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Ländervergleich: So geht's, Herr Schröder!

Lernen von den Holländern: Sie zahlen weniger für die Rente ein und bekommen im Alter deutlich mehr raus - dank des "Cappuccino-Modells". Ein Vorbild für die Reformstau-Republik Deutschland.

Rafael Labisch, 31, Ingenieur bei Siemens in Duisburg, ist enttäuscht. 18,25 Prozent seines Bruttogehalts gehen durch Rentenbeiträge und indirekte Steuerzuschüsse für die Altersvorsorge drauf. Mit 65 Jahren erhält er nach heutigem Stand ein Ruhegeld in Höhe von 45 Prozent seines jetzigen Einkommens. Sjoerd Feitsma, 30, Ingenieur bei Siemens in Den Haag, ist zufrieden. Er zahlt 16,9 Prozent seines Monatslohns in die Rentenkasse AOW und den Siemens-Pensionsfonds ein. Sein gesicherter Anspruch: 82 Prozent seines jetzigen Gehalts. Weniger Beitrag, mehr Ruhegeld - glückliche Niederländer.

Cappuccino nennen sie ihre Rente genussvoll, weil sie sich - bildlich gesprochen - aus Kaffee, Milchschaum und Schokopulver zusammensetzt. Der Kaffee steht für die staatliche Grundversorgung AOW, die jeder Einwohner ab 65 Jahren erhält - auch wenn er nie einen Beruf gehabt hat oder Ausländer ist. Er muss nur in den Niederlanden gelebt haben. Der Milchschaum symbolisiert die Betriebsrente, die fast alle ehemaligen Beamten, Angestellten und Arbeiter beziehen. Und als Schokopulver gilt die private Vorsorge, etwa eine private Lebensversicherung, die das Alter versüßt. Wer volle 40 Jahre jobbt, erhält allein durch AOW und Betriebsrente, die für Arbeitnehmer obligatorisch sind, 70 Prozent seines letzten Bruttogehalts als lebenslange Rente.

Das Cappuccino-Modell funktioniert, weil über die Hälfte der niederländischen Renten am Kapitalmarkt erwirtschaftet wird, der über Zinsen, Dividendenzahlungen und mögliche Kurssteigerungen von Aktien das eingezahlte Geld wachsen lässt. Gerade mal 48 Prozent der Pensionsleistungen muss die staatliche AOW aufbringen, ein umlagefinanzierter Rententopf, in den die Erwerbstätigen und der Staat einzahlen. Das Beste: Selbst in der Wirtschafts- und Börsenkrise erweist sich das System als stabil.

Das Vermögen der fast tausend holländischen Pensionsfonds ist in den vergangenen drei Jahren zwar um 13,5 Prozent auf 424 Milliarden Euro gesunken. Doch nur jeder zehnte Fonds lief bislang Gefahr, den staatlich geforderten Deckungsgrad von 105 Prozent zu unterschreiten. 100 Prozent Deckungsgrad bedeutet, sämtlichen Pensionsverpflichtungen schlagartig nachkommen zu können - ein theoretischer Wert. Nur ganz wenige Fonds mussten die Beiträge erhöhen. Andere Gruppenversicherungen stehen nach wie vor prächtig da: Die der Frisöre weist 134 Prozent Deckungsgrad auf und die der Lebensmittelbranche gar 150 Prozent. Angesichts der wachsenden Überalterung der Gesellschaft hat die niederländische Regierung im Jahr 2000 den AOW-Sparfonds gegründet. In diesen zahlt der Staat bis 2020 rund 66 Milliarden Euro ein. Damit fühlt man sich für die "Rentner-Schwemme" gewappnet.

In Deutschland spielen renditeträchtige Wertpapiere für die Altersversorgung immer noch eine geringe Rolle. Was in die Kasse hineinkommt, wird gleich an die Rentner wieder ausgezahlt. Ruheständler leben zu 85 Prozent von der Staatsrente, die nicht nur - wie in Holland - Arbeitnehmer und Fiskus füllen, sondern auch die Arbeitgeber. Dass Vater Staat die hiesigen Pensionäre schon schützen wird, ist allerdings ein Irrglaube. Laut einer Untersuchung der Bertelsmann Stiftung überschätzt jeder vierte Deutsche seinen Rentenanspruch um mehr als 50 Prozent.

Der Rententopf, als Idee im vorletzten Jahrhundert von Bismarck geboren, hat sich in ein Fass ohne Boden verwandelt. 28 Millionen Beitragszahler müssen heute 19,2 Millionen Rentner finanzieren. Der Staat schießt jährlich aus Steuern rund 4.003 Euro pro Rentner hinzu. Experten fürchten, dass Arbeitnehmer schon in wenigen Jahren bis zu 40 Prozent ihres Einkommens für Rentenbeiträge und Steuerzahlungen aufbringen müssen, um alle Rentner zu versorgen.

"Das deutsche Rentensystem ist eine Zeitbombe", warnt Walter Capellmann, Deutschland-Chef des niederländischen Versicherungskonzerns Aegon. "Es ist höchste Zeit für Reformen." Sonst übersteigt die Rentenlast im Jahr 2050 das heutige Bruttosozialprodukt, wie Aegon ermittelt hat. Das Deutsche Institut für Altersversorgung (DIA), das von der Deutschen Bank getragen wird, hält die Regierungsprognosen zur Bevölkerungsentwicklung, Lebenserwartung und Erwerbstätigkeit für viel zu optimistisch. Laut DIA müssen im Jahr 2030 rund zehn Erwerbstätige elf Pensionäre ernähren. Kanzler Gerhard Schröder kalkuliert mit nur acht Ruheständlern.

Noch ist von der bedrohlichen demografischen Entwicklung wenig zu spüren. Doch das Unheil naht. "Die Auswirkungen werden uns etwa ab 2025 heftig treffen", sagt BDI-Chef Michael Rogowski. Um die deutsche Rente zu sichern, müsse sie vom Kapitalmarkt gestützt werden. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt glaubt: Die Niederlande können "bei der unverzichtbaren Neugewichtung Vorbild sein".

Wie das gelingen kann, hat der renommierte Mannheimer Wirtschaftsprofessor Axel Börsch-Supan ausgerechnet. Sein Umstellungsfahrplan klingt einfach: Ab 2010 gilt eine neue Mischrente. Sie wird nicht mehr wie heute zu 85 Prozent über ein Umlageverfahren, sondern zu mindestens einem Drittel über den Kapitalmarkt aufgebaut. Bis dahin läuft die Rentenversorgung wie gehabt weiter. Arbeitgeber, Gewerkschaften und Arbeitnehmer haben Zeit, Gruppenfonds wie in Holland zu gründen, die unkomplizierter und billiger zu verwalten sind als die Riester-Rente, und darin Kapital mit Rendite-Effekt anzusparen. 2010 friert der Staat dann den Beitragssatz zur staatlichen Rentenversicherung auf dem heutigen Niveau ein und schießt der Rentenkasse keine Steuergelder mehr zu. Rentenlücken werden fortan nur aus den Betriebsfonds gefüllt.

Die Vorteile der Mischrente: Die Lohnnebenkosten steigen nicht, das derzeitige Versorgungsziel von 70 Prozent des letzten Nettolohns bleibt erhalten, und der Staat muss kaum mehr eingreifen. Die Kosten für die Umstellungsphase tragen die Geburtsjahrgänge 1948 bis 1960. Die Last ruht laut Börsch-Supan damit auf den richtigen Schultern: Diese Jahrgänge hätten schließlich zu wenig Kinder in die Welt gesetzt und das anstehende Rentendilemma zu verantworten. Außerdem müssten sie maximal 35 Euro pro Monat zusätzlich zahlen - ein Klacks verglichen mit der Beitragsexplosion, die sie ohne eine Reform träfe. Die Jahrgänge ab 1961 sparen nach Börsch-Supans Berechnung sofort.

Mit einer gesetzlichen Kontrolle wie der niederländischen könnte zudem verhindert werden, dass sich betriebliche Rentenfonds ruinieren. Auf deutschen Unternehmen, die eine eigene Altersversicherung anbieten, lasten rund 330 Milliarden Euro Pensionsverpflichtungen - davon ist laut Expertenschätzung nur noch ein Drittel gedeckt. Konzerne wie Siemens oder Lufthansa garantieren ihrer Belegschaft feste Renten aus dem Betriebsfonds. Das eingezahlte Geld investieren sie allerdings nicht am Kapitalmarkt, sondern stecken es meist ins eigene Unternehmen - was in Holland nicht der Fall ist - und zahlen die Renten aus dem laufenden Geschäft. Das ist riskant: Umsatzflauten und Personalabbau gefährden die Methode.

Die niederländischen Assekuranzen stehen in den Startlöchern. Gern würden sie das Cappuccino-Modell nach Deutschland exportieren - ein Milliardenmarkt. Und ein gutes Geschäft für die Rentner von morgen.

Rolf-Herbert Peters, Mitarbeit: Albert Eikenaar

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