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Wochenmarkt - die Wirtschaftskolumne über die Eurokrise: Keine Panik, liebe Deutsche!

Der Dax fällt, der Euro genauso, die Eurozone steckt tief in der Krise. Ist der Untergang nah? Mitnichten, meint Thomas Straubhaar. Und erklärt, warum die deutsche Wirtschaft stabil bleibt.

Panik macht sich breit in Europa. Der Dax pendelt um die 6000 Punkte. Der Euro ist weniger als 1,25 US-Dollar wert. Und nun hat auch noch der Großinvestor George Soros in dramatischen Worten prognostiziert, dass zur Eurorettung nur noch drei Monate Zeit blieben, danach drohe die Katastrophe. Wem da nicht angst und bange wird!

Richtig ist, dass nun seit mehr als zwei Jahren die Regierungen der Euroländer verzweifelt versuchen, ein Feuer zu löschen, das über Jahren still glimmte, dann im Mai 2010 über Nacht ausbrach und seither immer wieder drohte, zu einem Flächenbrand zu werden. Heute gilt es nüchtern festzustellen, dass es bis anhin nicht gelungen ist, die Lage zu beruhigen und schon gar nicht, sie zu bereinigen. Die Gemengelage bleibt hoch explosiv und die Situation im Euroraum ist alles andere als stabil.

Alle südeuropäischen Euroländer sind de facto überschuldet und damit eigentlich Pleite. Deshalb sind private Gläubiger nicht länger bereit, gutes Geld schlechtem hinterher zu werfen. Sie wollen Griechenland, Portugal und nun auch Spanien kaum noch neue Kredite gewähren, um alte Forderungen ablösen zu können. Und wenn überhaupt, dann gibt es frisches Geld nur gegen horrende Risikoprämien. Das wiederum treibt die überschuldeten Länder erst recht in den Konkurs. Allein schon die Kosten für die höheren Zinsen torpedieren alle Anstrengungen, die öffentlichen Haushalte zu sanieren. Der Teufelskreis der Verschuldung hat Südeuropa fest in seinem Griff. Die Hoffnung auf eine Rettung sinkt. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit, bis die Eurozone auseinander bricht. Offenbar gute Gründe also für pessimistische Endzeitszenarien.

Doch, ganz im Gegenteil: Wenn man genauer hinschaut, sind aus deutscher Sicht viele der Sorgen grundlos. Mehr Vernunft und weniger Panik ist vonnöten.

Schwarzmalerei ist auch keine Hilfe

Fakt bleibt nämlich auch, erstens, dass es den Euro noch lange geben wird. Die Politik hat genügend Mittel zur Hand, um den Euro solange am Leben zu halten, wie sie will. Es ist nicht eine Frage des Könnens, sondern des Wollens, ob die Europäische Zentralbank (EZB) das tut, was mittlerweile alle anderen Notenbanken dieser Welt längst machen: ihre eigenen Währungen stützen, in dem sie ihren überschuldeten Staaten neue Kredite aufzunehmen ermöglichen. Das passiert in den USA, in Japan, in Großbritannien genauso wie in der Schweiz.

Zweitens will keine politisch ernstzunehmende Bewegung das Ende des Euro. In Deutschland wollen es Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihr Kabinett nicht. Die Sozialdemokraten Peer Steinbrück, Frank-Walter Steinmeier und Sigmar Gabriel schon gar nicht. Schwarz-gelbe Regierung und rot-grüne Opposition sind sich in einmütiger Absicht einig, wenn auch mit unterschiedlichem Vorgehen, alles zu tun, um den Euro zu retten.

Drittens ist nicht auszuschließen, dass nicht alle heutigen Mitglieder Euroländer bleiben. Ein Austritt Griechenlands ist heute wahrscheinlicher denn je. Ein Ausscheiden Griechenlands wird den Euroraum erschüttern. Aber es wird den Euro nicht zerfallen lassen. Es werden hohe Kosten, jedoch nicht existenzielle Folgewirkungen entstehen.

Viertens muss endlich Schluss sein, dass sich die Politik von Finanzmärkten und deren Akteure treiben und vorführen lässt. Es darf kein politisches Reagieren geben, das dem Auf und Ab an den Börsen folgt. Finanzmärkte ticken nach ganz anderen Gesetzen als Güter- oder Arbeitsmärkte. Vor allem ist äußerste Vorsicht geboten, wenn Börsen-Gurus oder Großinvestoren Prognosen zu machen beginnen. Nicht nur, dass (auch) sie in ihren Voraussagen zu oft daneben liegen.

Kritischer ist, dass sie mit ihren Prognosen die Finanzmärkte in eine von ihnen beabsichtige Richtung verändern können. Dann ist natürlich die Versuchung groß, diese Macht strategisch zum eigenen Vorteil zu nutzen. Beispielsweise wettet man erst auf den Bankrott eines Landes oder auf fallende Börsenkurse. Dann setzt man ein Gerücht oder eine Katastrophenmeldung in die Welt. Und danach freut man sich, dass die Eigendynamik zu einer selbsterfüllenden Prognose und damit die Wette zu einem Erfolg wird.

Kein Grund zur Panik

Daraus folgt, dass man sich hierzulande weder von den dramatischen Ereignissen an der Börse noch von Endzeitprognosen ins Bockshorn jagen lassen darf. Die Lage ist kritisch, aber noch lange nicht so hoffnungslos, dass sich die Bevölkerung von spekulativen Manipulationen auf den Finanzmärkten an der Nase herumführen lassen sollte.

Die deutsche Wirtschaft ist und bleibt stabil, selbst wenn sich das Wachstum etwas verlangsamen sollte. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich weiterhin positiv, wenn auch abgeschwächt. Beim Euro ist kein Endspiel in Sicht. Die Politik kann den Euro retten. Noch will sie das auch tun. Und so lange die Wählerinnen Regierungen für deren Treue zum Euro nicht abstrafen, gibt es für die Bevölkerung keinen Grund zu Panik.