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Stimmungsbild in Deutschland Impfpflicht hin oder her: Angst vor Spaltung der Gesellschaft größer als vor Corona-Infektion

Demonstration von Mitarbeitern im Gesundheitswesen gegen eine Impfpflicht
Demonstration gegen eine Impfpflicht in Greifswald: Umfragen zufolge wächst das Verständnis für Proteste gegen Corona-Maßnahmen in der Gesellschaft.
© Stefan Sauer / DPA
Der Bundestag diskutiert eine Impfpflicht, Experten sehen mit Omikron ein mögliches Ende der Pandemie aufscheinen. Doch das Gros der Deutschen erwartet keine Besserung in diesem Jahr. Die Angst angesichts der negativen Entwicklung der Gesellschaft ist größer als die vor einer Ansteckung.

Eines machen aktuelle Umfragen schnell deutlich: Das Gros der Deutschen ist mürbe, nach zwei Jahren Corona-Pandemie herrschen Frust und Pessimismus in der Gesellschaft. Selbst der vagen, aber immerhin vorhandenen Aussicht, dass sich durch die sich schnell ausbreitende, aber meist milde Krankheitsverläufe verursachende Omikron-Variante ein Ende der Pandemie ankündigen könnte, kann die Stimmungslage offenbar nicht aufhellen. Ob der Bundestag, der an diesem Mittwoch erstmals das Thema debattiert, letztlich eine Impfpflicht beschließen wird oder nicht, spielt für die Stimmungslage schon keine Rolle mehr.

Ohnehin scheint die Zustimmung zum verpflichtenden Piks zu schwinden. Zwar ist mit rund 61 Prozent eine große Mehrheit laut repräsentativer Civey-Umfrage für den "Spiegel" immer noch dafür, doch die Zustimmung ist um rund zehn Prozentpunkte gefallen. Mit 35 Prozent ist inzwischen schon mehr als ein Drittel der Befragten dagegen. Dass unter den Unterstützern von SPD und Grünen die meisten für eine Impfpflicht plädieren (um die 80 Prozent) ist ebenso wenig überraschend wie die größte Skepsis unter FDP- (32 Prozent) und AfD-Anhängern (neun Prozent).

Impfpflicht-Debatte: 82 Prozent sehen negative Entwicklung der Gesellschaft

Offenbar unabhängig davon, ob sie einer Impfpflicht positiv gegenüber stehen oder nicht, ist eine deutliche Mehrheit der Deutschen sicher, dass eine verpflichtende Immunisierung gegen das Coronavirus die Gesellschaft weiter spalten wird. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur (DPA) vertreten 62 Prozent der Befragten diese Auffassung. 26 Prozent sehen die Gefahr einer weiteren Spaltung dagegen nicht, 12 Prozent machen keine Angaben. 79 Prozent sagen zudem, die Gesellschaft sei jetzt – zwei Jahre nach Beginn der Corona-Pandemie – ohnehin in Geimpfte und Ungeimpfte gespalten. Nur 15 Prozent sind der Meinung, dass dies nicht der Fall ist.

Das passt zu einer geradezu niederschmetternden Einschätzung über die generelle Entwicklung unserer Gesellschaft während der Corona-Zeit, die eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" offenbart. Demnach sind 82 Prozent der Befragten der Ansicht, dass sich die Gesellschaft in den vergangenen zwei Jahren zum Negativen verändert hat. Lediglich ein Prozent der Deutschen kann der repräsentativen Befragung zufolge eine positive Entwicklung erkennen. Nichts ist demnach von dem Glauben aus der Anfangsphase der Pandemie geblieben, die Ausnahmesituation werde die Menschen zusammenschweißen. Stattdessen habe sich ein Trend, der schon Ende des ersten Pandemiejahres zu erkennen war, verstärkt: Die Gesellschaft wird als kälter und mehr von Egoismus und Aggressivität geprägt wahrgenommen. Die anhaltende Einschränkung der eigenen sozialen Kontakte und die Wahrnehmung der Mitmenschen als potenzielle Virusträger und damit als Risikofaktoren zeigt Wirkung. Klagen über Einsamkeit haben laut der Umfrage auch in der mittleren Generation signifikant zugenommen – es fehlen nicht nur die privaten, sondern auch die beruflichen Kontakte.

Angst vor Ansteckung oder wirtschaftlichen Folgen geringer

Was die Menschen laut der Allensbach-Umfrage zudem besonders nervt, ist die Omnipräsenz des Corona-Themas. 63 Prozent der Befragten fühlen sich dadurch belastet, "dass Corona in fast allen Gesprächen das beherrschende Thema ist". Viele Alltags-Gespräche hätten dadurch ein Konfliktpersonal; vor allem wenn das Impfen zur Sprache komme. 59 Prozent der Deutschen haben das Gefühl, bei dem Thema vorsichtig sein zu müssen, jeder Dritte glaubt in diesem Zusammenhang gar, die eigene Meinung weniger frei äußern zu können als vor der Pandemie. Eine Mitschuld wird in diesem Zusammenhang auch den Medien gegeben. Viele empfinden die Dominanz der Themas in der Berichterstattung inzwischen vor allem als kontinuierlichen Alarmismus. Waren zu Beginn der Pandemie noch 47 Prozent von einer wahrheitsgetreuen Berichterstattung überzeugt und beklagten 23 Prozent eine Panikmache, hat sich dieses Verhältnis inzwischen nahezu umgedreht (28 zu 46 Prozent), schreibt Allensbach-Geschäftsführerin Renate Köcher in der "FAZ".

Die Unsicherheit über die weitere Entwicklung, die fehlende Antwort darauf, wann die Pandemie und damit die Einschränkungen des alltäglichen Lebens enden, ist für das Gros der Deutschen den Umfragen zufolge zunehmend unerträglich. 68 Prozent haben daher den Eindruck, in besonders unsicheren Zeiten zu leben – mehr als beispielsweise nach der Migrationskrise 2015/16. Dass man noch in diesem Jahr zu einem normalen Alltag zurückkehren könne, glauben dementsprechend nur 24 Prozent (sechs "in einigen Monaten", 18 "im zweiten Halbjahr 2022"). 70 Prozent der Deutschen sind sich laut der Allensbach-Umfrage dagegen sicher, dass es noch länger dauern wird – vor einem Jahr waren es 57 Prozent. Die allgemeine Frustration erzeugt auch mehr Verständnis für Proteste gegen die Corona-Maßnahmen. Gut ein Viertel der Bevölkerung (26 Prozent) zeigt inzwischen Verständnis für die Demonstrationen, der Anteil derer, die sich vorstellen können, sich an Protestzügen zu beteiligen, ist von sechs auf jetzt zwölf Prozent deutlich gestiegen.

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Teaserbild: John MacDougall/AFP

Hoffnung auf die Wende von Pandemie zu Endemie

"Sollte die derzeitige Infektionswelle die erhoffte Wende von der Pandemie zur Endemie bringen, wird das die Stimmungslage von Grund auf ändern", glaubt Demoskopin Köcher. Doch was wenn nicht? Die Politikerinnen und Politiker, die ihr Augenmerk derzeit vor allem auf die Impfpflicht legen, müsste ein Ergebnis der Allensbach-Umfrage besonders aufhorchen lassen. Vor der negativen Entwicklung der Gesellschaft haben mehr Menschen Angst als vor einer Infektion mit Corona oder den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Das Vertrauen, dass die neue Bundesregierung bei der Bekämpfung der Pandemie große Fortschritte machen wird, sei derzeit trotz der großen Popularität von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) allerdings gering. Ohnehin gelte, so Köcher: "Viele soziale Folgen werden noch lange nachwirken." Für die Gesellschaft wäre demzufolge nach dem Ende der Pandemie Corona also noch lange nicht überwunden.

Quellen: "Der Spiegel", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", Nachrichtenagentur DPA


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