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US-Krise: Die Angst geht um an der Wall Street

Auf die Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers haben die Börsen weltweit mit Verlusten reagiert. Bange Blicke richteten sich auf die Wall Street: Der Dow Jones verliert stark und schließt bei einem Minus von 4,4 Prozent.

In den ersten fünf Handelsminuten verlor der Dow-Jones-Index am Montag nur 0,7 Prozent, 20 Minuten später lag er aber schon mit 2,9 Prozent im Minus bei 11.094 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500-Index verlor 2,8 Prozent auf 1216 Zähler. Der Index der Technologiebörse Nasdaq sank um 2,2 Prozent auf 2211 Punkte. Der Handelsschluss Stunden später bringt keine Erholung: Die Wall Street schloss mit einem Zweijahrestief. Der Dow Jones fiel um 4,4 Prozent auf 10.917 Punkte, der S&P-500-Index lag zum Handelsschluss in New York um 4,7 Prozent im Minus, der Nasdaq um 3,6 Prozent.

Die Aktien des weltweit zweitgrößten Versicherers American International Group brachen angesichts der Sorgen über die Finanzlage um 50 Prozent ein. Auch viele andere Finanztitel verbuchten zweistellige Verluste, die Titel von Washington Mutual fielen um zwölf Prozent. Citigroup fielen um gut sieben Prozent, obwohl das Institut angesichts der turbulenten Finanzmärkte noch einmal seine gute Ausstattung mit Kernkapital betonte.

Bush: "Schmerzhafte Anpassungen"

Trotz der Krise zeigte sich US-Präsident George W. Bush zuversichtlich, dass die US-Wirtschaft die Finanzmarktkrise ohne langfristige Schäden überstehen wird. "Wir arbeiten daran, die Störungen zu mindern und die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf dem Finanzmarkt auf die breitere Wirtschaft zu minimieren", sagte Bush am Montag in Washington. "Anpassungen auf den Finanzmärkten können schmerzhaft sein, sowohl für die Investoren als auch für die Beschäftigten der betroffenen Unternehmen", erklärte Bush. "Aber langfristig bin ich zuversichtlich, dass unsere Kapitalmärkte flexibel und belastbar sind und diese Anpassungen bewältigen können."

Der Dax war am Morgen ebenfalls rund drei Prozent schwächer gestartet. Die dramatische Verschärfung der US-Finanzkrise hatte den Index am Nachmittag gar mit 4,3 Prozent ins Minus gedrückt. Bei knapp 5970 Punkten notierte er so niedrig wie seit fast zwei Jahren nicht mehr. Erst am Nachmittag erholte er sich wieder leicht und kletterte bis auf 6064 Punkte. Es ist der tiefste Stand seit Oktober 2006. Der MDAX mittelgroßer Werte verlor 4,31 Prozent auf 7762,97 Zähler. Der TecDAX stand 3,32 Prozent tiefer bei 738,51 Punkten.

Belastend war in Frankfurt vor allem der Einbruch der Bankaktien. Diese wurden von den Hiobsbotschaften aus den USA - der Pleite von Lehman Brothers, der Notübernahme von Merill Lynch und den Finanznöten des Versicherers AIG - besonders erwischt. So verlor die Commerzbank 12,2 Prozent, die Deutsche Bank 8,9 Prozent und die Postbank 7,9 Prozent. Die Allianz notierte mit 8,2 Prozent im Minus. Im Plus lag ingesamt mit Fresenius Medical Care gerade mal einer der 30 Dax-Titel.

Anleger fliehen aus US-Werten

Noch schlimmer lief es beim Frankfurter Handel mit amerikanischen Aktien: Die Lehman-Papiere stürzten um 85 Prozent ab. Die Aktien der Bank of America, die Merrill Lynch kaufen wird, fielen um mehr als elf Prozent. AIG brachen um 45 Prozent ein.

Um die angespannten Märkte zu beruhigen, hatte die Europäische Zentralbank (EZB) die Geschäftsbanken des Euroraums kurzfristig mit liquiden Mitteln von 30 Milliarden Euro versorgt. Die Mission misslang zunächst, die Börse weitete die Verluste in der Folge noch aus. Die britische Notenbank sprang ebenfalls ein: Sie pumpte fünf Milliarden Pfund zusätzlich in den Markt. Mit dem Schritt wollten die Währungshüter ein Funktionieren des Geldmarktes sicherstellen.

Deutsche Bank bei Rettungsaktion dabei

Auch die privaten Bank starteten eine Rettungsaktion: Ein globales Konsortium von zehn Instituten, darunter die Deutsche Bank, kündigte am späten Sonntagabend (Ortszeit) in New York an, aus einem gemeinsamen Fonds 70 Milliarden Dollar an Darlehen zur Verfügung zu stellen. Ziel sei es, eine weltweite Börsenpanik zu verhindern, sagten Teilnehmer. Das solle dazu beitragen, die Liquidität der betroffenen Institute zu verbessern und die "bisher nicht gekannte Volatilität und andere Herausforderungen abzumildern, die die globalen Anlagemärkte betreffen".

Wegen der Turbulenzen hatte die US-Notenbank (Fed) bereits eine Reihe von Initiativen zur Unterstützung der Finanzmärkte angekündigt, darunter die Annahme von Aktien als Gegenleistung für Zentralbankgeld der Banken.

Zudem hat AIG die US-Notenbank laut einem Zeitungsbericht um einen Überbrückungskredit von 40 Milliarden Dollar gebeten. Damit solle eine Herabstufung des Kreditratings verhindert werden, berichtete die "New York Times" am Montag in der Onlineausgabe unter Berufung auf informierte Personen. Ratingagenturen hätten gedroht, AIG an diesem Montag herabzustufen. Mit diesem Schritt hätten Geldgeber ihre Mittel zurückfordern können. "AIG hätte nur noch 48 bis 72 Stunden zu leben gehabt", zitierte die Zeitung einen Insider.

"Selbst wenn sich die Lage bei Lehman und Merrill jetzt klären sollte, bleiben uns noch Washington Mutual, die Monoliner (Anleiheversicherer ) und die Hedge-Fonds als künftige Krisenherde erhalten", sagte ein Börsianer. "Und die Fed sitzt in der Falle, denn sie hat fast nichts mehr, um Geld nachzuschießen."

Reuters/DPA/AP / AP / DPA / Reuters