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2. September 2008, 12:05 Uhr

Frustabbau im Straßenverkehr

Die Wut in der Gesellschaft wächst. Das spiegelt sich auch auf Fahrbahn, Radweg und Bürgersteig wieder, sagt Verkehrspsychologe Dr. Klaus-Peter Kalwitzki. Ein Ausweg aus der Misere könnten Shared Space-Projekte sein, die Kommunikation und Rücksichtnahme erzwingen. Von Christoph M. Schwarzer

Im Stau gehen schnell die Nerven durch© Daniel Roland/AP

Die Berliner Polizei hat mit immer mehr aggressiven und rüpelhaften Radfahrern zu kämpfen. Welche Ursache sehen Sie dafür?

Es kommen mehrere in Frage. Eine wäre ein genereller Anstieg von Aggressionen bei allen Verkehrsteilnehmern, der besonders bei Radfahrern auffällt. Da müsste man zuerst sauber vergleichen: Gibt es diesen Trend auch bei Autofahrern? Der Verdacht liegt nahe, dass sich hier die gestiegene Rücksichtslosigkeit und mehr aggressives Verhalten in der Gesellschaft widerspiegeln. Aber es gibt noch einen weiteren, für Fahrradfahrer spezifischen Grund.

Welchen denn?

Die Frustrationen, die gerade Radfahrer hinnehmen müssen, sind hoch. Sie sehen sich schlecht berücksichtigt. Oft ist die Verkehrsführung unklar, zum Beispiel bei Baustellen, oder Radwege enden im Nichts. Nach dem Krieg sind unsere Städte vor allem an den Bedürfnissen der Kraftfahrer aufgebaut worden. Radfreundliche Städte wie Münster sind die Ausnahme. Zurück zur Frustration. Die führt häufig zu Aggression und Gewalt, weil man sich gegen diese Umstände ohnmächtig auflehnt, und dann kommt ein Egal-Gefühl: Ich werde hier sowieso nicht bedacht, jetzt mache ich, was ich will.

Verhalten sich Menschen auf dem Rad anders als im Auto?

Das ist tatsächlich möglich. Die erhöhte Sitzposition auf dem Sattel kann zu einem Überlegenheitsgefühl im Sinn eines Lonesome Cowboys oder Fighters führen. Ich erinnere an den so genannten Autogeher Michael Hartmann, der sich selbst so verstand: In innerer und äußerer Abwehr gegen die Dominanz des Autos. Eine ähnlich kämpferische Haltung ist auch bei Radfahrern denkbar.

Die meisten Menschen kennen sich in unterschiedlichen Rollen: Als Autofahrer, als Radler oder beim Schieben des Kinderwagens. Führt ein Seitenwechsel zu einem anderen Verhalten?

Eigentlich sollten bereits Kinder ab einem bestimmen Alter in der Lage sein, sich in andere hineinzuversetzen. In der Realität des Erwachsenen dauert es aber sehr lange, bis beim Wechsel zum Beispiel vom Auto auf den Fußweg der innere Blickwinkel verändert wird. Normalerweise sieht sich ein Autofahrer, der zu Fuß geht, immer noch als Autofahrer. Er hat eine verzerrte Wahrnehmung. Das ändert sich erst bei einem längeren Wechsel. Ein mehrwöchiger Autoverzicht kann da Wunder wirken.

Mehrere deutsche Städte planen Shared Space-Projekte, in denen sich alle Verkehrsteilnehmer ohne Schilder, Ampeln und Linien den Raum teilen müssen. Wie kann das angesichts der alltäglichen Aggressionen gut gehen?

Die Praxis aus den Niederlanden und dem deutschen Ort Bohmte zeigt, dass es funktioniert und die Unfallzahlen deutlich sinken. Es gibt bei Shared Space zwangsläufig eine Situation, in der man sich einigen muss. Automatisch entsteht viel mehr Kommunikation, und das führt zu besserem gegenseitigen Verständnis. Ich glaube auch, dass mehr aktive Kommunikation generell zu mehr Frieden auf den Straßen führen würde.

Kann eigentlich jeder zum Verkehrsrowdy werden?

Nein, so krass würde ich das nicht formulieren. Aber mancher ist schneller dabei, als er denkt. Z.B. können schwierige Lebenssituationen, etwa wenn man unter Druck steht, auch zu vermehrten Verkehrsverstößen führen. Es gibt immer einen Zusammenhang zwischen Verkehrs- und sonstigem Alltagsverhalten: Wer sich in der Schlange beim Bäcker vordrängelt, macht das auf der Autobahn genau so – oder aber genau entgegengesetzt, ist total schüchtern und kriegt die Zähne nicht auseinander. Einen allgemeinen Typus des Verkehrssünders gibt es dabei nicht.

Welchen Ausweg gibt es aus dem Unfrieden auf der Straße?

Viel wäre erreicht, wenn sich jeder bewusst wird über sein eigenes Verhalten und versucht, sich in den anderen hineinzuversetzen. Darüber hinaus sind die Planer gefordert: Die baulichen Voraussetzungen in Stadt und Land dürfen in Zukunft weniger einseitig am Auto ausgerichtet werden.

Tipps gegen den Krieg auf der Straße

Natürlich glaubt jeder, aggressiv seien immer nur die anderen. Aber Gelassenheit fängt bei einem selbst an.

Werden Sie sich ihres eigenen Verhaltens bewusst.

Versuchen Sie, sich in anderen hineinzuversetzen.

Machen Sie tatsächlich mal einen Seitenwechsel vom Auto aufs Fahrrad oder auf den Gehweg.

Tragen Sie emotionalen Druck nicht in den Straßenverkehr.

Kommunizieren Sie aktiv und direkt mit anderen, zum Beispiel durch Handzeichen.

Zur Person

Zur Person Dr. Klaus-Peter Kalwitzki ist Verkehrspsychologe in Mülheim/Ruhr und Vorstandsmitglied bei der Beratungs- und Schulungsorganisation AFN. Außerdem gibt er die Fachzeitschrift VERKEHRSZEICHEN heraus. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Sicherheit und Umweltverträglichkeit des Verkehrs. www.das-verkehrsbuero.de

Von Christoph M. Schwarzer
 
 
KOMMENTARE (10 von 18)
 
Eisenbaer (03.09.2008, 19:02 Uhr)
Radfahrersyndrom
Nach oben ducken, nach unten treten. Manche Leute denken einfach in Hierarchien:
1. Lkw-, Bus-, Strassenbahnfahrer
2. Pkw- und Lieferwagenkutscher
3. Moppedlenker
4. Fahrradfahrer
5. Fußgänger
Einer gönnt dem anderen nicht den notwendigen Verkehrsraum und drangsaliert den vermeintlich unter ihm stehenden. Die Fahrradfahrer als vermeintlich vorletzte in der Rangliste tun ihr Möglichstes um die "noch unter ihnen stehenden" Fußgänger zu drangsalieren...

Kiezzabel (02.09.2008, 17:58 Uhr)
logisch, susi
wenn ich vom Fahrradweg nach links schaue, um zu sehen, ob das Auto neben mir den rechten Blinker gesetzt hat, und sehe dass er es nicht getan hat, rechne ich selbstverständlich damit, dass er rechts abbiegen wird.
Tue ich das nicht, und er biegt links ab ist dies das Ergebnis:
- Das Auto hat ein paar Schrammen, der Fahrer einen Schreck
- Wenn ich Glück habe, sickert nur etwas Blut durch die Hose, wenn ich Pech habe, dann treffe ich mit meinem Gesicht die Dachkante und sehe nie wieder so aus wie früher.
susiwolf (02.09.2008, 17:52 Uhr)
die Kraft der Waffe.....
.....ist in der psychologischen Bewertung leider zu kurz gekommen.
Stehen sich Autofahrer und Radfahrer gegenüber -säbelrasselnd-
-agressiv-
-aufbäumend-
wer gewinnt?
Der schnelle, flexible, kraftvolle Radfahrer ODER der geschützte,
unbewegliche Autofahrer?
Es gibt kein Entkommen:Den Kampf wollen BEIDE.
Übers Jahr gesehen, nach Beendigung eben dieser Kämpfe: Tausende Tote durch Autofahrer-Innen...Fingerabzählbare durch Radfahrer-Innen.
Wer hat letztlich gewonnen ?
Kiezzabel (02.09.2008, 17:05 Uhr)
volle zustimmung, clemens64
heute morgen auf dem weg zur Arbeit: Zweimal Rechtsabbieger, einmal einfach so voll geschnitten, einmal Hundeleine übern Fahrradweg gespannt, zweimal torkelnden Fußgängern ausgewichen, einmal das Rad über Glasscherben gehoben, heute war echt scheisse. -- es ist nicht immer so,
Aber wenn man als Radfahrer sich nicht ständig in die Autofahrer hineinversetzt ("Kann der mich sehen?", "Hier könnte ein Auto aus der Ausfahrt kommen, und der sieht mich bestimmt nicht?" etc. etc. etc.), wird man einfach nicht alt.
und auch wenn ich ständig für andere mitdenke, und meist nie davon ausgehe, dass jemand auf meinem Fahrrad beachtet, geschweige denn vorausdenkt, sitze ich mindestens zweimal im Jahr bei mir im Badezimmer und Pflaster wahlweise meine Ellenbogen oder Knie mit Hansaplast zu.
So ist das nunmal, wenn man in der Großstadt Fahrrad fährt.
Von den bewegungslosen Hindernissen mal ganz ab, frei nach dem Motto: Wenn es mit dem Fahrrad kracht, dann wars ein Poller in der Nacht!
:)
Clemens1964 (02.09.2008, 16:31 Uhr)
ich stelle fest,
dass autos (am liebsten suv) zunehmend als waffe eingesetzt werden. und gut, das sommerloch muss gefüllt werden - aber fahrradfahrer sind nun mal zu 99% opfer, nicht täter. aggressiv sind sie wegen der kleinen, mittleren und lebensbedrohenden rücksichtlosigkeiten, denen sie z.b. in berlin quasi im minutentakt ausgesetzt sind.
thsherlok (02.09.2008, 16:21 Uhr)
Zebrastreifen/Ampeln
Es ist richtig das man das Fahrrad schieben (bzw. mit dem Fahrrad rollern) muss wenn man das Vorrecht das der Zebrastreifen Fußgängern einräumt warnehmen will (denn dann gilt man rechtlich als Fußgänger).
Fährt man mit dem Fahrrad über einen Zebrastreifen ist es einfach ein überqueren der Fahrbahn (und ob dabei nun der Zebrastreifen überfahren wird, oder rechts bzw. links davon ist irrelevant).
Bei Ampeln ist es so, das eine Fußgängerampel erst einmal nur für Fußgänger gilt und für Radfahrer (genauso wie für Autofahrer) keinerlei Bedeutung hat. Nur wenn eine Radwegfurt an eine Fußgängerfurt grenzt, dann gilt auch die Fußgängerampel für Radfahrer. Existiert eine eigene Radfahrerampel gilt diese für alle Radfahrer, egal ob sie sich auf der Fahrbahn (und egal ob die Ampel von dort aus einsehbar ist) oder auf dem Radweg befinden.
TH
Svjuerg (02.09.2008, 16:10 Uhr)
@thsherlok
Also wir haben ein Buch zur Kindererziehung im Strassenverkehr daheim, und da steht ausdrücklich drin, dass man das Fahrrad schieben muss. Daher meine Infos, und das ist vom Land BW herausgegeben. Nichts destotrotz, auch wenn das offen ist, ist die Pflicht zur Sorgfalt bei der Überquerung auch beim Radfahrer. Mit 30 Sachen drüberfahren ist nicht okay. Wegen der Ampelfrage..... ich finde es eh heiss wenn ich mit dem Rad unterwegs bin und anhalte, wieviele dann einfach weiterfahren, oder wenn sie auf der Strasse waren auf den Gehweg wechseln, über die Fussgängerampel bei Grün fahren und dann wieder auf die Strasse gehen. Hart, aber leider oft der Fall. Begründung ist, dass man ja Kräfte sparen will. :( Dann sollte ich das Radfahren lassen wenn es daran hapert.
thsherlok (02.09.2008, 15:58 Uhr)
@Svjuerg (Zebrastreifen)
Richtig ist, das Radfahrer am/auf dem Zebrastreifen keinen Vorrang haben, falsch ist aber das sie über den Radweg schieben müssen. Radfahrer dürfen den Zebrastreifen fahrend nutzen, nur haben sie dort dann keinen Vorrang vor Autofahrern.
Es gibt übrigens Urteile, das ein "rollernder" Radfahrer als Fusgänger gilt und damit Vorrang hat.
Die Zebrastreifenregel ist ja noch einfach, viel schwieriger zu entscheiden ist, wann welche Ampel für den Radfahrer gilt. Da gibt es sehr divergierende Ansichten.
TH
Kiezzabel (02.09.2008, 15:58 Uhr)
willy 2
kann ich so leider (auch als Autofahrer, der ich ja nun auch bin) nicht bestätigen.
Eher kann ich bestätigen, was in den Broschüren der Verkehrspolizei steht, und auch, dass nur eine Minderheit der Autofahrer den geforderten Mindestabstand von einem Meter zu Radfahrern beim Überholvorgang einhält.
Aber lassen wir das. Sehr unbefriedigend ist die derzeitige Rechtslage zur Benutzungspflicht für Radfahrer, die seit mehr als zehn Jahren vor sich hindümpelt, ohne dass es einen Interessiert.
Zum Thema: Ich konnte in diesem Frühjahr Ansätze des Shared Space in Göttingen bewundern, und muss leider den SUV-Vorurteilen zustimmen :(
Svjuerg (02.09.2008, 15:48 Uhr)
Nicht einer ist schuld
Es gehören immer zwei dazu. Ich selber fahre mit dem Fahhrad und auch dem Auto zur Arbeit. Und daher sehe ich auf beiden Seiten die "Fehler". Manche Radfahrer heizen bei Zebrastreifen einfach drüber ohne zu schauen, dabei müsste man laut Regel sogar schieben. Einige Autofahrer sehen den Radfahrer und geben Gas, damit er nicht vor ihnen rüber fährt. Wozu? Das Verhalten ist generell extremer geworden, und überall pochen die Leute mehr auf "Ihre Rechte", die des anderen sind egal. Immer nur "ICH", und das nervt und kostet Menschenleben, nicht selten. Ich wurde letztens erst selber fast überfahren, weil eine Frau meinte in der Tempo30 Zone mit 70 fahren zu müssen, und am Radweg nicht mehr anhalten konnte. Ich wäre mit Klickpedalen fast in dem Kombi seitlich drin gesteckt. Der einzige Kommentar war ein Schulterzucken. :( soviel dazu....
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