HOME

Wattenmeer-Pipeline: Idylle mit Ölfeld

Auf den ersten Blick wirkt der Nationalpark Wattenmeer an Schleswig-Holsteins Nordseeküste wie eine unberührte Idylle. Doch ab sofort fließt durch eine Pipeline auch Erdöl von Deutschlands einziger Bohrinsel.

Umweltschutz und Ölfeld: Das Naturschutzgebiet zieht Unmengen Touristen aus aller Welt an. Kaum einer von ihnen ahnt, dass dieser Nationalpark auch Deutschlands Öl-Industrie anlockt. Denn von Deutschlands einziger Bohrinsel fließt künftig Erdöl durch eine Pipeline unter dem Nationalpark Wattenmeer. Mit einem Knopfdruck hat Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) am Freitag in Friedrichskoog die Öl-Pipeline in Betrieb genommen. Das rund zehn Kilometer lange Rohr verbindet die Bohrinsel "Mittelplate" mit dem Festland. Es läuft in 20 Meter Tiere quer durch den Nationalpark.

Ölfeld mit Zukunft

Die 100 Millionen Euro teure Pipeline soll die jährlich rund 1000 Schiffstransporte ersetzen. Die Ölförderung im Wattenmeer soll sich dann nahezu verdoppeln. Rund um die "Mittelplatte"-Plattform liegt nicht nur die größte deutsche Erdöllagerstätte und das förderstärkste Ölfeld Deutschlands. Mit zwei Dritteln der nationalen Rohölreserven ist "Mittelplate" auch das einzige deutsche Ölfeld mit Zukunft, sagt der Sprecher des Energiekonzerns RWE Dea, Harald Graeser.

In zwei bis drei Kilometern Tiefe lagern hier in mehreren Sandsteinschichten weit mehr als 100 Millionen Tonnen Öl. Nach aktuellen Schätzungen liegen insgesamt noch etwa 40 Millionen Tonnen Erdöl in der Tiefe, die mit Profit angebohrt werden können. Angesichts rapide steigender Marktpreise dürften bald auch aufwendigere Bohrungen Gewinn bringen.

Naturschützer unglücklich

Für das Nationalparkamt in Tönning (Kreis Nordfriesland) ist Mittelplate allerdings ein "schwarzer Fleck auf der Nationalparkweste". Erdölförderung und Naturschutz seien ein Widerspruch, sagt der stellvertretende Behördenleiter Detlef Hansen. Dabei bemüht sich das Betreiber-Konsortium RWE Dea/Wintershall nach eigenen Angaben schon seit 18 Jahren um eine "umweltverträgliche" Ölförderung. Seit Beginn der Ölförderung im Oktober 1987 wurden unter Aufsicht des Nationalparkamtes und vieler Umweltschutzorganisationen mehr als 15 Millionen Tonnen Erdöl störungsfrei ans Tageslicht gebracht.

"Die Erdölförderung Mittelplate gilt inzwischen weltweit als vorbildlich für umweltverträgliche Rohstoffgewinnung", sagt "Mittelplate"-Sprecher Derek Mösche. Umweltberichte von neutralen Forschungsinstituten und Ingenieur-Büros belegten demnach, dass die Arbeiten keine nennenswerten Auswirkungen auf die Umwelt verursachen. "Ökologie und Ökonomie stehen im Einklang."

Industrie sieht verbesserte Umweltbilanz

Bis heute wurden 615 Millionen Euro investiert, um das Bohr-, Förder- und Transportkonzept stets dem aktuellen Stand der Technik anzupassen. Bislang letzter Schritt ist die Pipeline-Anbindung der Förderplattform an die Öl-Aufbereitungsanlage an Land. "Die Umweltbilanz verbessert sich auch dank höherer Produktion", sagt Mittelplate-Sprecher Mösche. Denn bislang begrenzte der gezeiten- und wetterabhängige Abtransport per Schiff die geförderte Ölmenge auf rund 900.000 Tonnen pro Jahr. Dank der Pipeline wird das Ölfeld voraussichtlich zehn Jahre früher versiegen und die Petro-Industrie das Wattenmeer verlassen. Dann wird die Naturidylle wieder ungestört sein.

Wolfgang Runge/DPA / DPA