Mit diesem Text mache ich mich ziemlich unbeliebt, das ist mir schon klar. Ich schreibe ihn trotzdem, weil mir beim Thema Pflegeversicherung ein paar Dinge am Herzen liegen. Erst recht in der aktuellen Diskussion. Denn nicht nur die Renten- und Krankenkasse laufen allmählich in ein riesiges Finanzproblem hinein, sondern auch die Pflegekasse. Weil viele Menschen immer älter werden und damit auch häufig pflegebedürftig – und weil die Demografie nun mal so ist, wie sie ist: Es gibt immer weniger Junge, die diese Kosten schultern müssen. Schon in den kommenden zwei Jahren fehlen der staatlichen Pflegeversicherung rund 22 Milliarden Euro, errechneten die Wirtschaftsweisen in ihrem Frühjahrsgutachten. Sie empfehlen dringend Reformen.
Für alle drei Systeme mahnten sie umgehenden Handlungsbedarf an. Sonst nämlich stiegen die Sozialabgaben bis 2040 von derzeit gut 40 Prozent auf 50 Prozent des Bruttolohns (wenn man die Anteile von Arbeitnehmern und -Gebern zusammenzählt). Und danach sogar noch weiter auf rund 60 Prozent. Das sei jenseits von Gut und Böse. Die Frage ist also: Wie bekommt man die Pflegekasse wieder in den Griff? Dazu war Gesundheitsministerin Nina Warken vorgeprescht. Sie schlug vor, ab sofort die Beitragssätze für Kinderlose zu erhöhen.
Die Argumentation dahinter lautet: Da Kinderlose ja keinen Nachwuchs in die Welt setzten, der sie später pflegen könne oder durch weitere Beiträge hülfe, die Kosten zu tragen, trügen sie eine größere Mitschuld an der Finanzmisere. Genau diese Annahme bezweifle ich stark. Auch aus eigener Anschauung innerhalb meiner Familie und bei Freunden: Da ist es nämlich so, dass sich gerade die älteren Kinderlosen schon frühzeitig Gedanken machen, wie sie sich für den möglichen Pflegefall wappnen. Sie legen kräftig Geld auf die Seite, schließen Pflegezusatzversicherungen ab oder verkaufen früh ihre Eigentumswohnung und ziehen ins Seniorenheim, wo sie notfalls versorgt werden.
Kinderlose wissen, dass sie sich um Pflege kümmern müssen
Das muss man sich alles erst einmal leisten können, klar. Aber all diesen Menschen ist bewusst, dass sie im Alter nicht auf Kinder oder Enkel zählen können. Deshalb wenden sie bereits viel Geld auf, sich notfalls Hilfe zukaufen zu können. Sie sorgen vor, um sich selbst helfen zu können.
Wer Kinder hat, geht dagegen sicherlich häufiger davon aus, dass er von ihnen schon Hilfe bekommen wird. Das ist ja schön und richtig. Fakt ist aber auch: Oft wohnen die Kinder weit weg, haben anstrengende Jobs, und die volle Pflege können sie im Ernstfall nur in seltenen Fällen leisten. Da sie laut Gesetz erst für die Kosten aufkommen müssen, wenn ihr Gehalt rund 100.000 Euro im Jahr übersteigt, wenden die Pflegekassen also sehr wohl auch für viele Pflegebedürftige mit Kindern viel Geld auf. Studien bestätigen jedenfalls meinen privaten Eindruck: Kinderlose verursachen keine höheren Pflegekosten als Eltern.
Höhere Beiträge zur Bestrafung der Kinderlosen kann man also erwägen, merklich höhere Einnahmen für die Pflegekasse brächten sie aber wohl nicht. Damit wären vielleicht rund eine Milliarde Euro gewonnen. Es fehlen aber 22 Milliarden. Das Problem liege ohnehin ganz woanders, mahnen jetzt die Wirtschaftsweisen: Die Ausgaben für die Pflege seien überhaupt nur deshalb so aus dem Ruder gelaufen, weil es die Pflegereform von 2016 gab. Erst sie führte zu einem drastischen Anstieg der Pflegeausgaben. Bis dahin bewegten sich die Kosten von 1997 bis 2016 etwa auf demselben Niveau. Ab 2017 aber verdoppelten sie sich dann beinahe.
Warum? Weil es eine „Verhaltensanpassung der Bevölkerung gab“, so nennen die Sachverständigen das. Es gab plötzlich fünf Pflegegrade statt nur drei Pflegestufen, und der erste Pflegegrad griff erheblich früher. Es ist seitdem möglich, auch Geld von der Pflegekasse zu bekommen, wenn man noch selbstständig im eigenen Hause lebt, aber regelmäßig ein Einkaufsdienst vorbeikommt, der die Wasserkisten und Milchtüten schleppt. Oder wenn eine Haushaltshilfe die Fenster schrubbt oder den Rasen mäht. Dafür gibt es eine Zuzahlung aus der Pflegekasse.
Muss die Gemeinschaft für die Essenslieferung aufkommen?
Und vor allem deshalb gibt es heute laut Gesetz mehr als sechs Millionen Pflegebedürftige, die eigentlich nur „etwas Hilfsbedürftige“ sind, und übrigens rund sieben Prozent der Bevölkerung ausmachen. Und nicht mehr nur 2,7 Millionen wirklich Pflegebedürftige, wie noch 2016. Die Ausgaben haben sich dadurch mehr als verdoppelt. Wäre es also nicht eine Idee, solche üppigen Leistungen wieder zurückzuschrauben? Denn Hand aufs Herz: Wäre es wirklich so unzumutbar, für diese Dienstleistung selbst zu zahlen? Wir lassen uns täglich Essen und Getränke liefern, viele Familien bezahlen eine Putzkraft. Aber im Alter soll die Allgemeinheit dafür aufkommen? Aus Sicht der Wirtschaftsweisen jedenfalls ist es unfair, die jüngeren Generationen dafür noch stärker in die Pflicht zu nehmen.
Wirklich schwer pflegebedürftig werden zum Glück viel weniger Menschen, als man meint. Rund 840.000 Bundesbürger, das sind etwa 14 Prozent aller Pflegebedürftigen, wurden zuletzt vollstationär in Heimen betreut. Jeder dieser Fälle ist schlimm und eine persönliche Katastrophe. Und das kostet dann auch sehr viel Geld. Bei den Zuzahlungsbeträgen von rund 3500 Euro pro Monat für eine Vollversorgung wird vielen schummrig, denn dafür dürften die allerwenigsten Renten reichen. Lediglich für Beamte stellen sie im Schnitt kein Problem dar. Wie also dieses Geld aufbringen, wenn es wirklich zum Ernstfall kommt?
Man muss es einmal nüchtern rechnen, auch wenn es hart klingt: Es sind rund 42.000 Euro im Jahr. Das ist enorm viel, aber viele Ältere haben auch verhältnismäßig viel gespart. Das Median-Nettovermögen eines Rentnerhaushalts liegt derzeit bei rund 200.000 Euro, jeder zweite besitzt also mehr, die andere Hälfte weniger. Und im Schnitt verbringen Pflegebedürftige drei Jahre im Heim, das bedeutet rund 126.000 Euro. Viel Geld, ja. Aber selbst das wäre für viele machbar. Und wer partout kein Vermögen besitzt, dem springt der Staat ja bei. Genau dafür ist die Pflegeversicherung gedacht. Was sie jedoch nicht sein soll: eine Vollkaskoversicherung, die für sämtliche Pflegekosten aufkommt – durch eine stetig wachsende Umlage der Allgemeinheit –, damit Betroffene gar nichts selbst zahlen müssen.
In dieses Horn stößt nun auch ein Vorschlag der Unionspolitiker, die sagen: Liegt das Geld fürs Pflegeheim nicht in bar auf dem Konto, muss notfalls das Gesamtvermögen angetastet werden, sprich: Das Einfamilienhaus ist zu verflüssigen, wenn es eines gibt. Und wenn Sie mich fragen, dann ist das völlig richtig. Denn wozu bauen Menschen zeitlebens ein Vermögen auf? Doch nicht, um es möglichst komplett an ihre Kinder oder Erben zu übertragen, sondern auch, um im Notfall selbst abgesichert zu sein.
Eigenheim statt Pflegeversicherung
Gelegentlich höre ich, dass Menschen es ungerecht finden, ihre Wohnung verkaufen zu müssen, um das Pflegeheim zu zahlen. Wirklich nachvollziehen kann ich ihn nicht: Natürlich würde man es sich anders wünschen. Jeder würde wohl lieber im Wohneigentum leben bis zum Lebensende. Aber: Was nützt mir die schöne Eigentumswohnung, wenn ich selbst nicht mehr darin wohnen kann, weil ich Pflege brauche? Ist es nicht logisch, dass man sie dann eintauscht, wenn es so weit kommt? Und dass man stattdessen nicht lauter Fremde, Jüngere und Steuerzahler für die eigene Misere zahlen lässt, obwohl man es selbst stemmen könnte?
Wer nun immer noch hartnäckig die Immobilie vererben will, dem sei gesagt: Geht ja trotzdem. Die Erben können für die Pflegekosten auch einen Kredit aufnehmen, das Haus dient als Sicherheit. Dann stottern zwar die Jungen die Kosten für die Pflege ihrer Eltern ab, aber es bleibt wenigstens alles in der Familie. Und landet nicht als stetig steigende Last bei der Allgemeinheit.