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Buch über Russlands Präsidenten: Putin - der Mann, der gar nicht existiert

Getrieben und manipuliert von seinen Vertrauten: Nur so sei Wladimir Putin zu dem Politiker geworden, der er heute ist. Das schreibt der russische Journalist Michail Sygar in seinem neuen Buch über den Präsidenten. Dabei habe Putin anfangs die Nähe des Westens gesucht.

Von Samuel Rieth

Wladimir Putin: Der russische Präsident hilft Assad - und wird sich genauso an die Macht klammern, glaubt der Journalist Michail Sygar.

Wladimir Putin: Der russische Präsident hilft Assad - und wird sich genauso an die Macht klammern, glaubt der Journalist Michail Sygar.

Wer ist Wladimir Putin? Mit dieser Frage quält sich der Westen spätestens seit der Annexion der Krim. Die Antworten klingen dann so: Der russische Präsident ist ein "zynischer, kaltblütiger Machtpolitiker". Gar ein "Diktator". Oder wahlweise auch ein "starker, unabhängiger Mann". Michail Sygars Antwort lautet anders, 400 Seiten ist sie lang. Und auf diesen Seiten will der Autor zeigen, "dass es Putin eigentlich gar nicht gibt". "Endspiel: Die Metamorphosen des Wladimir Putin" heißt das Buch des jungen russischen Journalisten. Am 8. Oktober erscheint die deutsche Übersetzung. Jetzt haben Autor und der Verlag Kiepenheuer & Witsch das Werk in Berlin vorgestellt.

Der Mann, der in der Ukraine oder in Syrien die Welt in Atem hält oder mit nacktem Oberkörper durch die Wildnis reitet: Dieser "gewaltige kollektive Putin" sei vor allem ein Konstrukt aus Berichterstattung und Propaganda. "Wir alle haben uns unseren Putin erschaffen", heißt es in dem Buch. "Allgemein wird davon ausgegangen, dass in Russland nur ein Mann entscheidet." Doch das sei nur ein Teil der Wahrheit: Es gebe einen kleinen Kreis von Menschen um den Präsidenten, der ihn vorwärts getrieben und manipuliert habe. Der Putins Macht unbedingt erhalten wolle, um die eigene nicht zu verlieren.

Mitgerissen von seinem engsten Kreis

Michail Sygar, Jahrgang 1981, ist Chefredakteur von "Doschd", dem "letzten noch verbliebenen unabhängigen Fernsehsender in Russland", so stellt ihn der Verlag vor. Außerdem ist er Koautor des Buches "Gazprom: Das Geschäft mit der Macht" über den russischen Erdgaskonzern. Jetzt hat er sich Wladimir Putin vorgenommen.

"Ich berichte davon, wie ein Mann durch puren Zufall König wurde", schreibt Sygar. Diese Entwicklung, die namensgebenden "Metamorphosen" Putins, zeichnet der Autor nach - anhand der Mächtigen, die deren Zeugen waren. Nach ihnen sind die Kapitel benannt: "Dmitri Medwedew, die rechte Hand" etwa oder "Michail Chodorkowski, der Sündenbock". So will der Autor mit den Nebenfiguren Stück für Stück die Hauptperson zusammensetzen. "Nicht alle waren mutig genug, ein Interview zu geben", sagt Sygar bei der Buchvorstellung auf Russisch mit einer Dolmetscherin an seiner Seite. Doch einige der knapp 20 Spitzenpolitiker und Oligarchen hat er persönlich befragt.

"Sein engster Kreis hat ihn mitgerissen, seine Ängste und Wünsche manipuliert und ihn so vorwärts getrieben. Zu Dingen, die er von sich nie erwartet hätte", schreibt Sygar. "Putins gegenwärtiges Image, das eines schrecklichen Zaren, ist für ihn und größtenteils ohne sein Mitwirken erdacht worden - von seinem Gefolge, von den Partnern im Westen und den Medien."

"Ein großer Fehler" des Westens?

Putin fürchte sich vor allem vor einer Revolution wie in der Ukraine oder den arabischen Ländern. Aus seiner Sicht sei sein Land von Feinden umzingelt, der Westen führe bereits Krieg gegen Russland. Mit dem Präsidenten selbst hat Sygar nie persönlich gesprochen. So nah kämen Putin nur Journalisten, die von ihm "begeistert" seien. Zu denen gehört der Autor nicht, er kritisiert die russische Politik. Aber auch den Westen: Anfangs sei Putin ein "sehr pro-westlich eingestellter Politiker" gewesen. Sein Russland sollte sogar Nato-Mitglied werden - doch die Amerikaner hätten es nicht einmal zu Verhandlungen kommen lassen.

"Das war für ihn ein schwerer psychischer Schlag", sagt Sygar. "Auch ich halte das für einen großen Fehler." Die Russen fühlten sich als Verlierer des Kalten Krieges. Zu Unrecht zwar - schließlich hätten sie und die anderen Völker der Sowjetunion diese selbst auseinanderbrechen lassen. Doch auch wegen der Fehler des Westens hätten viele heute einen "Wunsch nach Revanche".

Aber wie geht es jetzt weiter, mit Putin, mit Russland und dem Rest der Welt? "Ich bin der Auffassung, dass Putin kein Stratege ist", sagt Sygar. "Er ändert ständig seine Taktik und versucht, sich anzupassen an die Gefahren, die er von außen wahrnimmt." Die Taktik lautet derzeit: russische Bomben auf syrische Rebellen, um Baschar Al-Assad unter die Arme zu greifen. Einem Diktator, der lieber einen blutigen Bürgerkrieg in Kauf nimmt, als freiwillig die Macht abzugeben. Wird Putin je von sich aus die Führung Russlands hinter sich lassen? Nein, glaubt Michail Sygar. "Er weiß genau, was mit ihm passieren wird, wenn er nicht mit allen Mitteln an der Macht festhält." Putin sei nicht wie Viktor Janukowitsch, den die Maidan-Bewegung in der Ukraine zu Fall brachte. Er sei auch nicht wie Husni Mubarak, der ägyptische Diktator, den sein Volk im Arabischen Frühling stürzte. "Putin", sagt Sygar, "wird sich immer so verhalten wie Baschar Al-Assad."