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Migration in die USA: Als Deutsche die Flüchtlinge waren - und zu erfolgreichen Unternehmern wurden

Rund 52 Millionen Europäer verließen im 19. Jahrhundert den Kontinent, ein Großteil von ihnen zog es in die USA. Vor allem Deutsche migrierten in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Über eine Zeit, in der die Deutschen die Flüchtlinge waren - und sie in der neuen Heimat Firmen gründete, die noch heute berühmt sind.

Frauen und Kinder beim Essen auf Ellis Island, 1902-1913 (Edwin Levick)

Frauen und Kinder bekommen auf Ellis Island etwas zu essen, 1902-1913 (Edwin Levick)

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"Die Amerikaner sind sehr geneigt, die Deutschen etwas hintan zu setzen. Sie halten die Eingewanderten nur gut zum Arbeiten und bemogeln dieselben, wo sie können" - diese Zeilen schrieb ein deutscher Auswanderer, ein Jurastudent ohne Examen von der Wesermündung, im Jahr 1863 aus den USA nach Hause. Ein anderer ließ die Verwandschaft in Deutschland wissen: "… die Amerikaner haben einen großen Widerwillen gegen alle Deutschen und setzen sie überall zurück…". 

Nein, ein herzliches Willkommen sieht anders aus. Dass die Deutschen, die ihrer Heimat verließen und in New York von Bord gingen, nicht mit offenen Armen empfangen wurden, liegt wohl auch an der großen Zahl. Allein in den Jahren von 1880 bis 1885 sollen rund 850.000 Deutsche die Heimat verlassen und gen Übersee gepilgert sein. Es war eine anstrengende Reise - und doch machten sich zwischen 1820 und 1930 rund sechs Millionen Deutsche auf den Weg.

"Der rechtliche, kluge und tätige Mann lebt nirgends so gut, so frei, so glücklich als in Amerika, der ärmste besser als der in Europa zwei Stufen höher stehende", schreibt H. W. E. Eggerling in "Kurzen Beschreibung der Vereinigten Staaten von Nord-Amerika" im Jahr 1832. Die USA wurden zum Sehnsuchtsort. Anfang des 19. Jahrhunderts verließen noch wenige Deutsche ihre Heimat. Religiöse Gründe - einst ein wichtiger Fluchtgrund - traten in den Hintergrund. Doch Missernten und daraus resultierende Preisexplosion sowie Hungersnöte, aber auch Standesdünkel bei den Handwerkszünften machten das Auswandern attraktiver - trotz der Strapazen der Überfahrt.

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Kaum gelenkte Migration

Die Migranten waren bis zu sechs Monate unterwegs: Per Schiff und Lastenkähnen, Pferdefuhrwerken und zu Fuß. "Als eine Phase ungebundener 'proletarischer Massenwanderungen' galt [dem ungarischen Migrationsstatistikers Imre] Ferenczi die Epoche zwischen dem Ende der napoleonischen Kriege und dem Beginn des Ersten Weltkriegs", schreibt der Historiker und Migrationsforscher Jochen Oltmer. Diese Phase sei "gekennzeichnet gewesen durch 'freie', von staatlich-administrativer Seite kaum behinderte und nur selten gelenkte grenzüberschreitende Migration. Diese Phase, die das gesamte sogenannte 'lange' 19. Jahrhundert umspannt, führte, von vielfältigen kontinentalen Zu- und Abwanderungsbewegungen abgesehen, über 50 Millionen Europäer nach Übersee, mit rund 40 Millionen weitaus überwiegend in die Vereinigten Staaten."

Hamburg, Bremen und Bremerhaven entwickeln sich zu großen Auswandererhäfen. Das stellt die Städte vor logistische Herausforderungen, denn die Reisewilligen wollen untergebracht werden, bis die Schiffe auslaufen. Auswandererhäuser entstehen. Und auch die US-Häfen richten sich zunehmend auf die Welle der Migranten ein. Ellis Island, eine Insel an der Mündung des Hudson Rivers, wird zur Einwanderer-Station ausgebaut. "Die Entscheidung, Ellis Island zur Sammelstelle für Immigranten in New York zu machen, wurde von der US-Regierung getroffen. Seit 1890 regelte sie die bundesweite Einwanderung", sagte Barry Moreno, Historiker am Ellis Island Immigration Museum in New York dem "Deutschlandfunk". "Die Regierung wollte striktere Regeln durchsetzen, um die Immigrantenzahlen zu begrenzen. Da die Einwanderer von der Bevölkerung für die steigende Kriminalität verantwortlich gemacht wurden, bevorzugten die Behörden einen isolierten Ort.“ Rund 40 Prozent aller US-Amerikaner haben Vorfahren, die über Ellis Island ins Land kamen. Die Inspektoren kontrollieren ab 1892 die Einwanderer: Welchen Beruf haben die Neuankömmlinge? Wie viel Geld haben sie dabei? Haben sie Krankheiten? Und: Sprechen sie ausreichend Englisch?

 

Deutsche und das Integrationsproblem

Gerade bei der Sprache hapert es bei den deutschen Einwanderern enorm - auch das trägt zu ihrem schlechten Ruf bei. Und erschwert ihnen die Integration. Allerdings: Sie arbeiten hart, gelten als einfallsreich. Zum Ende des 19. Jahrhunderts werden deutsche Arbeiter, vor allem aus dem süddeutschen Raum, gezielt angeworben - unter anderem für den Bau der Eisenbahnstrecken. Bis heute haben Firmen überlebt, die durch diese Einwanderer aus Deutschland gegründet wurden. Einer von ihnen war Marcus Goldman aus dem unterfränkischen Trappstadt, der 1848 seine Heimat verließ und in die USA ging. Nach den Wirren des Bürgerkriegs (1861 bis 1865) eröffnete er ein Ein-Zimmer-Büro in New York, in dem er Schuldscheine von Tabak- und Diamantenhändlern aufkaufte und die Wechsel an Bankern verhökerte, 1882 tritt sein Schwiegersohn in die Firma ein, Samuel Sachs. Goldmans Sohn Henry und Samuel Sachs gelten als Begründer der weltbekannten Bank Goldman Sachs. Im Jahr 2017 erwirtschaftete das Geldhaus rund 916 Millionen US-Dollar.

Auch Karl Pfizer aus Ludwigsburg wollte in den USA sein Glück machen. Ganz freiwillig war seine Auswanderung nicht, er zählt zu den Forty-Eightern, die im Zuge der gescheiterten Europäischen Revolution von 1848/49 Europa verließen. Pfizer, fünftes Kind eines Konditormeisters und selbst Apothekerlehrling, tat sich nach seiner Ankunft in New York mit seinem Cousin Charles zusammen. Sie borgten sich 2500 Dollar und eröffneten in Brooklyn ein Pharmageschäft. Dort verkauften sie Santonin, eine Chemikalie gegen parasitäre Würmer. Diese weißen Kristalle sollten zum ersten kommerziellen Erfolg des Pharmakonzerns Pfizer werden.

Flugzeuge statt Bauholz

Wilhelm Eduard Böing verlor mit neun Jahren seinen Vater durch die Influenza, den er sehr verehrte. Wilhelm Böing Senior war 1868 aus Limburg an der Lenne im Sauerland in den USA migriert und hatte es mit einem Bauholzhandel in Detroit zu einem beträchtlichen Vermögen gebracht. Die Mutter schickte den Sohn in die Schweiz auf ein Internat. Als er in die USA zurückkehrte, änderte er seinen klar deutschen Namen in die englischere Variante Williams Edward Boeing. Zwar arbeitete er im Holzbetrieb des Vaters, doch die Liebe zu Flugzeugen ließen ihn zu einem der wichtigsten Produzenten von Fliegern werden. 

Friedrich Trump war unzufrieden. Zwar hatte der aus Kallstadt stammende junge Mann schon eine Frisörausbildung absolviert und war mit gerade einmal 16 Jahren in die USA migriert. Doch nun, mit Anfang 20, reichte ihm das nicht mehr. Er wollte reich werden. Er lieh sich Geld, um ein kleines Restaurant in einem Schmuddelbezirk von Seattle zu übernehmen. Bis dahin hatte er bei seiner Schwester in New York gewohnt. Ein sehr deutsches Leben: Er sprach deutsch, kleidete sich wie in der Heimat, aß deutsches Essen. In Seattle war damit Schluss, er wurde Amerikaner. Wirklich reich wurde er aber erst mit Immobiliendeals in Queens. Geerbt hat dieses Imperium Donald Trump, sein Enkelsohn.

German, please: Diese Hollywood-Stars sprechen Deutsch - hätten Sie's gewusst?
Auf welche Rechtsgrundlage beziehen sich die Münchner Finanzämter im jüngsten Steuerskandal?
Gestern in Report: Münchener Mittelständler, die zum Beispiel Werbung bei Google gekauft haben, sollen auf gezahlte Werbung bei Google eine Quellensteuer von 15 Prozent zahlen, und zwar zunächst rückwirkend für die Jahre 2012 und 2013. Das Geld, so die Betriebsprüfer des Finanzamts München, könnten sich die Steuer ja von Google zurückholen. Klingt skurril. Klingt nach einer Sauerei. ich habe mir deshalb den 50a ESTG durchgelesen, was wenig Freude macht. Dort steht erstens: "Die Einkommensteuer wird bei beschränkt Steuerpflichtigen im Wege des Steuerabzugs erhoben", was bedeutet, dass (um im Beispiel zu bleiben) Google der Steuerschuldner ist und sich das Finanzamt dorthin wenden soll und unter Abschnitt 7: "Das Finanzamt des Vergütungsgläubigers kann anordnen, dass der Schuldner der Vergütung für Rechnung des Gläubigers (Steuerschuldner) die Einkommensteuer von beschränkt steuerpflichtigen Einkünften, soweit diese nicht bereits dem Steuerabzug unterliegen, im Wege des Steuerabzugs einzubehalten und abzuführen hat, wenn dies zur Sicherung des Steueranspruchs zweckmäßig ist. " Nach diesem Text muss das Finanzamt von Google diese Anordnung treffen und nicht das Münchner. Ich bin mir sehr sicher, dass das Finanzamt in Irland nicht tätig geworden ist. Was also könnte die Rechtsgrundlage für diese extreme Auslegung einer Vorschrift sein, die ursprünglich dazu gedacht war, dass Veranstalter von Rockkonzerten die Steuern für die ausländischen Musiker abführen (was ja vernünftig ist)?