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"Die Stunde Null" "Zu viel Angst lähmt eine Gesellschaft": Allensbach-Chefin über die Stimmung der Deutschen

Renate Köcher
Renate Köcher ist Chefin des Instituts für Demoskopie Allensbach
© Wolfgang Kumm/DPA / Picture Alliance
Kaum einer kennt die Seelenlage der Deutschen so gut wie Renate Köcher. Die Allensbach-Chefin registriert den größten Stimmungseinbruch der Nachkriegszeit – aber auch einen außergewöhnlich breiten Konsens. Der allerdings bröckeln könnte.

Die Chefin des Instituts für Demoskopie Allensbach, Renate Köcher, hat in der Corona-Krise den größten Stimmungseinbruch seit Jahrzehnten registriert – aber auch einen seltenen Konsens über die Notwendigkeit des Shutdowns. In der Nachkriegszeit sei die Stimmung der Deutschen sechs bis sieben Mal stark zurückgegangen – etwa während der Ölkrise in den 70er-Jahren, nach dem 11. September 2001 und während der Finanzkrise 2008/2009. "Aber in einem ähnlichen Schockzustand war die Bevölkerung nur während der Korea-Krise Anfang der 1950er Jahre", sagte Köcher im Podcast "Die Stunde Null" im Gespräch mit Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar.

Das komplette Gespräch hören Sie hier:

Auffällig sei auch, wie sehr die Deutschen dazu bereit seien, sich in dieser Lage den Verhaltensregeln zum Schutz anderer zu beugen. Die Allensbach-Chefin plädierte in diesem Zusammenhang  dafür, etwas mehr Vertrauen in die Bevölkerung zu setzen: "Die Disziplin, die an den Tag gelegt wird, ist doch bemerkenswert."

Der Schockzustand habe dazu geführt, so Köcher, dass die breite Mehrheit der Bevölkerung die Maßnahmen der Bundesregierung und den Shutdown unterstützt hat – und auch die Notwendigkeit sieht. Auf der anderen Seite sei der Stimmungsabfall auch nicht ohne Risiko. "Zu viel Angst lähmt eine Gesellschaft und macht sie in Teilen orientierungslos", sagte die Allensbach-Chefin. Sie hoffe, dass die Panik sich nicht zu sehr verfestige. "Für die Bewältigung einer solchen Krise – und bewältigen werden wir sie ja – ist Risikobewusstsein gepaart mit Gelassenheit wichtig. Eine Gesellschaft, die in Panik ist, ist keine solidarische Gesellschaft."

"Über Lockerungen diskutieren"

Die Hälfte der Bevölkerung fürchte eine weltweite Katastrophe. Es gebe diesmal zwei parallele Bedrohungsszenarien – einmal die Angst vor der Infektion, bei der es "keinen Fluchtort" gebe. Und einmal die Angst vor wirtschaftlichen Kollateralschäden, die die Bevölkerung ebenso aufmerksam verfolge.

Die Frage nach dem Exit aus dem Shutdown und den Lockerungen, die seit vergangener Woche immer heftiger geführt wird, sei durchaus wichtig. Die große Mehrheit sehe nach wie vor die Notwendigkeit des Shutdowns, sagte Köcher. Die Mehrheit sei aber auch dafür, sich mit der Frage nach Lockerungsmaßnahmen auseinanderzusetzen. "Die Diskussion über Lockerungen muss geführt werden", sagte Köcher – auch angesichts der ökonomischen Kollateralschäden. Denn die Frage der Öffnung sei wesentlich komplizierter, als einen Shutdown anzuordnen. "Da gab es ja keine große Diskussion, der wurde beschlossen, und es wurde akzeptiert." Der Schaden, der als Begleiterscheinung in Kauf genommen werde, werde nun mit jedem Tag größer.

Ob der breite Konsens in der Bevölkerung, der in dieser Form selten sei, und die hohen Zustimmungswerte für die Regierung anhalten, hänge auch von der Debatte über die Lockerung ab. Wenn also klar wird, wie groß die wirtschaftlichen Schäden für bestimmte Gruppen sind und welche Perspektiven man ihnen bieten kann. Köcher machte auch deutlich, dass nicht alle gleich von den bisherigen Maßnahmen finanziell betroffen seien – Rentner und Pensionäre etwa nicht, auch die Beamten und das Handwerk nicht. Die Krise treffe vor allem die kleinen Selbstständigen. Die große Mehrheit sei zwar besorgt über die wirtschaftlichen Auswirkungen, fühle sich aber noch nicht unmittelbar bedroht.

Im neuen Podcast "Die Stunde Null – Deutschlands Weg aus der Krise" spricht Capital-Chefredakteur Horst von Buttlar mit Menschen, die die Corona-Krise und ihre wirtschaftlichen Folgen hautnah erleben. Alle Folgen finden Sie bei Audio Now, Apple Podcasts, Deezer, Soundcloud und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Nehmen Sie die Feed-URL und fügen Sie "Die Stunde Null" einfach zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

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