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Yukos-Prozess: Urteilsverkündung unterbrochen

Richterin Irina Kolesnikowa begann am Montag mit der Verlesung der umfangreichen Urteilsbegründung, vertagte die Sitzung aber nach wenigen Stunden auf Dienstag.

Der russische Geschäftsmann und Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski muss in seinem Prozess wegen Wirtschaftsbetrugs mit einem Schuldspruch rechnen. Richterin Irina Kolesnikowa begann am Montag mit der Verlesung der umfangreichen Urteilsbegründung, vertagte die Sitzung aber nach wenigen Stunden auf Dienstag. Kolesnikowa bezeichnete den früheren Vorstandschef des Ölkonzerns Jukos als "Teil einer kriminellen Gruppe", was nach Ansicht von Prozessbeobachtern auf einen Schuldspruch hinweist.

Die Richterin sprach außerdem davon, dass der Angeklagte gelogen habe. Chodorkowskis Anwälte erklärten, diese Äußerungen ließen auf eine Verurteilung ihres Mandanten schließen. Nach dem russischen Strafrecht geht der Verkündung des Urteils die mündliche Verlesung der ausführlichen Begründung voraus, was mehrere Tage dauern kann.

Chodorkowski ist wegen Betrugs und Steuerhinterziehung angeklagt. Die Staatsanwälte haben für den früheren Jukos-Chef eine Höchststrafe von zehn Jahren beantragt. Der 41-Jährige hat alle Vorwürfe zurückgewiesen. Zahlreiche Beobachter sehen in dem Verfahren einen Versuch des Kremls, Chodorkowski wegen seiner Unterstützung der Opposition zu bestrafen.

Von dem Urteil gehe eine Signalwirkung für die weitere Entwicklung Russlands aus

Mehrere hundert Anhänger und Gegner Chodorkowskis versammelten sich zu Beginn der Urteilsverlesung hinter den Polizeiabsperrungen vor dem Moskauer Gerichtsgebäude. Einige weigerten sich, ein Demonstrationsverbot einzuhalten und wurden festgenommen.

Von dem Urteil gehe eine Signalwirkung für die weitere Entwicklung Russlands aus, schrieb die Zeitung "Iswestia". Wie Chodorkowski musste sich auch sein Geschäftspartner Platon Lebedew in dem Prozess zu sieben Anklagepunkten verantworten. Im Mittelpunkt der Vorwürfe steht die Auktion zur Privatisierung der russischen Ölförderung im Jahr 1994.

Der Gründer von Jukos wurde im Oktober 2003 verhaftet. Die wichtigste Jukos-Gesellschaft Juganskneftegas wurde wegen Steuerschulden zwangsversteigert. Das Urteil gegen Chodorkowski sollte ursprünglich bereits am 27. April verkündet werden, wurde aber kurzfristig verschoben. Als Grund wurde vermutet, dass der russische Präsident Wladimir Putin die Moskauer Feier zum 60. Jahrestag des Kriegsendes im Beisein von zahlreichen Staatsgästen nicht von Kritik am Urteil gegen Chodorkowski belastet sehen wollte.

AP / AP