Wenn wir Unternehmer nicht mehr Vorbilder sind und nicht mehr die Leistung bringen, dann fahren wir Deutschland an die Wand.

Meinen Sie das im Ernst?

Ja, sicher.

Und was ist die Lösung für den Schlamassel?

Ich habe keine Patentlösung, aber wir brauchen eine ehrenwerte Gesellschaft. Und eines muss sich ändern: Die Manager und Unternehmer müssen für ihr Handeln persönlich haften - bis zum Existenzminimum. Dann, das garantiere ich Ihnen, werden die Entscheidungen wieder sorgfältiger getroffen. Ich stehe mit meinem Privatvermögen für all mein Handeln gerade; ich habe daher in guten Zeiten meine Entscheidungen so getroffen, dass ich die schwierigen Zeiten überstehen kann. Denn ich weiß, dass ich meine Zeche alleine bezahlen muss.

Als Sie Ihren 60. Geburtstag feierten, meinten Sie, "dass für einen dauerhaften Erfolg in der sozialen Marktwirtschaft die erste Voraussetzung die Werte sind, die bereits von unseren Großvätern vorgelebt wurden: Leistung, Verantwortung, Disziplin".

Ja, so ist es. Aber das sind längst Fremdwörter geworden, stattdessen herrschen nun Ausbeutung, Abkassieren, Scheinleistung und Egoismus.

Was ist für Sie ein guter Unternehmer?

Leute, die wir früher hatten, solche, die das Wirtschaftswunder ermöglichten. Vorbilder wie Schickedanz, Quandt, Krupp, Springer. Unternehmer, die sich noch einem Ehrenkodex verpflichtet fühlten: Sie wollten vorankommen, aber sie gingen für ihren Erfolg nicht über Leichen. Sie waren echte Unternehmer, sie waren stolz auf ihre Mitarbeiter, und die Mitarbeiter waren stolz auf diese Chefs. Sie haben gemeinsam Feste gefeiert, sie freuten sich gemeinsam über den Aufstieg, sie saßen in einem Boot und wollten gemeinsam vorankommen und gewinnen.

Das ist doch eine kitschige Verklärung der Vergangenheit.

Nennen Sie es kitschig, ich nenne es: ein tiefes Gefühl von Verantwortung.

Es gab doch auch früher Entlassungen, Konkurse, Streiks…

Aber es gab dennoch dieses Band: Wir wollen gemeinsam etwas erreichen. Wenn ich morgens auf die Straße rausgehe, will ich, dass die Leute mich mit Freude anschauen. Wenn sie mich als Ausbeuter bezeichnen würden, wäre es für mich eine Katastrophe.

Sie haben nichts dagegen, wenn ich Sie - so wie Sie daherreden - als Mutter Teresa von Burladingen bezeichne?

Ich bin sicher ein Kapitalist, und ich bin sicher auch ein Egoist. Aber ich weiß, dass es mir nur gut gehen kann, wenn es den anderen auch gut geht. Geld allein ist nicht alles. Gebraucht zu werden, geschätzt zu werden ist ein großes Glück.

Puuh, das sind große Worte, gleichwohl sind es Floskeln.

Nein, so denke ich! Wenn Sie bei den Olympischen Spielen im Reiten gewinnen wollen, dann können Sie Ihr Pferd peitschen. Aber ich glaube, es ist klüger, das Pferd zu pflegen, statt es zu drangsalieren.

Der Ex-Unternehmer Berthold Beitz hat unlängst geklagt, dass durch "den grassierenden Neoliberalismus" die Sicherheit in Deutschland mehr gefährdet sei als zu Zeiten der RAF, da "man nicht mehr genug ans Gemeinwesen denkt". Für ihn ist alles ins Schwimmen geraten: "Es ist, als ob die alte Bundesrepublik zerfällt."

Ja, da ist etwas dran. Es ist doch so: Die Wirtschaft ist verantwortlich für dieses Land. Wenn sie brilliert, steht die Regierung gut da. Somit ist jede Regierung im Prinzip eine Marionette der Unternehmer.

Doch die Unternehmer klagen: Der Standort Deutschland ist zu teuer, die Löhne sind zu hoch, die Gewerkschaften viel zu stark!

Moment mal, die Gewerkschaften sind so stark, wie es der Unternehmer zulässt. Wer hat die 100-prozentige Lohnfortzahlung zugelassen? Die vielen Urlaubstage? Wer hat denn dem alles zugestimmt? Das haben doch die Arbeitgeberverbände - denen ich nicht angehöre - abgesegnet. Mich hat noch nie ein Betriebsrat an irgendetwas gehindert. Wenn ich meinen Mitarbeitern gebe, was ihnen zusteht, hat die Gewerkschaft doch gar keine Chance.

Bei der IG Metall nennt man Sie den "weißen Raben". Was heißt denn das? Es scheint ein Kompliment zu sein.

Sie würden, sagte mir ein IG-Metall-Funktionär, Wundersames schaffen: Arbeitsplätze in einer Branche, in der in den letzten Jahren über 100000 Jobs verloren gingen.

Ja, wir sind langsam und vorsichtig gewachsen. Was nützt mir Größe, wenn ich Verlust mache? Ich habe immer meine Grenzen gekannt, bin nie der Großmannssucht erlegen, habe mich nicht dem Diktat von Großkunden gebeugt, nicht in die Abhängigkeit von Banken begeben.

Gleichwohl: Das herrschende Unternehmer-Credo lautet doch so: "Tschuldigung, Leute, wir müssen nach Polen, nach Bulgarien - dort sind die Löhne nur ein Achtel so hoch wie in Deutschland!"

Das sage ich nicht. Ich kann doch nicht meine Mitarbeiter rausschmeißen und in Billiglohnländern produzieren und dann auch noch erwarten, dass die Arbeitslosen meine Produkte kaufen. Ich rede jetzt von meiner Branche: Nennen Sie mir einen, der im Ausland reicher wurde! Geht es Steilmann oder Schiesser heute besser, nachdem sie alle Arbeitsplätze hier abgebaut und ins Ausland verlagert haben? Und sind eigentlich die Dinge, die im Ausland hergestellt werden, hier billiger zu haben als vorher?

Sie wollen nun hören, dass ich sage: Ein Boss-T-Shirt ist teurer als ein in Deutschland hergestelltes Trigema-T-Shirt!

Ja, ich frage mich schon, wo wir eigentlich den Verstand haben, wenn wir meinen, dass wir teure Markenartikel nicht mehr hier produzieren können. Ich zeige doch, dass es geht! Und noch etwas: Wenn Sie ins Ausland gehen, werden Sie zu gehetzten Produzenten, ruhelosen Wandersburschen, Sie ziehen von Billiglohnland zu Billiglohnland, aber in jedem Land hinterlassen Sie eine Schar neuer Konkurrenten.

Im Klartext: Diese Flucht aus Deutschland ist doof? Ihre Kollegen sind wie Lemminge?

Das Problem liegt doch ganz woanders. In guten Zeiten haben viele im Größenwahn Überkapazitäten aufgebaut, die in normalen Zeiten nicht zu füllen sind.

Was ist denn nun das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Es gibt kein Geheimnis, sondern ich löse ständig die kleinen Probleme, damit es keine großen gibt.

Mal ganz konkret: Was zahlen Sie Ihren Leuten? Tarif, oder werden die mit Billiglohn abgespeist und ausgebeutet?

Ausgebeutet, abgespeist? Ich würde mir doch selbst schaden, meine Mitarbeiter muss ich gerecht bezahlen.

Also sagen Sie es doch: Zahlen Sie Tarif?

Selbstverständlich! Ich kann nicht unter Tarif gehen, sonst würden die Besten doch gehen.

Deshalb erst recht: Wie überleben Sie in diesem angeblich so fatal teuren Deutschland?

Wir klagen nicht, wir nutzen die Schwächen jener aus, die im Ausland produzieren. Wir sind extrem flexibel: Wir schaffen hier rund um die Uhr, innerhalb von 48 Stunden produzieren wir jeden Artikel - in bester Qualität. Innerhalb von 24 Stunden liefern wir ab Lager. Das alles könnten wir nicht, wenn wir im Ausland wären. Und ich bin stets am Ort der Produktion, um jedes Problem sofort lösen zu können. Ein Kapitän ist bei seiner Mannschaft.

Sie sitzen wie der Lehrer vor der Klasse: Ihre gesamte Verwaltung haben Sie stets im Blick, alles unter Kontrolle, alles im Griff.

Es geht nicht um Kontrolle, sondern um das Miteinander, wir brauchen uns gegenseitig.

Wie der Patriarch im 19. Jahrhundert sitzen Sie vor Ihren Untertanen.

Sie haben einen mächtigen Drang, alles zu kritisch zu sehen. Ich sitze bei meinen Mitarbeitern, weil ich für jeden ansprechbar sein muss.

So sitzen Sie im Chefsessel: Maßanzug, die Weste fest geschnürt, die Krawatte mit einer goldenen Nadel streng fixiert und am Hals eng festgezurrt. Das signalisiert Disziplin und …

Disziplin ist wichtig, das A und O! Die Frage ist, sich selbst zu beherrschen. Ich bin ein Vorbild für meine Mitarbeiter. Ich würde nie mit offenem Hemd herumlaufen oder mit Turnschuhen, denn ich schätze meine Mitarbeiter, und sie erwarten von mir eine ordentliche, eine korrekte Haltung.

Sagen Sie mal: Haben Sie ein Vorbild für Ihr Handeln?

Meinen Großvater zum Beispiel. Als er beerdigt wurde, standen die Menschen Spalier hier im Dorf - vom Geschäft bis zur Kirche, einen Kilometer, sie haben Kränze getragen und waren sehr traurig. Alle haben meinen Großvater respektiert und geachtet - und ich würde mich freuen, wenn meine Mitmenschen mich auch so sehen.

Sie hören sich an, als ob Angst Sie antreibt.

Die Zeiten sind so hart wie noch nie. Viele Kunden gehen Pleite, viele Läden hören auf. Deshalb muss ich aus einer Art Notwehr heraus eigene Geschäfte aufbauen; ich mache schon über 50 Prozent meines Umsatzes in meinen so genannten "Testgeschäften".

Schön für Sie: Sie sparen sich den Zwischenhandel, schädigen den Einzelhandel!

Nein, ich bitte Sie! Ich muss so reagieren, weil so viele Geschäfte kaputt sind. Gehen Sie doch mal durch die Städte! Aber auch ich muss mich ständig fragen: Wie lange geht das alles noch gut? Wenn immer mehr arbeitslos werden und der Konsum noch mehr zusammenbricht? Man kauft, wenn man sich freut und das Gefühl von Sicherheit hat. Doch zu viele sind verunsichert, und sie sparen, wo es nur geht.

Aber noch sagen Sie zu Ihrem Affen: "Wir werden auch in Zukunft nur in Deutschland produzieren und unsere 1200 Arbeitsplätze sichern."

Ja, und so soll es auch bleiben.

Ist das die Lösung? Provinzialisierung statt Globalisierung!

Keine Ironie, bitte, die Lage ist zu ernst. Viele kommen in unsere Geschäfte, weil sie ganz bewusst diese in Deutschland hergestellte Ware möchten. Einkaufen auch als ein Akt der Solidarität: Man bekommt beste Qualität zu fairen Preisen und weiß überdies: Ich sichere mit meinem Kauf nun Arbeitsplätze in Deutschland.

von Arno Luik print

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