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Zinswende der EZB Therapie mit schmerzhaften Nebenwirkungen


Die Währungshüter der EZB verschärfen ihren Kampf gegen die Inflation und erhöhen erstmals seit knapp zwei Jahren den Leitzins. Doch Kritiker warnen vor schmerzhaften Nebenwirkungen. Eine Analyse.

Die Europäische Zentralbank (EZB) lässt ihren scharfen Worten gegen die Inflation Taten folgen: Sie erhöhte am Donnerstag ihren Leitzins von 1,0 auf 1,25 Prozent. Der Euro übersprang unmittelbar nach der Entscheidung die Marke von 1,43 Dollar, sackte aber kurz darauf wieder ab. Die Märkte hatten den Schritt offenbar schon eingepreist. Schon in den vergangenen Wochen hatte die Gemeinschaftswährung in Erwartung der Zinserhöhung kräftig zugelegt. Der höhere Leitzins bedeutet, dass Geldanlagen in der Euro-Zone künftig mehr Rendite abwerfen werden als beispielsweise in den USA oder Japan, wo die Leitzinsen nahe null liegen. Das könnte einen Geldzufluss nach Europa nach sich ziehen.

Eine starker Euro ist ein zweischneidiges Schwert: Er verteuert europäische Produkte auf dem Weltmarkt und hat damit Nachteile gerade für die exportorientierte deutsche Wirtschaft. Zudem werden durch die Zinserhöhung Kredite teurer. Besonders problematisch ist das für hoch verschuldete Staaten wie Griechenland, Irland, Portugal und Spanien. Steigende Zinsen könnten die wirtschaftlichen Probleme dieser Länder verschärfen und weitere Kreditnehmer in die Insolvenz treiben. Auch der Schuldendienst der Bundesregierung verteuert sich durch den Zinsschritt.

Wir geben einen Überblick über Hintergründe und mögliche Folgen der EZB-Entscheidung.

Warum hat die EZB die Zinsen erhöht?

Hauptgrund ist die steigende Inflationsrate im Euro-Raum, die im März 2,6 Prozent erreichte. Damit ist das wichtigste Ziel der Währungshüter gefährdet: Die Preisstabilität. Sie ist laut EZB-Definition dann gewährleistet, wenn die Inflationsrate knapp unter zwei Prozent liegt. Darüberhinaus strebt die EZB schon länger eine Normalisierung ihrer Geldpolitik an, die auf dem Höhepunkt der Finanzkrise stark gelockert wurde. Selbst nach der erwarteten Anhebung um 0,25 Prozent wäre der Leitzins real noch immer negativ. Die meisten Analysten gehen deshalb davon aus, dass die EZB den Referenzsatz bis Jahresende auf zwei Prozent erhöht.

Was bedeutet das für die Banken?

Der Leitzins ist der Satz, zu dem die Banken Kredite von der Zentralbank bekommen. Sie können eine Zinserhöhung aber an ihre Kunden weiterreichen. Das bedeutet: Die Zinsen für Baudarlehen und sonstige Kredite steigen. Umgekehrt müssen die Geldinstitute ihren Kunden allerdings auch mehr Zinsen auf deren Spareinlagen zahlen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Jenseits der Zinserhöhung will die EZB die in der Krise gelockerten Bedingungen für Darlehen an die Geschäftsbanken aber vorerst beibehalten. Konkret: Bei den wöchentlichen Refinanzierungsgeschäften der Zentralbank erhalten die Kreditinstitute zum Zinssatz von künftig voraussichtlich 1,25 Prozent genau die Darlehenssummen, die sie nachfragen. Vor der Finanzkrise wurde eine von der EZB festgelegte Summe unter den Banken versteigert - zum Zuge kamen zuerst die Institute, die einen Zinssatz über dem Leitzins boten. Die großzügige Geldversorgung soll laut EZB-Ratsbeschluss vom März mindestens bis Juni fortgesetzt werden. Damit kommt die Zentralbank vor allem den Kreditinstituten in den hoch verschuldeten Euro-Staaten entgegen. Besonders die kränkelnden irischen Geldhäuser sind auf günstige Kredite der EZB angewiesen, weil andere Banken ihnen praktisch kein Geld mehr leihen. Der Analyst Stephan Rieke von der Privatbank BHF sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die Zinswende könnte für die maroden Institute "rund eine halbe Milliarde Euro" an Mehrkosten bedeuten.

Droht den Unternehmen eine Kreditklemme?

Die deutsche Industrie brummt. Ein moderater Zinsschritt um 25 Basispunkte dürfte nach Ansicht von Experten daher den Aufschwung nicht gefährden. Dafür spricht etwa die gute Auftragslage: Im Februar lagen die Bestellungen um 2,4 Prozent über dem Niveau des Vormonats. Die mit einer Zinserhöhung verbundene Aufwertung des Euro hat für die Unternehmen Vor- und Nachteile. Einerseits reduziert sie die Kosten beispielsweise für den Import von Rohstoffen, weil deren Preise überwiegend in Dollar berechnet werden. Die Kehrseite der Medaille ist, dass sich durch einen stärkeren Euro deutsche Exportwaren auf dem Weltmarkt verteuern. Das könnte die Nachfrage dämpfen. Allerdings gehen 60 Prozent der deutschen Ausfuhren in anderen EU-Staaten, die überwiegend ebenfalls den Euro nutzen. Schmerzhafter könnte eine Zinserhöhung für Unternehmen in Ländern wie Griechenland oder Portugal sein, die in der Rezession stecken. Allerdings ist in diesen Staaten auch die Inflationsrate besonders hoch: In Griechenland lag sie zuletzt bei 4,2 Prozent, in Portugal bei 3,5 Prozent. Real wäre der Leitzins deshalb auch nach einer Erhöhung immer noch negativ. "Das ist zu verschmerzen", zitierte Reuters den Postbank-Chef Volkswirt Marco Bargel.

Welche Folgen hätte eine Zinserhöhung für die Verbraucher?

Für Häuslebauer in Portugal, Spanien oder Irland hat selbst eine moderate Zinserhöhung schmerzhafte Folgen. Während etwa in Deutschland der Zinssatz für Hypotheken auf Jahre oder Jahrzehnte festgelegt wird, sind in diesen Staaten variable Zinsen üblich. Sie werden häufig mindestens einmal jährlich angepasst. Das bedeutet: Wer schon vor Jahren ein Eigenheim erworben hat, muss nach der Leitzinserhöhung für denselben Kredit mehr Geld bezahlen. In den meisten Ländern wirkt sich die Zinserhöhung dagegen nur auf neue Darlehen aus. Fast 100 Prozent der Immobilieneigentümer in Portugal, 90 Prozent in Spanien und immerhin noch gut zwei Drittel in Irland haben variable Zinsen vereinbart. Angesichts der rekordniedrigen Leitzinsen seit Mitte 2008 hätten Hypotheken mit flexiblem Zinssatz zuletzt an Beliebtheit zugelegt, sagte Alessandro Scimarelli von der europäischen Vereinigung der Hypothekenbanken (EMF) der Nachrichtenagentur Reuters. Sollten diese Kreditnehmer durch die Zinserhöhung mit ihren Zahlungen in Rückstand geraten, würde das auch ihre Gläubiger - also die Banken - treffen. Besonders kritisch wäre das für die spanischen und irischen Institute, die schon jetzt unter den Folgen einer Immobilienkrise leiden. Auf der anderen Seite ist die Inflationsrate gerade in den Euro-Krisenstaaten sehr hoch - einzige Ausnahme ist Irland, wo die Teuerung zuletzt bei 0,9 Prozent lag. Gelingt es der EZB, mit einer Zinserhöhung die Inflation zu bremsen, wäre das im Interesse gerade auch der Verbraucher in Spanien, Portugal und Griechenland, von denen viele wegen der Krise ihren Arbeitsplatz oder einen Teil ihres Einkommens verloren haben. Überdies wurden zwecks Abbau der Staatsschulden in diesen Ländern die Steuern erhöht, was die Haushalte zusätzlich belastet.

Steigt die Schuldenlast der Krisen-Staaten?

Die Zinsen auf die Hilfskredite der EU-Kommission und der Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität (EFSF) könnten durch die EZB-Entscheidung steigen. Denn sie hängen unter anderem davon ab, zu welchen Kosten sich die EFSF und das Finanzvehikel der Kommission, EFSM, selbst an den Finanzmärkten refinanzieren können. Insofern ist möglich, das Irland für die nächste Tranche an EFSF-Krediten mehr Zinsen zahlen muss als für die ersten Kredite in Höhe von 10 Milliarden Euro. Auch für Portugal, das als zweites Land unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen will, sind die Kosten der Hilfskredite von Bedeutung. Griechenland ist ein Sonderfall, weil das südosteuropäische Land bilaterale Hilfen von den Euro-Partnern erhält. Entscheidend sind die Risikoaufschläge
Für die Frage, ob Griechenland 2012 wie geplant an die Finanzmärkte zurückkehren kann, spielt die Zinserhöhung praktisch keine Rolle. Für Investitionen in griechische Staatsanleihen fordern Anleger auf dem Sekundärmarkt gegenwärtig Renditen von mehr als zwölf Prozent. Eine Erhöhung des EZB-Leitzinssatzes um einen Viertelprozentpunkt ist vor diesem Hintergrund zu vernachlässigen. Für die Entwicklung der Zinsen auf griechische Staatsanleihen seien vor allem die Risikoaufschläge relevant, und diese würden vor allem "vom Steueraufkommen oder Einstufungen durch Ratingagenturen beeinflusst", meint Postbank-Chefvolkswirt Bargel. Dasselbe gilt nach Einschätzung von Analysten auch für Spanien und Italien, die sich gegenwärtig trotz steigender Kosten noch selbst refinanzieren. Spürbar steigen könnten dagegen die gegenwärtig sehr niedrigen Refinanzierungskosten der Bundesrepublik. Im vergangenen Jahr musste Finanzminister Wolfgang Schäuble nur 4,1 Prozent für die umlaufende Bundesschuld berappen. Sollte die EZB den Leitzins bis zum Jahresende tatsächlich auf zwei Prozent erhöhen, dürfte sich das aber ändern. In seiner jüngsten Finanzplanung prognostizierte Schäuble bereits, dass seine Zinsausgaben von 37 Milliarden Euro auf über 50 Milliarden Euro im Jahr 2015 steigen werden. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen will er von 2011 bis 2015 über 120 Milliarden Euro neue Schulden machen, für die dann neue Zinsen fällig werden. "Und wir haben Vorsorge für den Leitzinsanstieg getroffen", heißt es in seinem Umfeld.

Gefunden in der Onlineausgabe der "Financial Times Deutschland"

FTD

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