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Trotz Gesundheitsfonds: Lohnt der Kassenwechsel?

Mit dem neuen Gesundheitsfonds gilt nun für alle gesetzlich Versicherten der gleiche Beitragssatz. Doch lohnt sich nun ein Kassenwechsel überhaupt noch? Und worauf kommt es nun bei der Wahl der "richtigen" Kasse an? stern.de beantwortet die wichtigsten Fragen.

Von Lenz Jacobsen

Ein Satz für alle: Seit Jahresanfang liegt der Einheitstarif für alle gesetzlich Krankenversicherten bei 15,5 Prozent des monatlichen Bruttolohnes - egal, bei welcher Kasse. Diese "Gleichmacherei" ist Folge des Gesundheitsfonds, der neuerdings sämtliche Versicherungsbeiträge verwaltet und an die Kassen weitergibt. Ziel der Politik ist es, die Kassen vergleichbarer zu machen und so den Wettbewerb zwischen ihnen zu steigern. Wenn man überall das Gleiche zahlen muss - so der Gedanke - wählt man die Kasse eher nach ihrer Leistung aus. Und nicht mehr nach dem niedrigsten Beitrag, wie bisher so oft.

Bisher wurden Beiträge verglichen

Doch für die Versicherten bedeutet die neue Regelung erst einmal eine neue Unübersichtlichkeit. Kai Vogel, Experte bei der Verbraucherzentrale NRW, erklärt: "Die Menschen hatten sich daran gewöhnt, die Beitragssätze zu vergleichen, wenn sie über einen Kassenwechsel nachgedacht haben."

Übersichtlicher, so Vogel, sei das System durch den Gesundheitsfonds deshalb nicht unbedingt geworden.

Wer jetzt die wirklich beste Kasse für sich finden will, muss noch viel genauer hinschauen. stern.de hilft dabei.

Lesen Sie im nächsten Serien-Teil: Die beste Krankenkasse für jeden Typ - mit Fallbeispielen

Sind die Leistungen bei allen Kassen gleich?

Zuerst eine Entwarnung: Niemand muss sich Sorgen machen, dass seine Kasse plötzlich nicht mehr zahlt, wenn er oder sie krank wird. "90 bis 95 Prozent der Leistungen sind auch weiterhin gesetzlich vorgeschrieben", sagt Verbraucherschützer Kai Vogel. Besuche beim Haus- und Facharzt, Krankenhausaufenthalte, Medikamente - für all das zahlen die Kassen auch weiterhin. Alles was darüber hinausgeht, die so genannten "Satzungsleistungen", können die Kassen selbst bestimmen. Geht es nach der Politik, sollen sie hier durch besondere Angebote neue Versicherte gewinnen. Mit Naturheilkunde, speziellen Leistungen für Familien, besserer Versorgung chronisch Kranker.

Noch sind die Kassen vorsichtig

Doch noch sind die Leistungen der Kassen sehr ähnlich: "Eine Reiseschutzimpfung hier, eine Vorsorgeuntersuchung dort, das macht noch nicht den großen Unterschied", hat Kai Vogel beobachtet. Er rechnet auch nicht damit, dass sich das so schnell ändern wird: "Die Kassen sind sehr vorsichtig mit neuen Leistungen, denn sie müssen erstmal zusehen, dass sie im neuen System mit ihrem Geld all das bezahlen können, was sie bisher schon anbieten." Mit der Spezialisierung der Kassen ist es also (noch) nicht weit her.

Umso wichtiger sind die Beratung und der Service. "Da liegen momentan die wirklichen Unterschiede", so Vogel. Wie gut geht die Kasse auf mich ein? Wie schnell beantwortet sie meine Anfragen? Wer die Servicequalität einer Kasse vor dem Wechsel testen will, der sollte einfach mal die Hotline anrufen - kurze Warteschleifen sind schon mal ein gutes Zeichen.

Darf ich wechseln, wenn ein Zusatzbeitrag erhoben wird?

Klare Antwort: ja! Noch zahlen zwar alle Versicherten den gleichen Beitragssatz, doch das wird sich spätestens dann ändern, wenn die erste Kasse mit dem ihr zugewiesenen Geld nicht mehr auskommt und von ihren Mitgliedern mehr Geld verlangt, einen Zusatzbeitrag also. Für diesen gelten strenge Regeln: Er darf maximal ein Prozent des Einkommens betragen. Bei einer Beitragsbemessungsgrenze (bis dahin werden Beiträge erhoben) von derzeit 3675 Euro sind das also maximal 36,75 Euro im Monat. Für Ehepartner oder Kinder, die beitragsfrei mitversichert sind, wird dieser Obolus nicht fällig.

Erster Kasse droht Abwanderungswelle

Wenn die Kasse einen Zusatzbeitrag von ihren Versicherten einkassieren wollen, müssen sie das einen Monat vorher ankündigen. Diese haben dann das Recht - die neue Gesetzesregelung sieht das ausdrücklich vor - sofort die Kasse zu wechseln. Die normalen Kündigungsfristen gelten nicht mehr. Deshalb ist die Angst vor einem Zusatzbeitrag unter den Managern so groß: Welche Kasse auch immer diesen Schritt als erste gehen müsste, ihr würde wohl eine wahre Abwanderungswelle drohen.

Was bedeutet der Gesundheitsfonds für Geringverdiener?

Bezieher von Sozialhilfe sind vor einem möglichen Zusatzbeitrag ihrer Kasse geschützt, dies übernimmt das Sozialamt für sie.

Geringverdiener, die keine Sozialhilfe beziehen, könnten hingegen Opfer des Acht-Euro-Tricks werden. Und der funktioniert so: Normalerweise gilt für den Zusatzbeitrag, den Kassen von ihren Versicherten verlangen können, eine Obergrenze von einem Prozent des Einkommens. Wer also monatlich 1500 Euro verdient, dem dürfen maximal 15 Euro zusätzlich abgeknöpft werden. Doch diese Regelung greift nicht bei Zusatzbeiträgen bis acht Euro. Soviel kann die Kasse verlangen, ohne das Einkommen des Versicherten zu prüfen. Bedeutet im Klartext: Auch wer beispielsweise nur 400 Euro im Monat verdient, kann zu ein einem Zusatzbeitrag von acht Euro, also zwei Prozent des Einkommens, verdonnert werden.

Allerdings gilt: Bei einem Zusatzbeitrag haben auch Geringverdiener ein Sonderkündigungsrecht und können sofort wechseln

Was sind Wahltarife?

Wahltarife sind Sonderprogramme, die man mit seiner Kasse abschließt. Wer sich für einen Wahltarif entscheidet, bindet sich für drei Jahre an seine Kasse, gibt also Flexibilität auf. Doch das kann sich lohnen.

"Hier", sagt Gesundheitsexperte Vogel, "findet der richtige Wettbewerb zwischen den Kassen statt." Denn mit den richtigen Wahltarifen können Versicherte auch trotz des Einheitssatzes ordentlich Geld sparen.

Welche Wahltarife gibt es?

Wahltarif mit Rückerstattung: Wer ein ganzes Jahr lang nicht zum Arzt geht, Vorsorgeuntersuchungen ausgenommen, der bekommt von seiner Kasse bis zu einem Monatsbeitrag zurück überwiesen - Gesundheit soll belohnt werden. Doch Verbraucherschützer Vogel ist skeptisch: "Das lohnt sich, wenn überhaupt, nur für junge und gesunde Menschen, alle anderen sollten davon die Finger lassen." Er sieht auch die Gefahr, das Krankheiten verschleppt werden, nur um in den Genuss der Rückerstattung zu kommen. "Wer im November oder Dezember erkrankt, der denkt sich vielleicht: Bis Januar halte ich jetzt auch noch durch, ohne zum Arzt zu gehen."

Auch die

Wahltarife mit Selbstbeteiligung

sind vor allem für Menschen mit einer robusten Gesundheit geeignet. In der privaten Krankenversicherung gibt es dieses Modell schon lange. Der Versicherte übernimmt bis zu einem bestimmten Betrag Behandlungs- und Medikamentenkosten selbst. Dafür muss er seiner Kasse aber nur einen geringeren Beitrag zahlen. Wichtig hierbei: Patienten müssen nie einen bestimmten Prozentsatz der Kosten übernehmen, sondern immer nur einen bestimmten Betrag, maximal 50 Euro. Das verhindert, dass unerwartete und sehr teure Behandlungen den Versicherten in den Ruin treiben können.

Daneben zwingt der Staat die Kassen dazu, mindestens

drei weitere Wahltarife

anzubieten: Ein Programm für chronisch Kranke, ein Hausarztmodell, bei dem der Hausarzt quasi als Lotse die Behandlungen koordiniert, und ein Wahltarif, der die Zusammenarbeit zwischen Arztpraxen, Krankhäusern und beispielsweise Krankengymnasten oder anderen Spezialisten verbessern soll.

Darüber hinaus, so Experte Vogel, gibt es "noch einen ganzen Haufen weitere Kombinationen dieser Tarife. Wer da durchsteigen will, muss sehr genau ins Kleingedruckte schauen."

Für wen lohnen sich Wahltarife?

Heikel ist allerdings sowohl am Selbstbeteiligungs- als auch am Rückerstattungsmodell, dass der eigene Körper unberechenbar ist. Wer am Jahresanfang kerngesund einen Selbstbeteilungstarif abschließt, kann am Jahresende unerwartet schwer erkranken und ordentlich draufzahlen. Für Kai Vogel von der Verbraucherzentrale sind diese Tarife deshalb "eine Wette auf die Gesundheit".

Ein weiterer Nachteil ist die Verpflichtung, drei Jahre bei einer Kasse zu bleiben. Gerade jetzt, direkt nach der großen Reform, kann diese mangelnde Flexibilität schmerzen. Die Tarife, Kosten und Leistungen müssen sich erst noch einspielen, in den nächsten drei Jahren kann sich in der Kassenlandschaft einiges ändern. Wer in einem Wahltarif feststeckt, kann darauf nicht reagieren.

Trotzdem: Gerade für Leute, die genau wissen, was sie wollen, kann ein individueller Wahltarif eine sehr gute Lösung sein - vorausgesetzt, man findet ihn im Dschungel der Angebote.

Wo kann ich mich weiter informieren?

"Erster Ansprechpartner sollten immer die Krankenkassen selbst sein", sagt Verbraucherschützer Vogel. "Dort kann man sich genau und ausführlich über die Leistungen und Tarife informieren."

Die Verbraucherzentralen selbst beraten Wechselwillige und auch alle anderen Versicherten und helfen bei der Suche nach einem geeigneten Angebot.

Darüber hinaus vergleicht die Stiftung Warentest immer wieder und ausführlich die Leistungen einzelner Kassen und Tarife. Auf www.test.de gibt es die kompletten Ergebnisse gegen eine Gebühr als Download.

Im Netz haben sich auch etliche Vergleichsportale etabliert, sie können vor allem helfen, die Kosten der einzelnen Tarife direkt miteinander zu vergleichen. Für 3,90 Euro bekommt man z.B. vom Anbieter Kankenkassen-Kompass eine auf die persönliche Lebenssituation zugeschnittenen Vergleich.