VOLKSWIRTSCHAFT Hochkonjunktur für Insolvenzverwalter


Pleitewelle beschert »Unternehmensbestattern« gute Geschäfte. Besonders betroffen sind derzeit Bau- und Handwerksfirmen, sowie Unternehmen des Neuen Marktes.

Harald Hess hat keine Zeit zu verschenken. An manchen Tagen ist der Rechtsanwalt und Buchprüfer vor dem Morgengrauen auf der Autobahn unterwegs. Vom Hauptsitz der Kanzlei in Mainz geht es nach Erfurt, Gera, Berlin oder Duisburg. Seine Branche boomt in Krisenzeiten: Hess ist Insolvenzverwalter. »Ich habe Aufträge ohne Ende.« Daran wird sich vorläufig auch nichts ändern.

Eine Krise jagt die nächste

Die Konjunkturflaute hinterlässt ihre Spuren in Deutschland. Die Zahl der Pleitekandidaten, denen wegen Umsatzrückgang, Preiswettbewerb oder unbezahlter Rechnungen finanziell die Puste ausgeht, steigt. »Oft zieht eine Krise die nächste nach sich«, weiß er aus Erfahrung. Allein im ersten Halbjahr 2001 mussten die Geschäftsführer oder Vorstände von 16.200 Unternehmen bei Gericht Insolvenz anmelden. Grund: Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung. Das waren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 19 Prozent mehr als vor Jahresfrist - Tendenz steigend.

Baubranche besonders betroffen

Die angeschlagenen Firmen mit rund 100.000 Beschäftigten stehen bei Lieferanten, Banken, Krankenkassen und anderen Gläubigern mit 25 Milliarden DM (12,8 Mrd Euro) in der Kreide, stellten die Statistiker in Wiesbaden fest. Betroffen sind vor allem Bau- oder Handwerksfirmen. Aber auch über einstigen Börsenunternehmen vom Neuen Markt wie dem Hamburger Internet-Dienstleister Kabel New Media oder der Marburger TelDaFax AG kreist der Pleitegeier. Aufgabe von gerichtlich bestellten Verwaltern wie Hess ist es, den Gläubigern zumindest zu einem Teil ihres Geldes zu verhelfen.

Nur ein Insolvenz-Versuch

Das ist aber nur eine Seite der Medaille. »Insolvenz bedeutet nicht zwangsläufig das Aus durch Zerschlagung.« Diese Einschätzung teilt er mit Großen der Branche wie dem Stuttgarter Anwalt Volker Grub oder dem Heidelberger Jobst Wellensiek. Die Sanierungschancen sind mit dem seit 1999 geltenden Involvenzrecht gestiegen. Es bietet sogar die Möglichkeit, dass das Management die Firma unter Aufsicht eines Sachwalters wieder auf Kurs bringt. Im Gegensatz zu den USA gibt es aber nur einen Versuch. »Eine zweite Insolvenz wird Unternehmern in Deutschland übel genommen.«

Gegen den Markt geht nichts

Rettungschancen gibt es nur, wenn das Verfahren bei den ersten Warnsignalen startet. »Viel zu oft wird der Antrag erst gestellt, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.« Ganz schwierig wird eine Sanierung, wenn Kunden abspringen, wie derzeit reihenweise bei wackligen Baufirmen. »Gegen den Markt geht nichts«. Nach Einschätzung von Hess sind deshalb von 100 eröffneten Verfahren nur fünf bis zehn Firmen sanierbar. »Also ist der Insolvenzverwalter doch häufig Unternehmensbestatter«, räumt der Anwalt und Fachbuchautor mit Lehrauftrag an der Universität München ein.

Kaum Ost-West-Unterschiede

Große Unterschiede bei der Pleitegefahr - der Kreditversicherer Hermes rechnet 2001 mit weit über 28.000 Insolvenzen - sieht Hess zwischen Ost- und Westdeutschland nicht. »Auf diesem Gebiet sind wir schon ziemlich angeglichen.« Sowohl bei den Jungunternehmern in den neuen Ländern als auch den alten Hasen im Westen hatten etwa 90 Prozent der Existenzkrisen ihre Ursache in Managementfehlern.

Simone Rothe


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