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US-Kreditkrise: "Der Mittelstand muss die Krise ausbaden"

Die Immobilienkrise in den USA hinterlässt Spuren in den Bilanzen weltweit - auch beim deutschen Mittelstand. Ein starker Dollar, schwer zugängliche Kredite und ein schwächerer Konsum gefährden die Gewinne. stern.de zieht eine Zwischenbilanz.

Von Lisa Louis

Die massiven Probleme auf dem amerikanischen Immobilienmarkt haben die Finanzmärkte rund um den Globus in eine tiefe Krise gestürzt. Zuletzt erwischte es die Deutsche Bank: Deutschlands größte Privatbank rechnet mit Abschreibungen von 2,5 Milliarden Euro. Wie hoch die Ausfälle in der Branche insgesamt ausfallen, ist nicht abzusehen.

Die Folge: Die Geldhäuser halten sich mit der Kreditvergabe an Unternehmen und Verbraucher zurück und werden damit zu einer direkten Bremse für die Konjunktur. "Durch den Vertrauensverlust bei den Banken kann es zu einer Einschränkung der Kreditvergabe kommen", sagt Christof Römer, Referent für Außenwirtschaft beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

Diesen Vertrauensverlust bemerken deutsche Mittelständler bereits. Ludwig Veltmann ist Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Gewerblicher Verbundgruppen (ZGV) in Berlin. Der ZGV vertritt 320 Kooperationen mit rund 200.000 angeschlossenen mittelständischen Unternehmen. "Die Zurückhaltung der deutschen Banken nimmt zu", sagt Veltmann. "Scheinbar muss der deutsche Mittelstand die Krise ausbaden." So hätten Unternehmen oft nur noch in Kooperationen eine Chance, einen Kredit zu bekommen. Eine Studie der Wirtschaftsauskunftei Creditreform bestätigt die Entwicklung: Rund ein Drittel der deutschen Unternehmen kommen schwerer an Kredite als zuvor.

Eigen- statt Fremdkapital

Manfred Böttcher, Geschäftsführer des Krananlagenbauers Kühnezug in Hamburg, hat deswegen mit seinem Unternehmen eine andere Strategie gewählt: "Neue Kredite nehmen wir nicht mehr auf - wir finanzieren uns nur noch über Eigenkapital", sagt er. Die Entwicklung auf dem Bankenmarkt habe er schon geahnt, als er vor zwei Jahren auf einer Urlaubsreise in Miami die vielen "For Sale"-Schilder an den Häusern sah. Und so stellte er sein Unternehmen frühzeitig auf eine Kreditklemme ein.

Damit die Finanzmarktkrise sich nicht auf die Realwirtschaft ausweitet, hat die amerikanische Notenbank Fed längst Gegenmaßnahmen ergriffen: Seit Oktober des vergangenen Jahres hat sie den Leitzins um volle drei Punkte auf 2,25 Prozent gesenkt. Gleichzeitig wurden Milliarden in den Geldmarkt gepumpt, um die Liquidität hoch zu halten. Die Maßnahmen haben aber gerade für Europa einen entscheidenden Nebeneffekt: Je niedriger die Zinsen, desto weniger lohnen sich Kapitalanlagen in den USA und desto mehr strömt Kapital in andere Regionen - wie nach Europa. Die Europäische Zentralbank EZB beließ den Leitzins im Euroraum bislang bei vier Prozent. Durch die große Zinsdifferenz steigt die Nachfrage nach Euro, was den Wechselkurs nach oben treibt - allein seit Mitte des vergangenen Jahres um mehr als 20 Cent auf 1,55 Dollar. Dadurch können Europäer zwar im Dollarraum günstiger einkaufen, gleichzeitig werden europäische Exporte jedoch teurer.

Vor- und Nachteile eines schwachen Dollars

Die Abhängigkeit von Exporten in den USA hat in den vergangenen Jahren abgenommen, ist für einige Unternehmen aber immer noch groß: "Wir spüren den schwachen Dollar schon", sagte Hans-Eberhard Koch, Geschäftsführer der Witzenmann GmbH in Pforzheim. Das Unternehmen stellt Metallteile her, zum Beispiel Kompensatoren und Metallschläuche. Die Pforzheimer beschäftigen 3000 Menschen, machen einen Umsatz von rund 400 Millionen Euro im Jahr und gehören damit zu den großen Mittelständlern. "Bei laufenden Serien geht unsere Gewinnspanne runter und somit auch das Ergebnis", klagt der Geschäftsführer. Wettbewerbsfähig gegenüber der amerikanischen Konkurrenz sei das Unternehmen nur, weil es besseren Service und technisch ausgefeilte Produkte biete.

Metall-Unternehmer Koch sieht aber auch einen entscheidenden Vorteil des schwachen Dollars: sinkende Euro-Preise von Rohstoffen und Vorprodukten. Deswegen versucht er, so viele Vorprodukte wie möglich in den USA zu kaufen. Auch Rohstoffe wie Nickel, die für die Produktion gebraucht werden, kaufe er vermehrt im Dollarraum. Zudem fange "der steigende Euro teilweise den Anstieg des Ölpreises auf", fügt Koch hinzu. Auch dadurch sänken die Produktionskosten.

Aber der schwache Dollar wirkt auch abschreckend auf deutsche Unternehmer, die in den amerikanischen Markt einsteigen wollen. René van den Hoevel ist Ansprechpartner für deutsche Unternehmen bei der Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in New York und hat rund 100 Anfragen im Jahr. Seit 2007 stellt er zwei Haupttrends fest: "Einerseits wollen immer mehr Unternehmen in den USA eine Fertigung aufbauen anstatt zu exportieren", sagt er. So könnten sie den Negativ-Effekt eines starken Euros auf deutsche Exporte umgehen. "Auf der anderen Seite verschieben viele Unternehmen diesen Markteintritt in die USA", berichtet van den Hoevel. Die Firmen wollten erst einmal abwarten, wie es mit der amerikanischen Konjunktur weitergehe.

Konjunkturflaute könnte sich auf Europa übertragen

Wie stark die Konjunktur in den USA abstürzt, ist auch wichtig für deutsche Unternehmen, die sich nicht in den USA ansiedeln wollen. Denn: Kommt es langfristig zur Rezession in den USA, sinkt dort der Konsum - auch von importierten Produkten.

Auf der anderen Seite gibt es einen indirekten, längerfristigen Effekt: Sinken nicht nur die Exporte aus Deutschland in die USA, sondern auch die aus anderen Länder wie beispielsweise Frankreich, verschlechtert dies französische Konjunkturaussichten. Läuft die Wirtschaft im Nachbarland nicht mehr so gut, kaufen Franzosen auch weniger Importe aus Deutschland. Erst kürzlich prognostizierte der IWF dem Nachbarland ein Wachstum von nunmehr 1,5 Prozent anstelle von 1,9 Prozent im vergangenen Jahr. Auch Frankreich, der wichtigste Abnehmer deutscher Produkte, wird sich wohl den Auswirkungen der internationalen Finanzkrise nicht entziehen können - und somit weniger Geld für Importe aus Deutschland zur Verfügung haben.

Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels, warnt jedoch vor Panik: "Trotz der Finanzmarktkrise rechnen wir immer noch mit einem Wachstum der deutschen Exporte von circa fünf Prozent für das Jahr 2008", sagte er stern.de. "Die Krise wird uns also nicht das Rückgrat brechen."

Von Absatzrückgang merkt auch Unternehmer Böttcher noch nichts - bisher. Das liege jedoch in der Natur der Sache, meint er: "Da wir Investitionsgüter verkaufen, planen Unternehmen den Einkauf langfristig - bis jetzt sind unsere Auftragsbücher also noch voll", sagt Böttcher. "Jedoch funktioniert unser Geschäft anti-zyklisch." Erst wenn sich die Konjunktur wieder belebe, werde sich ein eventueller Auftragsrückgang in den Büchern niederschlagen. Dann könnte auch für deutsche Exporteure die Luft dünn werden.